Interview: Sport mit 92 Jahren Herbert Sieber: „Brust kann ich auch – ist aber langweilig“

Herbert Sieber geht trotz seines hohen Alters noch jeden Tag zum Schwimmen ins Straubinger Aqua Therm. Foto: Bastian Häns

92 Jahre alt und noch gar nicht müde: Herbert Sieber hat drei Menschen vor dem Ertrinken gerettet und einen Krieg mitgemacht. Stets sein treuer Begleiter: der Sport. Wir haben mit ihm gesprochen – über Wettkampfschwimmen mit 70 und was so passiert ist bei ihm, in den vergangenen 90 Jahren. Geführt haben wir das Interview – natürlich beim Schwimmen.
Das ist der Auftakt unserer neuen Interviewserie, in der wir mit erstaunlichen Menschen aus Nah und Fern über das sprechen, was sie so besonders macht, über das, was sie von der breiten Masse unterscheidet.

Herr Sieber, wie oft machen Sie in der Woche Sport?
Herbert Sieber: Ich schwimme jeden Tag 800 Meter, früher waren es noch 1.000 Meter, aber das schaffe ich jetzt leider nicht mehr. Das muss man zugeben. Gehen kann ich nicht mehr, deswegen fahre ich jeden Tag mit dem Rad zum Schwimmbad. Am Nachmittag fahre ich dann immer noch so 20 bis 30 Kilometer mit dem Rad.

Wohin fahren Sie denn immer?
Sieber: Ich fahre immer nach Kirchroth raus. Den Damm entlang. An der Donau, das ist ja herrlich. Ich fahre fast lieber Rad, als dass ich schwimme.

Was sagt denn ihre Frau zu ihrem Lebensstil?
Sieber: Meine Frau macht auch so viel Sport. Die ist ja zehn Jahre jünger und spielt regelmäßig Tennis. Manchmal geht sie auch mit mir zum Schwimmen. Sonntags radeln wir gerne nach Kirchroth, um da essen zu gehen. Auch meine beiden Jungs machen aktiv Sport.

Haben Sie Ihre Frau durch den Sport kennengelernt?
Sieber: Nein, ich kannte meine Frau schon als Kind. Früher war sie mir zu brav. Irgendwann habe ich sie doch angesprochen und gefragt, ob sie mit mir zum Essen gehen will. Ein halbes Jahr später habe ich sie gefragt, ob sie mich heiraten will. Dann haben wir am 5. Mai geheiratet. Ich war damals 40 Jahre alt.

Denken Sie, dass sie diese Sportlichkeit an die Kinder weitergegeben haben?
Sieber: Ich habe sie hingeführt. Wir haben zusammen Fußball gespielt und ich habe sie mit zum Schwimmverein genommen.

Haben Sie die Sportlichkeit von ihren Eltern geerbt?
Sieber: Schwimmen war von meinem Vater verboten. Mein Vater war sehr unsportlich. Das ist das Schlimmste. Wenn er von seiner Arbeit nach Hause gekommen ist und ich einen roten Kopf gehabt habe, hat er gesagt: „Du schwitzt“. Dann gab es richtig Ärger. Meine Mutter hat gesagt: „Kinder haut‘s ab, macht‘s Sport“.

Sie schwimmen also schon Ihr ganzes Leben?
Sieber: Ja, aber in meiner Jugend war ich noch nicht so aktiv beim Schwimmen, wie ich es jetzt bin. Früher haben wir alles getrieben, außer Schwimmen. Da war Fußball und Tennis interessanter. Nach meiner Krankheit - ich hatte einen Zeckenbiss und der ist nicht erkannt worden… (pausiert). Ich war gelähmt, kurz vorm Sterben. Ein guter Freund hat mich nach München gebracht, da habe ich Mittel bekommen und seitdem schwimme ich in Wettkämpfen.

An welche Wettkämpfe erinnern Sie sich denn am liebsten zurück?
Sieber: Mit 70 Jahren habe ich erst das Wettschwimmen angefangen. Mit 75 bin ich die Weltmeisterschaft in München geschwommen. Die Bayerische Meisterschaft habe ich vielfach gewonnen, wie oft genau weiß ich aber nicht mehr. Die Österreichische habe ich acht Mal gewonnen. Wenn ich heute noch mitschwimmen würde, hätte ich keine Gegner – das ist dann auch nichts.

Wie lange sind Sie denn schon im Schwimmverein?
Sieber: Insgesamt bin ich jetzt 80 Jahre dabei. Mit 14 Jahren habe ich meinen Rettungsschwimmer gemacht und mit 16 habe ich den ersten Ertrinkenden aus der Donau gezogen. Den Dritten habe ich bei Wien nach einem Radausflug mit meinen Söhnen herausgezogen. Damals war ich 62 Jahre alt. Ich glaube, wenn heute noch jemand in Gefahr wäre, würde ich trotzdem noch hineinspringen. Ich kann nicht anders.

Bevorzugen Sie einen bestimmten Schwimmstil?
Sieber: Ich schwimme nur Kraul. Naja, Brust kann ich auch, aber das ist ja langweilig (lacht).

Die meisten Menschen in Ihrem Alter sind nicht mehr so fit, können sich kaum mehr bewegen. Müssen Sie sich nicht zum Sport überwinden?
Sieber: Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es wird ein wenig langsamer. Es ist nicht mehr so, dass ich sage „jetzt schwimm‘ ich mal 1.000 Meter“. Beim Radeln tu‘ ich mich noch leichter.

Haben Sie ein Geheimnis?
Sieber: Ich mache halt was geht. Manche Leute sitzen lieber vor dem Fernseher, sind bequem. Das ist eine Sache der Einstellung.

Denken Sie, dass Sie ein Vorbild für jüngere Menschen sind?
Sieber: Hier im Bad bin ich ein Vorbild, ja. Die kennen mich hier alle. Die schauen auf zu mir. Die sagen: „Des gibt's nicht. Der Mann schwimmt immer noch.“ In Straubing bin ich schon recht bekannt.

Haben Sie einen Tipp für die jüngeren Generationen?
Sieber: Der eine kann seinen Schweinehund nicht überwinden und ist ein bequemer Mensch, der andere macht weiter Sport. Meine zwei älteren Geschwister waren auch bequem. Das kommt auf die Person an.

Würden Sie sagen, dass der Sport Ihr Leben bestimmt hat?
Sieber: Ja. Beruflich habe ich nach dem Krieg zunächst bei meinem Vater mitgearbeitet, 1963 habe ich mich selbstständig gemacht und ein Modehaus geführt. In jeder freien Minute habe ich versucht, Sport zu machen.

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In unserer neuen Interviewserie mit dem schönen Titel "Über den Rand" sprechen unsere Redakteure regelmäßig mit Menschen, die sie ganz einfach spannend finden – weil sie zum Beispiel einen außergewöhnlichen Beruf haben, eine ganz eigene Weltsicht, ein besonderes Hobby oder einen speziellen Lebensstil. Oder weil sie schlicht anders sind als wir Normalos. Die Gesprächspartner kommen dabei aus der Region oder von weit her. Wir schauen also bewusst mit unserer Serie über den Rand, nämlich über den des eigenen Tellers. Viel Spaß mit den Interviews.

 

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