Interviewserie Über den Rand Ritchie Newton: „Für mich war es eine Traumabewältigung“

Musiker, Auswanderer, Vater: Ritchie Newton hat in 54 Jahren schon viel erlebt. Momentan lebt der gebürtige Straubinger auf den Philippinen. Foto: Fotowerkstatt Gahr

Musik-Karriere, Alkoholentzug, ein Leben im Paradies und der wahr gewordene Alptraum jedes Vaters: Ritchie Newton (54) hat all das erlebt. Der gebürtige Straubinger fand früh zur Musik, wanderte 1997 nach Thailand aus und startete dort eine erfolgreiche Karriere als Sänger und Elvis-Imitator. All das wurde jedoch überschattet vom Tod seines Sohnes Rino, der im Alter von nur 14 Jahren verstarb. Vor kurzem hat Newton seinen Verlust in einem Buch verarbeitet. Wir haben mit ihm über Traumabewältigung, das Leben in Thailand und den Spagat „Musiker und Familienvater“ gesprochen.

Herr Newton, in Straubing und Umgebung sind Sie vor allem als Musiker bekannt. Ein Wort, das in Bezug auf Sie besonders oft fällt, ist „Rocksau“. Was muss man tun, um sich diese Bezeichnung zu verdienen?

Ritchie Newton: Den Titel „Rocksau“ habe ich 1991 vom Gitarristen der Schweizer Hardrock-Band Krokus bekommen. Damals war ich auf Tour noch ein ziemlich wilder Hund. Heute bin ich brav, aber der Spitzname ist geblieben.

Sie haben schon mit 10 Jahren Ihre erste Band gegründet – und es sollte nicht die letzte sein. Woher kommt diese Leidenschaft für Musik?

Newton: Ich glaube, die Liebe zur Musik wurde mir von meinem Großvater, der auch Berufsmusiker war, in die Wiege gelegt. Ich habe mich schon sehr früh fürs Schlagzeug-Spielen begeistert, mit sechs Jahren habe ich etwa beim Spielmannszug Oberalteich getrommelt. Daneben gab es zwei prägende Momente in meiner Kindheit: 1975 – damals war ich zehn – habe ich zum ersten Mal Elvis Presley im Fernsehen gesehen. Über Nacht wurde ich zum glühenden Fan dieses einzigartigen Sängers. Einmal habe ich „His Latest Flame“ vor meiner Schulklasse in der Bogener Hauptschule gesungen. Das war quasi mein Debüt als Sänger. 1978 habe ich dann in der „Bravo“ ein Foto von Bon Scott und AC/DC gesehen. Dieser Sänger und der harte Sound der Gruppe veränderten mein Leben komplett. Ich wurde ein richtiger Rebell. Ihnen verdanke ich es, dass ich Sänger geworden bin. Das und einige Tattoos.

Davor haben Sie unter anderem als Fließband-Arbeiter bei BMW, Leichenwäscher und Gastronom gearbeitet. Eine beeindruckende Liste.

Newton: Um ehrlich zu sein, mochte ich keinen dieser Jobs sonderlich. Meine Leidenschaft ist und war immer die Musik.

War das auch der Grund, warum Sie Straubing 1997 „Lebewohl!“ gesagt haben und nach Thailand ausgewandert sind?

Newton: Rückblickend kann ich sagen, dass das eine lebensrettende Flucht nach vorne war. Ich war damals wegen meines Alkoholkonsums nah dran an einer Leberzirrhose. Mein Hausarzt hat mir mit seiner brutal-ehrlichen Meinung die Augen geöffnet. Also habe ich einen Alkoholentzug gemacht, denn mit 32 wollte ich noch nicht abnippeln. Danach brauchte ich dringend eine Luftveränderung. Und die habe ich in Thailand gefunden.

Aus der niederbayerischen Provinz in den fernen Osten – das war wohl ein ziemlicher Kulturschock, oder?

