Interview mit Timo Lippuner "Wir dürfen den Sport nicht überbewerten"

Nach drei Jahren im "RabenNest" kehrt Timo Lippuner in die Schweiz zurück. Foto: imago

Nach drei Spielzeiten verlässt Timo Lippuner die Roten Raben Vilsbiburg und wechselt zum neu geschaffenen "Nationalen Nachwuchsverein" nach Aarau, in seine Schweizer Heimat. Zuvor sprach er mit idowa aber noch über seine Zeit in Niederbayern, die aktuelle Gesamtsituation und über seine sportliche Zukunft.

Herr Lippuner, sind Sie bereits in Ihre Schweizer Heimat zurückgekehrt?

Lippuner: „Derzeit bin ich aufgrund meiner privaten Situation noch in Deutschland. Ich werde frühestens im Mai in die Schweiz zurückkehren, außer meine Familie dort bräuchte zuvor dringend meine Hilfe. Wenn ich zurzeit in die Schweiz gehen würde, könnte ich voraussichtlich nicht mehr nach Deutschland zurückkommen. Ferner habe ich noch genug nachzuarbeiten, ich bin also durchaus beschäftigt.“

Wie ist die Lage in Ihrer Heimat derzeit? Wie gehen die Menschen in der Schweiz mit dem Coronavirus um?

Lippuner: „Der Umgang mit dem Virus ist in der Schweiz sehr ähnlich wie in Süddeutschland. Auch dort gibt es sowohl Hamsterkäufe, als auch viel Solidarität. Allerdings sind die Haltungen in den jeweiligen Regionen der Schweiz relativ unterschiedlich. Viele Schweizer flanieren immer noch umher und haben den Ernst der Lage noch nicht begriffen, aber in der Schweiz wird es meiner Meinung nach bald zu einer Ausgangssperre kommen. Da die Schweiz bisher immer etwa zwei Wochen voraus war, haben wir diese missliche Lage vor etwa 14 Tagen genutzt, um unsere Spielerinnen auf die möglichen Eskalationsstufen vorzubereiten. Das hat uns beim Umgang mit dieser Krise sehr geholfen.“

Zum Sportlichen: Sie hatten sich für Ihr letztes Jahr in Vilsbiburg die Teilnahme am Halbfinale vorgenommen. Wie schwer ist es für Sie, dass Ihnen die Chance auf einen erfolgreichen Abschluss genommen wurde?

Lippuner: „Das ist natürlich schwer, aber wir mussten uns damit abfinden. Da wir die Entwicklung in den anderen Staaten immer mitverfolgt haben, mussten wir leider auch mit so einem Schock rechnen. Ich denke, in dieser Situation geht es allen Sportlerinnen und Sportlern gleich und da wir uns sportlich im Fahrplan befunden haben, sind die Entwicklungen natürlich auch ärgerlich. Aber wir dürfen den Sport nicht überbewerten, wir haben es zurzeit mit höherer Gewalt zu tun und deshalb ist die fehlende Chance auf sportlichen Erfolg zurzeit nicht das größte Problem.“

"Situation war irgendwie surreal"

Wie war es für Sie, sich unerwartet abrupt von den Spielerinnen und dem Staff verabschieden zu müssen?

Lippuner: „Der Abschied war dieses Mal natürlich nicht im gewohnten Rahmen. Aber grundsätzlich gibt es nach jeder Saison einen Abschied, man wächst mit der Mannschaft und dem Staff schließlich zusammen. Die Situation letzten Freitag war jedoch irgendwie surreal. Der Saisonabbruch wurde verkündet und noch am selben Tag mussten wir uns von manchen Spielerinnen verabschieden. Da ist der emotionale Abschied natürlich zu kurz gekommen und das gibt dann einige Nachwehen. Mein persönlicher Abschied von den Mitarbeitern und der Region wird trotzdem nicht so abrupt kommen, da ich ja mindestens noch einige Wochen hier sein werde.“

Wie würden Sie Ihre drei Jahre in Vilsbiburg allgemein resümieren?

