Interview "Das sitzt bei mir sehr tief"

Zu möglichen Auswirkungen Ihres Falles auf die Kommunikation im öffentlichen Raum: Als Journalist hat man den Eindruck, dass man mittlerweile schwieriger an Informationen aus dem Rathaus kommt, als noch vor einigen Jahren.

Wolbergs: Ich glaube, dass die Offenheit sinkt, und auch die Entscheidungsfreudigkeit. Ich kenne städtische Dienststellen, die sichern sich mittlerweile intern mit Anwaltsgutachten ab. Das müssen Sie sich vorstellen! Alle Leute glauben auch immer, dass die Stadtverwaltung eine Firma ist, und zum Schluss mit einer Stimme redet. Das ist ganz anders. Eine Stadtverwaltung ist, wenn man so will, das Konglomerat von unterschiedlichen Interessen, teilweise sogar von unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben. Und dann ist da noch etwas: Die Politik darf keinen Fehler zugeben, Journalisten, die Verwaltung, Ermittlungsbehörden dürfen keinen Fehler zugeben. Und im öffentlichen Dienst ist das natürlich besonders ausgeprägt. Das Problem ist, wenn wir einen Fehler machen, kriegen wir in der Öffentlichkeit und von einigen Medien immer sofort eine drauf. Wenn es schneit und es ist nicht gleich alles weg, dann heißt es, dass die Stadt wieder versagt hat. Oder wenn mal bei einer Veranstaltung etwas schiefläuft. Es sichern sich immer alle ab, weil wir immer schuld sind. 

In die Zukunft geblickt. Sie haben sich vorgenommen, bei der nächsten Kommunalwahl zu kandidieren. Mit einer eigenen Liste.

Wolbergs: Naja, ich bin überzeugter Sozialdemokrat. Das ist bekannt. Ich bin seit 31 Jahren in der SPD. Und für mich ist es bis heute unvorstellbar, dass die SPD eine Partei ist, die immer über Solidarität redet, und wenn es dann um die Frage der Solidarität mit einem eigenen Mitglied geht, dann machen sich die Führenden ganz schnell vom Acker. Das sitzt bei mir sehr tief. Die Menschen glauben so einer Partei auch nicht mehr, die ihre eigenen Leute nicht schützt.

Sie sind offensichtlich sehr enttäuscht von ihren Parteifreunden.

Wolbergs: Nicht von den normalen Mitgliedern. Da stehen ganz viele auf meiner Seite. Menschlich auf meiner Seite, nicht im Sinne von Schuld oder Unschuld. Das habe ich auch nicht erwartet. Ich habe auch nicht von einer Landtagsabgeordneten oder sonst jemandem erwartet, dass man sagt: „Der Wolbergs ist unschuldig.“ Ich habe nur erwartet, dass man sagt: „Das ist einer von uns. Und der muss dieselbe Chance haben, wie jeder andere auch.“ Das wäre nicht nur menschlich normal gewesen, sondern auch politisch klug. Denn die Tatsache, dass man es nicht gemacht hat, hat dazu geführt, dass die SPD heute aus zwei Lagern besteht. Auf jeden Fall gilt in Bezug auf die Kommunalwahl: Sollte ich schuldig gesprochen werden, als korrupter Politiker, dann ist es vorbei. Das habe ich immer gesagt. Stand heute bin ich aber wild entschlossen, wieder zu kandidieren. Was dabei rauskommt – ich habe keine Ahnung.

Joachim Wolbergs beim Interview

Wenn alles für Sie so ausgeht, wie Sie es sich vorstellen, und Sie wieder amtierende Spitze dieser Stadt würden: Was wären die konkreten Projekte, die Sie angehen würden?

Wolbergs: Also das Thema Wohnen ist natürlich ein Dauerbrenner. Mobilität ist es auch. Mit dem zentralen Omnibus-Bahnhof zum Beispiel: das kann alles gar nicht schnell genug gehen. Ansonsten glaube ich, werden wir uns in der Stadt in den nächsten zehn Jahren auch viel mit anderen Dingen beschäftigen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Wohlstand dieser Stadt auch wieder sinken kann. Bei allen Prognosen, was man heute über die Weltwirtschaft weiß, wird es auch in Regensburg nicht immer so bleiben, wie es heute ist. Dann muss man sich fragen: Was ist wirklich wichtig? Und dann zählt Zusammenhalt innerhalb der Stadtgesellschaft. Und das wird das zentrale Thema sein.

Alternativ zu einer Rückkehr ins Rathaus haben Sie keinen Plan?

Wolbergs: Nein. Mich juckt keine andere politische Ebene. Überhaupt nicht. Ich habe eigentlich keinen Plan B.

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