Newton: Klar war es ein Kulturschock, aber im positiven Sinne. Ich bin mit praktisch nichts ausgewandert und lebte zum ersten Mal nur von der Musik. Tagsüber war ich am Strand, nachts rockte ich die Bühne. Für mich damals ein Traumleben. Dazu das sensationelle Wetter und liebevolle Menschen. Zudem bin ich auch ein großer Fan der asiatischen Küche geworden. Bayerische Schmankerl liebe ich zwar auch nach wie vor – das war für mein Gewicht aber nicht immer förderlich...

Thailand genießt bei uns den Ruf als Urlaubsparadies – doch Sie haben einmal geschrieben, dass man als Tourist das „wahre Thailand“ nicht kennenlernt. Was meinen Sie damit?

Newton: Viele, die ein oder zwei Mal in Thailand waren, behaupten, das Land zu kennen. Meiner Meinung nach stimmt das aber nicht. Ich habe 20 Jahre dort gelebt, viele schöne und nicht so schöne Erfahrungen gesammelt – und kenne es trotzdem nur ein bisschen. Wer das wirkliche Thailand kennenlernen will, muss weit weg von den Touristen-Hochburgen. Erst dann wird er erkennen, dass es ein wunderschönes Land ist.

In Thailand haben Sie auch Ihre Karriere als Elvis-Imitator begonnen.

Newton: Ja. Diese Elvis-Show war im Grunde der Anfang meiner professionellen Musik-Karriere. Davor hatte ich mich mehr schlecht als recht durch das Leben als Sänger gekämpft. Allerdings fühlte ich mich als Elvis-Imitator nie richtig wohl. Es gibt ein paar sehr gute Imitatoren, aber wenn ich ehrlich bin, sind es zu viele, die den „King“ zu kopieren versuchen. Nur die wenigsten kommen ihm auch nur annähernd nahe – und zu den ganz Guten habe ich mich selbst auch nie gezählt. Im Herzen war ich immer viel mehr der Rocker. Deswegen habe ich den Jumpsuit 2014 dann auch an den Nagel gehängt. Was allerdings nicht heißt, dass ich die Songs des „Kings“ nicht mehr singe. Nur jetzt kann ich mir selber aussuchen, was ich singen will.

Kambodscha, Indonesien, die Philippinen: Sie sind ganz schön herumgekommen in dieser Zeit, oder?

Newton: Ich sehe das Leben als Abenteuer. Jedes Land hat seine Reize. Momentan lebe ich auf den Philippinen. Hier gefällt es mir bis jetzt am besten. Aber wer weiß schon, wo die Reise noch hingeht. Ich bin ein Freigeist, wenn für mich die letzte Stunde geschlagen hat, kann ich zufrieden sagen, dass ich viel erlebt, und vor allem gelebt habe.

Im Jahr 2000 sind Sie Vater eines Sohnes geworden: Rino. Sechs Jahre später folgte Tochter Tammy. War es schwer, Musik und Familie unter einen Hut zu bekommen?

Newton: Erst durch die Geburt von Rino wurde mir klar, dass es noch andere Menschen außer mir gibt. Durch meine Kinder habe ich gelernt, was Verantwortung heißt. Rino hatte mich auch oft auf meinen Touren durch Thailand und sogar zweimal in Deutschland begleitet. Den Spagat „Rocksänger und Familienvater“ konnte ich gut bewältigen.

2009 begann für Sie jedoch eine lange Leidensgeschichte: Bei Rino wurde eine Herzklappen-Anomalie festgestellt, er benötigte dringend eine sehr teure Operation. Wie verarbeitet man einen solchen Schicksalsschlag?

