Interview Wolbergs: "Ich habe keinen Plan B"

Joachim Wolbergs beim Interview. Mit großem Nachdruck bezieht der suspendierte Regensburger OB Position. Foto: Susanne Pritscher

Der suspendierte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (48) verantwortet sich derzeit vor dem Landgericht Regensburg wegen des Verdachts der Vorteilsnahme und des Verstoßes gegen das Parteiengesetz. Es geht dabei unter anderem um Spendenflüsse und die Vergabemodalitäten des Areals der Nibelungenkaserne. Das Verfahren wird voraussichtlich bis Ende April dauern. Im Interview kritisiert Wolbergs die Berichterstattung über seinen Fall, äußert sich über kritische Stimmen zu seiner Person und spricht über seine Zukunftspläne.

Herr Wolbergs, wie geht es Ihnen?

Wolbergs: Es ist unterschiedlich. Natürlich gibt es Tage, da geht es mir „beschissen“. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich stehe auf, gehe zur Tür und will die Post holen. Dann liegt die Zeitung auf meinem Fußabstreifer. Ich sehe die Überschrift des Artikels, in der zum Beispiel steht, dass ich eine dritte Klage auf den Tisch kriege. Dann gehe ich zum Briefkasten und sehe schon dieses gelbe Couvert – und der Tag ist gelaufen. Weil ich dann alles nicht verstehe und mich frage: Wie reagiere ich jetzt darauf? Es gibt auch andere Tage, da geht es mir ganz gut. Es gibt Begegnungen, die mir nach wie vor Spaß machen. Vor Gericht ist es unterschiedlich.

Seit einiger Zeit wenden Sie sich regelmäßig mit selbstproduzierten Videos an die Öffentlichkeit. Wieso gehen Sie nicht den Weg über die klassischen Medien?

Wolbergs: Tatsächlich ist es so, dass ich mit Beginn der Ermittlungen und noch mehr nach der Haft jede Woche Auseinandersetzungen mit meinen Anwälten hatte, weil ich raus wollte mit Informationen. Und die Anwälte haben mir immer empfohlen, auf das laufende Verfahren hinzuweisen und nichts zu sagen. Und dann hatte ich irgendwann entschieden, auch aus Respekt gegenüber dem Gericht, bis zum Beginn der Verhandlung nichts zu sagen. Die Medien haben mich dafür kritisiert und haben darauf hingewiesen, dass, wenn ich nichts sage, sie nur das schreiben könnten, was von der Staatsanwaltschaft kommt. Insbesondere während der Haft sind dann medial Dinge passiert, die für mich unbegreiflich waren …

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wolbergs: Ich habe einen zweiseitigen Bericht in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin über meine Verhaftung gelesen. Da war alles falsch. Da stand, dass ich im Stadtwesten in einer Tiefgarage des Herrn Tretzel verhaftet worden wäre. Tatsächlich bin ich im Stadtosten in der Tiefgarage des Hauses, wo ich wohne, verhaftet worden. Weiter hieß es, ich sei von einer SEK-Einheit mit Maschinengewehren im Anschlag festgenommen worden. Tatsächlich bin ich von Beamten in Zivil aus Regensburg festgenommen worden, ohne Handschellen und ohne Waffen. Da frag ich mich einfach, was da los ist. Es gab für mich dann ein Schlüsselerlebnis: Eine Frau hat mir geschrieben: „Herr Wolbergs, bis jetzt habe ich Ihnen geglaubt. Aber das, was ich da lesen muss über die vermeintlichen privaten Vorteile, lässt mich zweifeln.“ Ab dem Zeitpunkt wusste ich: Ich muss jetzt rausgehen, weil ich sonst noch mehr an Vertrauen verliere. Ich muss mich jetzt erklären.

Joachim Wolbergs beim Interview

Möchten Sie mit Ihren Veröffentlichungen politischen Druck ausüben? Ist das Teil Ihrer Strategie?

Wolbergs: Ich habe überhaupt keine Strategie. Mein Vertrauen in die Medien, oder vielmehr in manche Medien, ist einfach grundlegend erschüttert. Und es geht schließlich um meine Existenz. Es geht um Genauigkeit. Für mich kommt es entscheidend auf die Frage an: Wie war das genau? Ich kann in Videobotschaften am Stück meine Sichtweise schildern, ohne dass es jemand für mich interpretiert. Im Moment nutze ich die sozialen Medien, obwohl ich ihnen gegenüber total skeptisch bin – auch, weil ich seit meinem Verfahren sehe, wieviel Hass da unterwegs ist. Teilweise ist ein Kommentar übler als der nächste. Aber ich habe derzeit nur zwei Wege. Der eine ist der digitale. Der zweite Weg ist der analoge. Und der ist mir noch wichtiger. Also mit Leuten direkt ins Gespräch zu kommen. 

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