Interview Was sind die Gefahren der Serie "Tote Mädchen lügen nicht"?

In "Tote Mädchen lügen nicht" geht es um den Selbstmord der Schülerin Hannah. Serie und Buch sorgen für Diskussionen. Foto: Netflix

Die Thriller-Serie um den Selbstmord einer Schülerin ist gerade der Hit auf Netflix. Doch sie hat eine Diskussion ausgelöst: Kann "Tote Mädchen lügen nicht" zum Suizid verleiten? Wir haben mit Dr. Matthias von Aster gesprochen, dem Chefarzt der jugendpsychiatrischen Klinik im Bezirkskrankenhaus (BKH) Landshut.

Immer wieder rufen TV-Serien, Bücher oder Computerspiele ein großes Medienecho hervor, auch, weil immer die Angst mitspielt, dass junge Zuschauer von ihnen beeinflusst werden. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass Medien Zuschauer beeinflussen?

Dr. Matthias von Aster: Das ist sogar mehr als nur wahrscheinlich, dazu gibt es gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse. Abgesehen davon: würde von Seiten der Wirtschaft so viel Geld in mediengestützte Werbung investiert, wenn es diesen Einfluss nicht gäbe? Bei Film- und Serienmaterial wird die Gefahr einer negativen Beeinflussung von Jugendlichen verständlicherweise gern bagatellisiert. Die Kunst- und Schaffensfreiheit ist ein hohes Rechtsgut, das in Konkurrenz zur Übernahme von Verantwortung oder gar Haftung für mögliche Auswirkungen steht. Mehr noch als Bücher können bewegte und animierte Bilder besonders suggestiv auf junge Menschen wirken. Bei Amokläufen von Schülern (Columbine) fand man häufig im Vorfeld intensiven Konsum gewaltverherrlichender Medien. Nun ist auch dies natürlich nie alleinige Ursache, aber einen erheblichen Einfluss kann man m.E. nicht mehr ernsthaft leugnen. Übrigens war die Netflix-Serie bei einigen Notfallvorstellungen in unserem Haus bereits Thema.

Das Thema Mobbing - eines der Hauptthemen in der Serie "Tote Mädchen lügen nicht" - ist äußerst aktuell. Haben denn Mobbingfälle und Suizidversuche bei Schülern in den vergangenen Jahren tatsächlich zugenommen?

Ja, die Häufigkeit von Mobbingerfahrung nimmt bei Jugendlichen deutlich zu. Im Jahr 2007 waren an Hauptschulen 13 Prozent, in Realschulen 10 und in Gymnasien etwa sieben Prozent der Schüler davon betroffen. Bei Befragungen aus dem Jahr 2013 gaben schon 18 Prozent an, Mobbing erfahren zu haben. Dabei gibt es im Jugendalter einen hohen Anteil von Betroffenen, die sowohl Opfer als auch Täter waren. Der vollendete Suizid ist weiterhin die zweithäufigste Todesursache im Jugendalter. Während die Anzahl vollendeter Suizide über die Jahre relativ konstant bleibt, scheinen Suizidversuche und Selbstverletzungen zuzunehmen. Auch die Häufigkeit von Cyber-Gruppensuizidalität, also Verabredungen zum Suizid im Netz, scheint anzusteigen. Ganz allgemein kann aber auch gesagt werden, dass Sinnfindungs- und Selbstwertkrisen im Jugendalter reifungsbedingt recht häufig sind und nicht selten auch mit existenziellen Fragen von Leben und Tod verknüpft sind. Dabei können auch Selbstmordgedanken auftreten, die aber bei Weitem nicht immer handlungsleitend oder gefährlich werden.

In der Diskussion um die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" wurde häufiger der Begriff "Werther-Effekt" verwendet. Können sie kurz erklären, um was es sich dabei handelt?

Unter dem Werther-Effekt versteht man die Nachahmungswirkung, die Suizidhandlungen oftmals auf andere Menschen mit einer entsprechend latenten Verhaltensbereitschaft haben. In Goethes autobiographisch motivierter Romanerzählung von den "Leiden des jungen Werther“ endet die enttäuschte romantische Liebe des Helden mit seinem Freitod. Nach der Veröffentlichung des Romans gab es eine ganze Welle von Nachahmungstaten. Dieses Phänomen wird auch in unserer Zeit, z.B. nach dem Tod des Fußballtorwarts Robert Enke, immer wieder beobachtet. Aus diesem Grund ist man in den Medien in der Regel auch zurückhaltend im Umgang mit solchen Nachrichten. Übrigens kann ich eine m.E. recht gelungene Verfilmung der Werther-Geschichte in „Goethe“ von Philipp Stölzl empfehlen. Als Goethes Angebetete darin die suizidalen Gedanken und Absichten ihres Verehrers bei der Lektüre seines Romanmanuskriptes erkennt, besucht sie ihn im Gefängnis und ohrfeigt ihn kräftig. Im Roman stirbt der Held und nach ihm einige Leser. Der junge Autor verarbeitet aber seinen Liebeskummer durch das Aufschreiben der Geschichte - und überlebt.