Newton: Diese dunkle Zeit in meinem Leben kann ich nur als Alptraum bezeichnen. Sie hat ihre Spuren bei mir hinterlassen, mit Sicherheit bin ich nicht mehr derselbe wie vorher. Sie hat mir aber auch gezeigt, wer wirklich zu meinen Freunden gehört - und wer sich nur so nennt. Für mich eine wertvolle, aber auch schmerzhafte Erfahrung. Jetzt schaue ich mir die Menschen schon genauer an.

Um die notwendige Summe, umgerechnet etwa 50.000 Euro, zusammenzubekommen, haben Sie eine Spendenaktion ins Leben gerufen und auch an der VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ teilgenommen. Das hat Ihnen neben viel Anteilnahme aber auch Kritik eingebracht. Ihnen wurde zum Beispiel vorgeworfen, mit Ihrem kranken Sohn Werbung zu machen. Wie denken Sie heute darüber?

Newton: Ich hatte mir damals keine Gedanken gemacht, was andere über mich sagen, denn keiner steckte in meinen Schuhen. Ich war auf mich selbst gestellt, denn nur wenn ich Gas gab, dann konnte sich etwas tun. Der Erfolg gab mir letztendlich recht. Wäre ich nicht an die Öffentlichkeit gegangen, wäre Rino schon 2010 gestorben. Dasselbe gilt für die Teilnahme bei der VOX-Show: Ohne die großzügige Aufwandsentschädigung des Senders hätte ich Rino niemals in ein privates Pflegeheim bringen können. Wenn das für manche Menschen „Vermarktung“ ist, dann tun sie mir Leid.

Die Operation war zunächst auch erfolgreich: Rino bekam einen Herzschrittmacher und eine Zeit lang schien alles gut zu laufen. 2013 folgten dann allerdings gleich zwei Schlaganfälle. Danach verschlechterte sich sein Zustand deutlich – im Mai 2015 starb Rino im Alter von nur 14 Jahren. Wie sind Sie mit diesem schrecklichen Verlust umgegangen?

Newton: Der Tod von Rino war sehr schmerzhaft für mich. Ich dachte, ich hätte das Schlimmste überstanden, aber da hatte ich mich getäuscht. Drei Jahre nach seinem Tod musste ich mir eingestehen, dass ich ein Trauma erlitten hatte. Täglich sprach ich mit seinem Herzschrittmacher den ich nach seiner Einäscherung bekommen hatte. Ich konnte es nicht akzeptieren, dass er gestorben war, ich konnte ihn nicht gehen lassen.

Vor kurzem haben Sie ein Buch dazu veröffentlicht: „Die Angst ihn zu verlieren“. Darin schreiben Sie sehr offen und persönlich über Rinos Krankheit, die Lichtblicke und die Rückschläge. Haben Sie so Ihre Trauer verarbeitet?

Newton: Ich hatte schon länger den Wunsch, ein Buch über das Erlebte zu schreiben, es mir aber lange nicht zugetraut. Ich dachte: 'Schuster, bleib bei deinen Leisten'. Ich bin Entertainer, aber kein Autor. Dank meiner Lektorin Stephanie Nawrath aus Straubing habe ich aber schließlich das nötige Selbstbewusstsein erlangt. Jetzt bin ich froh, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Für mich war es eine Traumabewältigung, denn jetzt geht es mir besser. Ich konnte meinen geliebten Sohn Rino endlich gehen lassen. Ich konnte mir die Trauer von der Seele schreiben.

Wie geht es Ihnen heute? Wollen Sie in Asien bleiben – oder zieht es Sie nach Straubing zurück?

Newton: Momentan lebe ich auf den Philippinen und wie ich schon sagte, hier gefällt es mir sehr gut. Ab Januar toure ich wieder durch Thailand, werde mehrere Konzerte geben und meine Tochter Tammy wiedersehen – das wird sicher eine tolle Zeit. Und wenn alles nach Plan läuft, werde ich im April und Mai wieder einmal in Straubing sein. Denn in meine Heimat komme ich schon immer wieder gerne zurück.

 

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