Interview mit Jasmin Schott Carvalheiro Wie wir uns von Bodyshaming lösen können

Uns so zu akzeptieren, wie wir sind, macht uns gelassener, meint die Expertin. Foto: pixabay

Zu dünn, zu dick, zu lange Beine, zu kurze Beine, eine krumme Nase oder Dellen am Po. Wir sind ständig dabei, unseren oder andere Körper zu kritisieren. Bodyshaming nennt sich dieses Phänomen. Wie wir uns davon lösen können, erklärt die Diplom-Psychologin und Autorin Jasmin Schott Carvalheiro im Interview.

Frau Schott Carvalheiro, zu allererst: Was ist Bodyshaming?

Jasmin Schott Carvalheiro: Bodyshaming meint die Ablehnung, Beleidigung und Beschämung von Menschen aufgrund ihres Aussehens oder einzelnen Elementen ihres Aussehens, weil diese eben nicht der gängigen Norm entsprechen. Das kann sich aber auch gegen uns selbst richten, wenn wir uns ständig mit anderen vermeintlich perfekteren Menschen vergleichen und uns dann unzulänglich fühlen. Wichtig bei der Definition von Bodyshaming ist, dass es weit über eine reine Wertung hinausgeht. Es geht hier um eine aktive Beschämung oder Beleidigung.

Was macht diese Beschämung psychisch mit uns?

Jasmin Schott Carvalheiro: Es kann einen großen Einfluss auf unser Selbstbild und damit auch auf unser Selbstwertgefühl haben. Das wiederum beeinträchtigt auch allgemeine Stimmungen, Emotionen und letztlich auch unsere Lebensqualität. Es kommt aber immer darauf an, auf welchen Boden das Bodyshaming trifft. Wenn wir psychisch sehr stabil sind, dann können wir mit solchen Kommentaren vielleicht ganz locker umgehen. Gerade bei Kindern und jungen Menschen, die psychisch eben noch nicht so stabil sind, kann ein verletzender Kommentar viel mehr anrichten. Das kann dann in späteren Jahren sogar zu Ängsten, Körper- oder Essstörungen oder Depressionen führen. Bodyshaming kann sogar physische Folgen haben und zu einer höheren Anfälligkeit für Infektionen führen.

Wie lange gibt es Bodyshaming schon?

Jasmin Schott Carvalheiro: Das ist schwer zu beantworten. Es ist auf jeden Fall ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Aber natürlich wurden Menschen auch schon viel früher aufgrund ihres Aussehens angegriffen oder beleidigt.

Und wer oder was könnte Schuld daran haben?

Jasmin Schott Carvalheiro: Es heißt natürlich immer, dass die sozialen Medien viel dazu beitragen, dass sich Bodyshaming so verbreitet. Das stimmt natürlich auch ein Stück weit – aber es kommt eben auch wieder auf diesen Boden an, auf den es trifft. Denn wenn mir von meinen Eltern und meinem Umfeld schon eine tolerante Einstellung mit auf den Weg gegeben wird und ich gelernt habe, mit Abweichungen von der Norm anders als durch Beschämung umzugehen, dann kann ich mich von Bodyshaming eher abgrenzen.

Mit der richtigen Erziehung könnte man Bodyshaming also sogar ein wenig entgehen?

Jasmin Schott Carvalheiro: Ich finde: ja. Da sollten aber mehr als nur die Eltern mitspielen. Solche Werte sollten schon im Kindergarten und in der Schule vermittelt werden. Kinder sollten von klein auf lernen, wie man mit Gedanken und Gefühlen umgeht. Denn da beginnt Bodyshaming. Wir haben vielleicht einen bestimmten Gedanken, sind vielleicht irritiert vom Aussehen einer Person. Diese Gedanken sind erstmal völlig okay. Nicht jeder findet alles schön. Es ist aber noch mal ein riesen Schritt bis zur Abwertung und zur Beleidigung. Wenn wir lernen können, stattdessen mit Interesse oder Mitgefühl heranzugehen, ist schon mal viel getan.

Woher kommt dieser ständige Vergleich mit anderen?