Ist es durch das Internet und die neuen Medien leichter geworden, jemanden zu mobben?

Ja. Die neuen Medien senken die Aggressionsschwelle durch die vergrößerte Distanz zum leibhaftigen Gegenüber. Der Angreifer bleibt in Deckung, kann die Betroffenheit und Verletzung seines Opfers ausblenden, kann dadurch der emotionalen Anteilnahme an der Wirkung seiner Aggression entkommen, vermeidet so die Übernahme von Verantwortung und muss auch keine direkte Gegenwehr fürchten. Die kulturelle soziale Hemmung in der persönlichen Begegnung wird durch die Verfügbarkeit der neuen Medien geschwächt.

Wie merke ich, ob ein Mitschüler unter Mobbing leidet? Wie sieht es beim Thema Suizid aus?

Wenn sich ein Schüler aus Verunsicherung und Scham nicht mit Worten gegenüber Freunden oder der Familie mitteilen kann, dann ist die Wirkung von Mobbing oft an anderen aber eher unspezifischen Verhaltensänderungen zu bemerken. Solche Schüler ziehen sich dann oft zurück, meiden soziale Kontakte oder auch bisher besuchte virtuelle Räume in den sozialen Medien. Fehlzeiten in der Schule können sich häufen, oft begründet mit psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, Übelkeit oder körperlichen Schmerzen. Aber auch das Sich-Betäuben durch Rauschmittel ist keine seltene Folge. In jedem Fall sind Anspannung und Herabgestimmtheit zu beobachten, manchmal auch in gereizter oder aggressiver Form. Wenn die Verzweiflung zu Lebensmüdigkeit führt, sind solche Gedanken für den Betroffenen oftmals zunächst entlastend: „Wenn ich weg bin, ist auch meine Qual vorbei.“ Das kann dazu führen, dass diese Gedanken dann immer öfter gedacht und alternative Problemlösungen aufgegeben werden. Wenn diese Suizidgedanken weiter gehen und die Ausführung des Selbstmordes geplant wird, entsteht mit dieser Annäherung oft auch eine innere Zwiespältigkeit und Angst. In dieser Phase werden oft mehr oder weniger deutliche Signale ausgesandt. Es kommt zu Anspielungen, schriftlichen Mitteilungen oder Abschiedsbriefen, in der Erwartung, dass die Quälereien aufhören oder der Betreffende Schutz erfährt. Hier ist dann die Reaktion der Umwelt wichtig. Werden solche Signale nicht erkannt oder als erpresserisch gedeutet, im schlimmsten Fall sogar zum Gegenstand weiterer provozierender Herabsetzung genommen, dann kann das zu einer subjektiv empfundenen Ausweglosigkeit führen und die Wahrscheinlichkeit einer Suizidhandlung erhöhen..

Was kann ich tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Freund oder Mitschüler Suizidgedanken hegt?

Man sollte seiner Sorge Ausdruck geben und nachfragen. Oftmals sind die Betroffenen gehemmt, sich über Suizidgedanken mitzuteilen und deshalb auf eine solche Nachfrage angewiesen. Darüber hinaus sollte der Jugendliche aber unbedingt ermutigt werden, sich erwachsenen Vertrauenspersonen mitzuteilen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn der Betroffene eindeutige Hinweise auf Selbsttötungsabsichten kundgetan hat, sollten auch Eltern oder andere erwachsene Vertrauenspersonen informiert werden, um geeignete Hilfen einzuleiten. Oft sind Suizidgedanken auch unabhängig von Mobbingerfahrung Ausdruck einer Depression. Ein wesentliches Merkmal dieser Erkrankung ist die Unfähigkeit sich selbst zu mögen oder eine hoffnungsvolle Sicht auf die eigene Lebenssituation oder Zukunft einzunehmen. Ausgehend von dem zunächst notwendigen Schutz vor den eigenen Suizidabsichten, ist eine Behandlung heute oft sehr aussichtsreich.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich selbst unter Mobbing leide oder vielleicht tatsächlich Suizidgedanken habe?

Erste Ansprechpartner sollten Vertrauenspersonen in Familie oder Schule sein, natürlich die Eltern aber auch Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen. Es gibt einen Kinder-Notruf der anonymisierte Beratung geben kann. Auch der Hausarzt oder die Sprechstunden niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten können aufgesucht werden. Im Notfall ist die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik im BKH Landshut rund um die Uhr erreichbar, tagsüber auch an ihren Außenstandorten in Deggendorf und Passau.

 

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