Interviewserie „Über den Rand“ Gar keine deutsche Buchhandlung mehr in Paris?

Also haben sie einfach eine eigene Buchhandlung in Paris eröffnet…

Ich bin 2014 zurück nach Paris. Über den buchhändlerischen Buschfunk erfährt man dann immer wieder von Schließungen oder Geschäftsumwandlungen. Auf diesem Wege habe ich dann erfahren, dass die damals größte deutsche Buchhandlung, die Buchhandlung Marissal, eine Filiale des Stammhauses in Hamburg, schließen würde. Ich habe mir dann gedacht: Gar keine deutsche Buchhandlung mehr in Paris – das ist nicht so recht vorstellbar.

Woher kommt denn die Tradition der deutschen Buchhandlungen in Paris?

Das beruhte immer auf Privatinitiativen. Es waren Leute, die selbst Buchhändler waren. Der bekannteste war wohl Herr Flinker, der in der Nähe von Notre-Dame eine Buchhandlung hatte. Er war Österreicher. Die Initiative, die deutschsprachige Literatur zu vermitteln, ging von ihm selbst aus. Die Franzosen sind übrigens sehr belesen und sehr literaturinteressiert, vor allem was die Klassiker angeht.

War die Geschäftsgründung in Frankreich schwieriger oder einfacher als in Deutschland?

Schwieriger. Man kann in Frankreich zwar ein kleines Gewerbe anmelden, dann ist man Alleinunternehmer, „entrepreneur“. Der Umsatz ist aber gedeckelt. Wenn man einen Businessplan hat und einen Firmenkredit aufnehmen möchte, dann stellt man sich auch einen anderen Umsatz vor. Man muss dann eine Gesellschaft gründen. GmbHs sind hier eher nicht so etabliert, sondern verschiedene Arten von Aktiengesellschaften. In Frankreich muss man sich außerdem das Recht an einem kommerziellen Mietvertrag erkaufen. Die Summen schwanken zwischen 5.000 Euro und 500.000 Euro.

Sie haben es dann hingekriegt und haben sich im Quartier Latin niedergelassen. Wieso dort?

Es ist eines der ältesten Viertel von Paris, gehört zum 5. Arrondissement und liegt zwischen Notre-Dame und der Sorbonne. Es ist schon immer das Studentenviertel, ist intellektuell geprägt und hat viele Buchhandlungen, nicht nur französische, sondern auch ausländische. Es gibt auch Verlage, die hier sitzen, und etliche Schulen. Es ist hier also ein gewisses Potenzial an Kunden vorhanden.

Also wollten Sie vor allem Studenten mit Ihrem Angebot ansprechen …

Studenten, Dozenten, Lehrer aber natürlich auch alle anderen Interessierten. Unser Laden liegt im Zentrum – erst hatten wir unser Geschäft ungefähr 200 Meter von Notre-Dame, jetzt sind es 350 Meter. Notre-Dame ist in Paris der Kilometer null, also das Zentrum. Da fährt eigentlich alles hin. Es war mir wichtig, dass der Laden nicht weit ab vom Schuss liegt. Der Standort sollte neben dem Potenzial an Kunden auch eine gewisse Attraktivität haben.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit in Paris von derjenigen in Deutschland unterschieden?

Eine deutsche Buchhandlung in Paris ist eine Spezialbuchhandlung. Die Spezialisierung bedingt ein anderes Klientel. Es kommen nur Leute, die des Deutschen mächtig sind, oder es lernen wollen. Am Anfang habe ich mir gedacht, dass sich schon auch mehr deutsches Publikum unter meinen Kunden finden würde. Man sagt, dass ungefähr 50.000 Deutsche in Paris in der Innenstadt leben. Leider waren das aber kaum meine Kunden. 80 Prozent waren Franzosen. Und von den 20 Prozent, die da noch übrig bleiben, war die Nummer eins Österreich, gefolgt von der Schweiz. Danach kamen andere Ausländer und ganz zum Schluss Deutschland.

Woran lag das?

Es gibt viele Deutsche, die hier schon dreißig oder vierzig Jahre leben. Die lesen vielleicht dann von Haus aus mehr französische Literatur. Dann gibt es sicherlich eine Gruppe, die im Internet bestellt, weil es für sie bequem ist. Und dann gibt es eine Gruppe von „expatriés“, die viel reisen. Und die kaufen dann deutsche Literatur, wenn sie in Deutschland sind.

 

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