Lippuner: „Bis auf die vergangenen Wochen liefen die drei Jahre in Vilsbiburg ja durchwegs normal. Wir haben drei grundverschiedene Saisons erlebt und haben eine bemerkenswerte Nähe mit den Fans aufgebaut. Egal wie die Resultate waren, wir sind immer näher zusammengerückt. Im ersten Jahr war es sportlich mit den vielen Wechseln manchmal schwierig, aber wir haben uns stets positiv entwickelt. Mein zweites Jahr in Vilsbiburg war von der unsäglichen Verletzungswelle geprägt. Ich habe eine solche Aneinanderreihung von Unglücken zuvor noch nie erlebt. Insbesondere deshalb war die Rückrunde unglaublich und der Teamgeist und Kampfeswille einmalig. Die unglückliche Niederlage im Viertelfinale gegen Potsdam hat die Saison dann noch einmal zusammengefasst. In der dritten Spielzeit standen wir bei Saisonabbruch dort, wo wir hinwollten. Wir haben uns stabilisiert und letzten Endes hat vor allem in den Mittelfeldduellen oft die Tagesform entschieden. Besonders beeindruckend fand ich in dieser Saison die Entwicklung der jungen Spielerinnen.“

Welchen würden Sie als Ihren schönsten Moment als Coach der Roten Raben Vilsbiburg bezeichnen?

Lippuner: „Rein emotional war es wohl die prekäre Situation mit dem Team im letzten Jahr und der enorme Teamgeist, den die Spielerinnen gezeigt haben. Auch der Team-Abschluss in der vergangenen Saison ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sportlich war der Derbysieg in diesem Jahr zuhause gegen NawaRo Straubing ein großes Highlight. Das war Sport, wie man sich ihn wünscht, mit großem Kampf und einer Top-Stimmung.“

"Bin dem Verein dankbar für diese Chance"

Was werden Sie an Niederbayern oder speziell an Vilsbiburg vermissen?

Lippuner: „Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der sich sehr schnell an verschiedenen Orten wohlfühlen kann. Besonders schätze ich am Standort Vilsbiburg die Ruhe und die überschaubare Größe. Ich werde auch oft genug zurückkehren, ob privat oder beruflich, aber ich denke die Wehmut kommt erst später. Dem Verein bin nach wie vor sehr dankbar für diese Chance, denn Sie sind mit meiner Verpflichtung durchaus auch ein Risiko eingegangen. Dass man so gut auseinander geht, kommt im Leistungssport meiner Wahrnehmung nach immer seltener vor, wir gehen also völlig ohne Argwohn auseinander.“

Wie ist es um Ihre weitere Karriereplanung bestellt? Können Sie schon abschätzen, ob Sie Ihren Posten bei Ihrem Jugendprojekt in der Schweiz wie geplant antreten können?

Lippuner: „Geplant ist erstmal, dass ich den Posten im Mai antrete. Trainingsbeginn ist allerdings erst im August, sodass ich zur Not die administrative Vorarbeit auch aus Bayern erledigen könnte. Das Projekt orientiert sich an dem Modell des VCO Berlin und ist in der Schweiz völliges Neuland. Es wurden erstmals zwei Vereine in der Schweiz zum nationalen Nachwuchsverein deklariert und unterstützt. Es entstehen also nationale Nachwuchszentren, die von Klubs geführt werden. Mein Bereich wird dort der Übergang vom Jugend- in den Profibereich sein, ich werde also mit 16- bis 18-Jährigen arbeiten. Ich freue mich, dieses Projekt mit aufbauen zu dürfen und hoffe, dass wir bald eine Profi-Ausbildungsstation werden. Der Nachwuchs ist mein Steckenpferd und nichtsdestotrotz ist ein Engagement bei der Nationalmannschaft in zwei, drei Jahren mein nächstes Ziel.“

Welche Folgen sehen Sie aufgrund der aktuellen Situation auf das nationale und internationale Volleyball zukommen?

Lippuner: „Im Unterschied zu einigen anderen Sportarten fließen im Volleyballsport keine enormen Geldsummen und deshalb ist es für einen Volleyballer oder eine Volleyballerin nicht so einfach, ein halbes Jahr ohne Gehalt auszukommen, falls es soweit kommen würde. Im Volleyball werden sich die Vereine um Lösungen bemühen müssen und vor allem die Sponsoring-Verträge werden das größte Problem darstellen. International hat es böse gesagt vielleicht einmal ein Virus gebraucht, damit die Spielerinnen und Spieler eine Pause bekommen. Sie werden durch den internationalen Spielkalender zu stark ausgequetscht. Man kann schließlich auch mal zwei Monate ohne internationalen Volleyball auskommen. Ich denke auch, dass die Pause keine Qualitätseinbußen zur Folge haben werden, sondern dass es im Gegenteil zu weniger Verletzungen durch Überlastung kommt. Vielleicht kann das internationale Volleyball diesbezüglich sogar etwas aus dieser Krise lernen.“

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