Interview mit Suchtberater "Extremer Suchtdruck": Wolfgang Haas, Leiter einer Fachambulanz für Suchtprobleme in Landshut, erklärt die Droge Heroin

Wolfgang Haas leitet die Fachambulanz für Suchtprobleme der Caritas in Landshut. Foto: privat

Heroin ist eine der schlimmsten Drogen, die es gibt.“ Das sagt der Psychologe Wolfgang Haas aus Landshut. Als Leiter einer Fachambulanz für Suchtprobleme hatte er mit Menschen zu tun, die der Droge verfallen waren.

Herr Haas, welche Rolle spielt Heroin heute in der Drogen-Szene?
Wolfgang Haas: Heute ist die Droge Alkohol zwar viel verbreiteter, doch die Verläufe bei Heroin sind weitaus dramatischer. Es ist eine der schlimmsten Drogen, die es gibt. In Landshut haben wir etwa 150 Menschen, die sich Ersatzmittel für Heroin holen, also zum Beispiel Methadon.

Was bewirkt Heroin direkt nach der Einnahme?
Wolfgang Haas: Die Konsumenten haben mehr oder weniger eine rosarote Brille auf. Sie befinden sich wie auf einer Wolke, auf der ihnen nichts passieren kann. Sie fühlen sich sicher, es gibt ein Wärmegefühl.

Was richtet Heroin an, wenn man es über einen längeren Zeitraum einnimmt?
Wolfgang Haas: Heroin ist ein starkes Schmerzmittel. Es wird Krebspatienten erst im Endstadium gegeben, da es massiv abhängig macht. Das Gehirn baut sich auf ganz kleiner Ebene um. Es erwartet, dass Heroin zugeführt wird. Und dann entsteht so ein starker Suchtdruck, dass man es kaum aushalten kann. Das Problem ist, dass man immer mehr davon braucht, um die Wirkung zu erreichen, die man noch am Anfang hatte. Durch unsterile Spritzen können HIV oder Hepatitis-Erreger übertragen werden. Außerdem verwahrlost ein Süchtiger mit der Zeit. In seinem Leben dreht sich alles nur noch um das Heroin. Der Rest ist ihm egal. Ihm ist nur wichtig, dass er irgendwie an seine Droge rankommt. Der Süchtige zieht sich von seinen sozialen Kontakten zurück und hält sich nur noch in Drogen-Kreisen auf. Vom Spritzen bekommt man außerdem Abszesse, die furchtbar aussehen. Sie heilen zwar wieder ab, aber die Narben bleiben für immer.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Suchtberatung mit Heroin-Abhängigen gemacht?
Wolfgang Haas: Ich hatte einige Klienten, die auf Subutex (ein Schmerzmittel, das als Ersatzdroge verwendet werden kann, Anm. d. Red.) umgestiegen sind und es dann geschafft haben, drogenfrei zu werden. Aber das sind die wenigsten. Ich kenne auch einige, die Subutex ihr Leben lang nehmen. Die arbeiten in Vollzeit, haben eine Familie und Kinder und es fällt niemandem auf.

Wie groß ist das Risiko einer Überdosierung von Heroin?
Wolfgang Haas: Die Gefahr einer Überdosierung ist sehr groß, da die Bandbreite zwischen berauschender und toxischer Wirkung nur sehr klein ist. Hinzu kommt der Reinheitsgehalt des Stoffes, der bei Straßenheroin nie bekannt ist. Bei Nichtabhängigen beginnt die toxische Dosis bei fünf Milligramm. Durch Toleranzbildung überleben Abhängige aber ein Vielfaches davon. Da sie jedoch nie wissen können, wie rein der Stoff letztlich ist, riskieren sie praktisch immer die Gefahr einer Überdosierung.

Was passiert bei einer Überdosierung im Körper?
Wolfgang Haas: Es kommt zu einem Atemstillstand, Bewusstlosigkeit und einem Kreislaufversagen mit einer Verlangsamung der Herztätigkeit. Reflexe sind nicht mehr möglich. Deshalb ist die Gefahr groß, am eigenen Erbrochenem zu ersticken.

Das Buch und der Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ machte durch das Schicksal von Christiane F. auf die Situation drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher aufmerksam. Wie schätzen Sie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ heute ein?
Wolfgang Haas: Der Film hat damals sehr viel Aufsehen erregt. Es hat sich herausgestellt, dass der Film für Suchtgefährdete nicht gut ist, da er ein Verlangen nach Drogen weckt. Bei „Pulp Fiction“ ist es ähnlich.

Das Schicksal von Christiane F. und den Kindern vom Bahnhof Zoo bewegt bis heute. Auf Amazon Prime startete am 19. Febraur 2021 eine Serie, die die Geschichte der Clique neu erzählt.
Hier sprechen wir mit einer Schauspielerin der Serie, hier geht es zur Serie. 

Unsere Autorin Kerstin Bauer hat mit dem ehemaligen Heroin Süchtigen Fabian aus Straubing gesprochen. Seine Geschichte kannst du hier lesen. 

 

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