Jasmin Schott Carvalheiro: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Vergleich mit anderen liefert uns zum Beispiel Informationen über uns selbst. Gerade in jungen Jahren vergleichen wir uns mehr, weil sich unser Selbstbild noch formt. Es hilft uns bei der Orientierung über unser Selbst, aber auch dabei, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Vergleichen ist deshalb auch erstmal gar nicht schlimm. Konkurrieren kann auch motivierend sein und uns antreiben. Es kommt eben darauf an, was wir daraus machen. Ob wir es zur Beschämung kommen lassen. Vergleichen kann auch positive Gefühle hervorrufen. Wenn wir zum Beispiel besser abschneiden als jemand anderer, wird das Belohnungssystem in unserem Gehirn aktiviert.

Warum fällt es uns so schwer, uns selbst schön zu finden?

Jasmin Schott Carvalheiro: Das hat meiner Meinung nach viel mit dem zu tun, was wir täglich in der Welt erleben. Zum Beispiel in der Werbung oder bei Dingen, die uns unterbewusst vermittelt werden. Wir sehen so viele vermeintlich glücklichere Menschen und perfektere Körper. Selbst wenn immer wieder versucht wird, mehr Realität hineinzubringen. Aber auch diese Versuche werden teilweise so inszeniert, dass es unreal wirkt. Wir gehen nie wirklich in die authentische und ehrliche Richtung.

Gibt es überhaupt Methoden, sich von solchen Idealbildern nicht beeinflussen zu lassen?

Jasmin Schott Carvalheiro: Eine wunderbare Methode ist das Üben von Achtsamkeit und Achtsamkeitsmeditation. Dabei kann man lernen, sich selbst so anzunehmen, wie man ist und auch den Schmerz und die Traurigkeit zuzulassen, die damit verbunden sind, dass wir diesen Idealbildern nicht entsprechen. Achtsamkeit lehrt uns auch, dass uns gerade das Nicht-perfekt-Sein Individualität gibt und etwas zutiefst Menschliches ist. So kommen wir dem auch ziemlich nahe, unsere und andere Körper so zu akzeptieren, wie sie sind.

Sie sagen: Bodyshaming raubt uns Lebensqualität. Was passiert, wenn wir uns davon lösen?

Jasmin Schott Carvalheiro: Wenn wir uns so akzeptieren und lieben, wie wir sind, rücken wir einem Realbild von uns selbst näher und entfernen uns von einem Idealbild. Das macht uns automatisch gelassener und ausgeglichener. Dadurch können wir zum Beispiel auch mehr Erfolg bei der Partner- oder Berufswahl haben, weil wir nicht mehr nach Menschen oder Jobs suchen, die diesem Idealbild entsprechen, sondern dem Realbild. Das nimmt den Druck, sich ständig anpassen zu wollen.

Was ist ihrer Meinung nach schlimmer: das Bodyshaming, das von außen auf uns trifft oder das, was wir uns selbst antun?

Jasmin Schott Carvalheiro: Beides ist natürlich schlimm. Aber wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde ich sagen: das Bodyshaming von außen. Damit werden nämlich gleich zwei Menschen verletzt. Denn jemand anderen zu verletzen, bringt niemandem etwas Positives. Man schwächt sich selbst und auch eine andere Person.

Wer bin ich, wenn ich niemand mehr sein muss? Mit dieser Frage beschäftigt sich Jasmin Schott Carvalheiro in ihrem Buch „Connect me – verbunden mit mir selbst“ (Erscheint am 17. August 2020 im Kailash-Verlag). Die Diplom-Psychologin kennt das Gefühl sehr gut, sich ständig selbst unter Druck zu setzen und sich immer anpassen zu wollen. Mit ihrem Buch will sie den Menschen helfen, die vom eigenen Leistungsdruck erschöpft sind, aber auch eine Stütze geben, wie man mit kleineren und größeren Krisen zurechtkommt. Dafür hat Jasmin Schott Carvalheiro ein Sechs-Schritte-Programm entwickelt. Das Buch enthält auch viele Übungen. Mehr zur Autorin und ihrem Buch gibt es hier. 

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