Interview Was passiert beim Verliebtsein in unserem Körper?

Verliebte verhalten sich ähnlich wie Menschen mit Zwangsstörungen – sie können fast nur noch an das Objekt der Begierde denken. Schuld daran ist der gesunkene Serotoninspiegel. Foto: picture alliance/Monika Skolimowska/ZB/dpa

Es ist passiert: Du hast dich verliebt. Du spürst Schmetterlinge im Bauch und siehst deinen Partner durch die rosarote Brille. Dr. Dr. phil. Martin Dornberg erklärt, was jetzt in deinem Körper passiert und was wichtig ist, um eine Beziehung langfristig am Leben zu erhalten.

Herr Dornberg, warum verlieben wir uns überhaupt?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Wir Menschen sind auf Fortpflanzung trainiert. Das steckt in unseren Genen. Man weiß, dass Männer vor allem auf jüngere Frauen reagieren. Das signalisiert Gesundheit. Und über Gesundheit eben Fortpflanzungsfähigkeit. Männer reagieren eher auf weibliche Formen – also auf größere Brüste, ein breiteres Becken, einen größeren „Hintern“. Das signalisiert Fruchtbarkeit.

Und wie ist das bei den Frauen?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Frauen suchen nach Männern, die Sicherheit und Kraft signalisieren. Sie wollen also keine ebenmäßigen Gesichtszüge, wie sie der Mann bei der Frau sucht, sondern kräftige Gesichtszüge, breite Schultern, eine tiefe Stimme. Oder – in unserer Kultur – Männer, die Sicherheit durch Geld und Macht signalisieren.

Was passiert in unserem Körper, wenn wir uns verlieben?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Das Belohnungssystem (Die Erklärung der gefetteten Begriffe findest du hier) wird aktiviert, es wird also vermehrt Dopamin ausgeschüttet. Außerdem wird Adrenalin ausgeschüttet und wir haben dadurch zum Beispiel einen schnelleren Herzschlag. Serotonin, eigentlich auch ein Glückshormon, wird beim Verliebtsein aber weniger als sonst ausgeschüttet. Bei manchen Zwangserkrankungen wird Serotonin ebenfalls vermindert ausgeschüttet. Einige Forscher glauben deshalb, dass Verliebte zwanghaft an den anderen denken müssen: „Ruft er heute an? Ruft er heute nicht an? Warum ruft er nicht an?“

Was bestimmt, in wen wir uns verlieben?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Dabei spielt unser Geruchssystem eine wichtige Rolle. Ein Sprichwort sagt: „Ich kann den nicht riechen.“ Wir wollen jemanden finden, der genetisch ausreichend anders ist als man selbst. Denn wenn die Gene zu ähnlich sind, gibt es Erbkrankheiten. Wir brauchen eine gewisse Genveränderung, um überleben und uns an unterschiedliche Umweltbedingungen anpassen zu können.

Die Königshäuser in den vergangenen Jahrhunderten haben immer untereinander geheiratet. Dann gab es zum Beispiel mehr Bluterkrankungen. Denn so ein Inzest führt dazu, dass die Gene zu ähnlich werden. Dann ist die Widerstandskraft gegen Krankheiten reduziert. Wir brauchen also Sexualpartner mit unterschiedlichen Genen. Und das können wir riechen. Wenn wir also riechen, dass der Andere uns genetisch zu ähnlich ist, dann sagt uns die Evolution: „Halte dich von diesem Partner fern.“ Allerdings gibt es auch Probleme, wenn die Gene zu unterschiedlich sind. Manche finden zum Beispiel, dass Menschen mit einer anderen Hautfarbe irgendwie anders riechen. Und das empfinden sie auch als unangenehm.

Liebe soll ja bekanntlich blind machen. Was ist an diesem Sprichwort dran?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Das kann mit unserem Belohnungssystem zu tun haben. Weil uns das dazu bringt, alle Erfahrungen, die wir mal als positiv bewertet haben, immer wieder aufzusuchen. Das Belohnungssystem ist auch bei der Entstehung von Suchterkrankungen beteiligt. Wer zum Beispiel häufig Alkohol trinkt, bei dem wird das Belohnungssystem aktiviert und er kann die Finger schlecht von der Droge lassen. Die negativen Folgen der Suchterkrankung werden ausgeblendet.

