Interviewserie "Über den Rand" Hans Grimm: 30 Jahre JVA-Dienst

Hans Grimm (79) erzählt von seiner Zeit als Mitarbeiter in der JVA. Foto: Seidl

Hans Grimm (79) war dreißig Jahre hinter Gittern – und zwar als Wachmann in der JVA Straubing. Er hat mit idowa über den ersten Tag im Gefängnis, Ausbruchsversuche und Weihnachten hinter Gittern gesprochen – und wieso eines Tages ein Baby an der Pforte auf ihn wartete.

Herr Grimm, Sie haben keinen Zaun zwischen Ihrem Grundstück und dem Grundstück der Nachbarn. Wie kommt das?

Hans Grimm: Der Zaun ist verrostet, dann haben wir ihn weggemacht. Wir wollten eigentlich einen neuen Drahtzaun wieder aufziehen. Da haben sich unsere Buben beschwert, weil es ihnen so gefallen hat – einfach rüber und wieder zurück, wie sie es gerade gebraucht haben. Mit dem Nachbarn hab‘ ich dann drüber gesprochen, und wir haben uns entschieden, den Zaun wegzulassen, zumindest solange, bis die Kinder nicht mehr im Haus sind. Dann ist es aber nie mehr was geworden mit dem Zaun. Als dann der neue Nachbar gekommen ist, hab‘ ich ihm gesagt, dass wir gemeinsam wieder einen Zaun hinmachen können, wenn er das will. Er hat dann gesagt: „Nein, wir brauchen keinen Zaun.“

Ihr Job hatte aber vielmehr damit zu tun, Grenzen zu setzen, und Menschen daran zu hindern, diese Grenzen zu überschreiten. Wann war denn ihr erster Arbeitstag in der JVA in Straubing?

Grimm: Den hatte ich im Jahr 1969.

Wie sind Sie denn zu Ihrem Beruf als Wachmann gekommen?

Grimm: Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe erst bei der Brauerei in Hohenthann gelernt, dann habe ich bei der Brauerei Röhrl gearbeitet. Da war ich zehn Jahre. Dann habe ich mir beim Biertragl-Stapeln die Sehne gerissen. Fünf Tragl habe ich stapeln können, das sechste habe ich geschubst, sieben haben ‘rauf gemusst. Der Doktor hat mich operiert und gesagt: „Herr Grimm, was sind Sie von Beruf?“ Ich habe ihm gesagt, dass ich Brauer und Mälzer bin. Dann hat er gesagt, dass ich mich um einen anderen Beruf umsehen muss, etwas, was weniger körperlich anstrengend ist.

Als Sie durch das Tor gegangen sind: Hatten Sie Angst? Waren Sie aufgeregt?

Grimm: Beides. Aber mehr Angst als aufgeregt. Besichtigt hatte ich die JVA zwar schon vorher. Aber wie es wirklich abläuft, davon hatte ich natürlich keine Ahnung. Und der erste Tag dann: Ich, mit meinem Gwandl draußen… Im Laufe der Zeit ist es dann natürlich gut gegangen. Man hat gelernt, wie man die Gefangenen führen muss, und auch, wie man selber geht, damit man sie im Blickfeld hat. An meinem ersten Tag habe ich dann auch zum ersten Mal Betriebsschluss erlebt. Die Anstalt ist ein Sternbau mit A-, B-, C- und D-Flügel. Zum Betriebsschluss kommen dann die Gefangenen von drei Seiten, 1.000 Leute fast. Ich stand da, und 1.000 Verbrecher kamen auf mich zu von drei Seiten. Ich wäre am liebsten eine Maus gewesen und hätte mich verkrochen. Nach zehn Minuten war dann der Spuk vorbei.

Was war denn dann am Schwierigsten für Sie zu lernen? War es das Einsperren von Menschen oder war es der Umgang, der vielleicht etwas grober ist?

Grimm: Das man einsperren muss ist innerlich gar nicht so schwierig. Es ist einfach so. Man kann ja nicht offenlassen. Schwierig ist es mit Leuten, die Schläger sind. Das ist schon happig.

 

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