Interviewserie “Über den Rand” Benni Over: Mit Rollstuhl im Regenwald

Hier ist Benni zusammen mit dem ein Jahr alten Orang-Utan-Baby Mona zu sehen. Für den 28-Jährigen war es der schönste Moment seiner Reise nach Borneo. "Die Augen der Orang-Utans sagen die Wahrheit und berühren tief in der Seele", sagt er. Foto: Over

Seit seiner Kindheit leidet Benni Over aus Niederbreitbach (Rheinland-Pfalz) an Muskeldystrophie Duchenne (schleichendem Muskelschwund). Er sitzt im Rollstuhl, ist fast vollständig gelähmt und muss seit einem Luftröhrenschnitt von einer Maschine beatmet werden. Trotzdem setzt sich der 28-Jährige mit großer Kraft für eine Tierrasse ein, die ihm sehr am Herzen liegt: Orang-Utans. Er hält Vorträge an Schulen, hat ein eigenes Kinderbuch geschrieben (“Henry rettet den Regenwald”) und reiste 2016 sogar selbst nach Borneo. Im Interview mit idowa erzählt er von seiner Leidenschaft für Orang-Utans, von Regenwald-Reisen im Rollstuhl und einem schönen Moment namens Mona.

Herr Over, Sie setzen sich seit Jahren für Orang-Utans ein, wurden sogar von Hilfsorganisationen zum Botschafter für die Tiere ernannt. Warum sind Ihnen Orang-Utans so wichtig?

Benni Over: Begonnen hat alles mit einem Besuch im Berliner Zoo vor fünf Jahren. Ich bin den ganzen Tag vor dem Orang-Utan-Gehege stehengeblieben und habe zugeschaut, wie sie spielen. Vor allem ein kleiner Orang-Utan namens Bulan hat mich fasziniert. Er hat soviel Quatsch und Blödsinn gemacht. Irgendwie haben mich seine Augen wirklich berührt. Danach habe ich im Internet alles recherchiert, was es über die Menschenaffen zu wissen gibt. Dabei habe ich erfahren, dass sie vom Aussterben bedroht sind, weil die Menschen ihren Lebensraum durch Regenwaldabholzungen oder Brandrodungen zerstören, um dann darauf Palmölplantagen aufzubauen.

Wie schlimm ist die Lage?

Over: Auf Sumatra leben nur noch etwa 54.000 wildlebende Orang-Utans - auf Borneo sind es sogar nur noch 14.000. Am Schlimmsten ist: Wenn die Bulldozer – oft illegal - zur Abholzung anrücken und Orang-Utans in den Bäumen auf der Flucht sind, dann werden sie gejagt und einfach getötet. Oft werden gezielt nur die Mamas in den Bäumen abgeschossen und das überlebende Baby wird mitgenommen. Es kommt sogar vor, dass Orang-Utans ins Ausland geschmuggelt oder als Haustiere verkauft werden, wenn sie noch ganz jung sind. Man vermutet, das jährlich 1.000 Orang-Utan-Waisen auf diese Weise verschwinden. Nur wenn Hilfsorganisationen von den Abholzungen erfahren, haben die Kleinen eine Überlebenschance. Sie werden dann in Rettungs-Camps aufgenommen und dort medizinisch versorgt. In den Rettungs-Camps erhalten die Babys eine menschliche Ersatzmutter und lernen alles, was sie sonst von ihren richtigen Mamas gelernt hätten – etwa zu klettern, ein Baumnest zu bauen oder zu unterscheiden, was sie essen dürfen und was nicht. Wenn sie alles gelernt haben, werden sie ausgewildert und dürfen in einem geschützten Regenwald in Frieden und Freiheit leben. Das dauert meist zwischen sechs und acht Jahre – solange wie Orang-Utans normalerweise auch bei ihren leiblichen Mamas bleiben würden.

Sie schreiben, dass Orang-Utans eine wichtige Rolle für den Fortbestand des Regenwaldes spielen. Inwiefern?

Over: Orang-Utans werden oft auch als Gärtner des Regenwaldes bezeichnet. Denn sie spielen in diesem Öko-System eine ganz besondere Rolle: Aufgrund ihrer Futterauswahl und den Ausscheidungen sorgen sie für den Fortbestand gesunder Wälder: jener Wälder, die Sauerstoff produzieren, den unsere Welt gerade in Zeiten des Klimawandels so dringend braucht.

2016 sind Sie selbst nach Borneo gereist, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Im Rollstuhl durch den Dschungel – das war sicher nicht einfach. Was waren die größten Herausforderungen?

Over: Zunächst einmal brauchten wir eine Erlaubnis der Rettungsorganisationen vor Ort. Normalerweise dürfen keine Touristen in die Rettungscamps. Für mich haben sie aber eine Ausnahme gemacht. Wir wurden auch bei der Planung und Durchführung unserer Reise unterstützt. Trotzdem gab es auch Momente, die kritisch waren. Einmal standen wir etwa plötzlich vor einer eingestürzten Brücke und mussten überlegen, wie wir es trotzdem auf die andere Seite schaffen – und dies bei 35 Grad im Schatten. Wir haben dann improvisiert und ich wurde über schlammige Wege und eine von den Einheimischen errichtete, klapprige Baumbrücke getragen. Irgendwie sind wir – meine Familie und ich – die gesamten zwei Wochen von den Menschen vor Ort „getragen worden“.

Sie haben Ihre Familie erwähnt. Unterstützt sie Sie bei Ihren Plänen?

Over: Wegen meiner Behinderung bin ich immer schon auf die Hilfe meiner Familie angewiesen – und seit dem Wechsel in den Rollstuhl und meinem Herzstillstand mit anschließendem Luftröhrenschnitt noch mehr. Meine Eltern und mein Bruder Florian stehen mir immer zu Seite, helfen bei der täglichen Pflege und sind natürlich auch dabei, wenn es auf Reisen geht.

Gibt es einen Moment Ihrer Reise, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Over: Ja. Als die einjährige Mona, auch ein Orang-Utan-Waise, an mir hochgekrabbelt ist und dann lange Zeit auf meinem Schoß sitzengeblieben ist und dabei genüsslich eine Banane gegessen hat.

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