Der zweite Faktor, warum Liebe „blind“ macht, ist der gefallene Serotoninspiegel. Der bewirkt, dass man gedanklich immer um das zwanghafte Objekt kreist, den Verliebten. Hier blendet man alles andere aus, man bekommt einen Tunnelblick.

Außerdem werden beim Küssen, bei Körperkontakt und beim Geschlechtsverkehr Oxytocin und Vasopressin ausgeschüttet. Diese Botenstoffe erzeugen ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit. Dadurch wird man darauf gepolt, die Schwächen des Partners zu übersehen, um bei ihm zu bleiben und so den Nachwuchs zu schützen.

Bindet uns also das Oxytocin länger an einen Partner, wenn die erste Verliebtheit verflogen ist?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Genau, Oxytocin bindet uns an den Partner. Die Gefahr von zu viel Bindung ist aber, dass unser Belohnungssystem auch immer neue Reize will. Es möchte einerseits Reize, die wir kennen, also zum Beispiel denselben Partner. Aber neue Reize haben einen höheren Belohnungseffekt. Auch das hat zum Teil wieder mit unseren genetischen Anlagen zu tun. Die Evolution braucht Abwechslung, um flexibel reagieren und Neues hervorbringen zu können. Längere Partnerschaften halten deshalb besser, wenn Bindung und Neues miteinander kombiniert werden.

Ist Treue langfristig gesehen also eher schwierig?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Rein hormonell gesehen, müssen Paare auf Dauer viel dafür tun, um eine Mischung aus Bindung und neuen Anregungen zu bekommen. Nach zwei, drei Jahren lässt die Verliebtheit nach und man muss sich selbst Kicks von Verliebtheit schaffen. Sonst wird es zu langweilig und man sucht sich außerhalb der Partnerschaft etwas Neues. Denn biochemisch gesehen gibt es irgendwann eine Art „Abnutzungseffekt“, wenn der andere zu sehr zur Gewohnheit wird. Abwechslung in langen Beziehungen kann es zum Beispiel durch Reisen oder Aktivitäten geben, die Adrenalin ausschütten – wie Sport.

Ist es heute durch Apps wie Tinder noch schwieriger geworden, treu zu bleiben?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Ja. Denn heute sind durch Dating-Apps geschlechtsverkehrbereite Individuen in Ortsnähe viel schneller zu finden. Man sagt ja: „Gelegenheit schafft Liebe.“

Was passiert bei einer Trennung im Körper?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Man bekommt hormonelle Entzugserscheinungen. Es kommt zu einem Abfall von Dopamin und Noradrenalin, weil es keine „Belohnung“ mehr gibt. Es wird kein Oxytocin mehr ausgeschüttet. Es kommt also auch zu einem Verlust an Bindung. Auch die Sexualhormone verändern sich, weil kein geeignetes „Objekt“ mehr da ist.

Gibt es Tricks, um schneller über eine Trennung hinweg zu kommen?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Der Trick ist, Aktivitäten zu machen, die das Belohnungssystem wieder aktivieren, die einem also Spaß machen. Anregende Dinge wie Sport pushen das Adrenalin und Noradrenalin. Außerdem sollte man Bindungen aufsuchen, die einem guttun – also sich zum Beispiel um vernachlässigte Freundschaften kümmern oder einem Verein beitreten. So wird durch andere Menschen das Bindungssystem aktiviert und die entzügigen Hormone werden wieder ausgeschüttet.

Außerdem ist es gut, wenn man aus dem Trennungsschock heraus wieder aktiv wird. Wenn man denkt: „Ich verarbeite das jetzt möglichst gut.“ Wenn man also die Trennung aktiv zu bewältigen versucht. Das ist immer gut für die Hormone.

Also wird auch bei Freundschaften Oxytocin ausgeschüttet?

Dr. Dr. phil. Martin Dornberg: Ja, auch bei nicht-sexuellen Kontakten, also einfach durch Geselligkeit. Man sitzt nah zusammen, umarmt sich vielleicht ... Es wird zwar nicht so viel Oxytocin ausgeschüttet wie beim Geschlechtsverkehr, aber man kann auf alle Fälle einen Teil des Hormonentzugs kompensieren.

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