Interview mit Dr. Michael Jack Hochsensibilität: Wenn die Sinne überhitzen

Das Anderssein spürt man vor allem, solange man nichts von seiner Hochsensibilität weiß. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Ist das Licht zu hell, der Pulli zu kratzig, die Musik zu laut und das Gedankenkarussell zu aufdringlich, halten das einige Menschen nicht aus. Sie sind hochsensibel. Rechtsanwalt Dr. Michael Jack ist einer davon. Er erklärt, wie man mit dem „Anderssein“ umgeht.

Herr Jack, zuallererst: Was ist Hochsensibilität?

Dr. Michael Jack: Wir nehmen permanent Informationen aus der Umwelt über die Sinnesorgane auf. Die meisten Infos werden als unwichtig herausgefiltert. Menschen mit durchlässigerem Filter sind hochsensibel. Mehr Infos führen zu einer intensiveren Wahrnehmung, die Batterien sind schneller leer. HSP („Highly Sensitive Persons“) sind deswegen nicht weniger belastbar, sie haben nur mehr zu verarbeiten. Die unterschiedlichen Sinne können bei Betroffenen in unterschiedlichem Maße wahrgenommen werden.

Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Gefühl, im Vergleich zu anderen weniger Intensität als angenehm zu empfinden. Das kann die Mehrheit der Bevölkerung nicht nachvollziehen, weil es ihnen nicht so geht. Daher muss man Betroffenen zeigen, was Hochsensibilität ist. Da fällt oft ein jahrelanger Leidens- und Anpassungsdruck ab.

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.

Dr. Michael Jack: In der Pubertät habe ich gemerkt, dass ich anders bin. Einerseits weniger strapazierbar, andererseits – zum Beispiel in der Leistungsfähigkeit – nicht. Meine Mitschüler sind gerne Feiern gegangen, für mich war das unangenehm. Ohne Ohrstöpsel hielt ich es in der Disco fünf Minuten aus, mit Ohrstöpseln 30 Minuten. So kristallisierte sich heraus, dass ich reizempfindlicher bin. Das habe ich aber weder akzeptiert, noch meine Konsequenzen gezogen. Ich dachte, dass man in dem Alter so zu leben und das zu genießen habe. Das erzeugte einen Anpassungsdruck. Bei meinen Versuchen, ein normales Leben zu führen, bin ich immer wieder gegen die Wand gelaufen. 2003 stieß ich auf den Begriff der Hochsensibilität. Da erlebte ich das, was ich als „Gebirgsketten-Effekt“ beschreibe. Mir fiel nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern eine Gebirgskette. Eine existenzielle Erleichterung.

Wie gehe ich mit meiner Hochsensibilität um?

Dr. Michael Jack: Die gute Nachricht: Du hast Zeit. Hochsensibilität bleibt ein Leben lang. Zunächst sollte ausgeschlossen sein, dass die Reizempfindlichkeit eine diagnostische Krankheit ist. Dann kannst du den Gedanken „Ich bin hochsensibel“ versuchsweise mit dir herumtragen. Frag dich: „Fühle ich mich besser mit mir? Verstehe ich so meine Vergangenheit?“ Wichtig ist eine „Grundentspanntheit“. Früher haben mich Dinge irritiert, eben weil sie mich irritiert haben. Diese Irritation verstärkt sich selbst. Wenn ich das weiß, kann ich eingreifen.

Das Anderssein, dieses „Alien-Gefühl“, spürt man vor allem, solange man nichts von der Hochsensibilität weiß. Mehr wahrzunehmen, hat auch nette Seiten: Langeweile ist extrem selten (lacht). Meine Erfahrung zeigt, dass man als HSP bewusst oder unbewusst Strategien entwickelt. Keinen Widerstand zu leisten, spart Kraft. Es hilft auch, sich zu sagen: „Das ist gerade meine Hochsensibilität, aber das ist gleich vorbei.“ Es ist wie es ist. Entweder ärgerst du dich oder akzeptierst es und lernst das Gute kennen.

Wie wirkt sich Hochsensibilität auf eine Partnerschaft aus?

Dr. Michael Jack: Menschen haben unterschiedliche Reiz-Bedürfnisse, gerade wenn eine hochsensible Person auf eine „normale“ Person trifft. Die Frau will auf eine Party, dem Mann ist das zu anstrengend. Da muss man verhandeln. Es gibt Ansichten, dass in einer Beziehung wenn dann beide hochsensibel sein sollten. Ich sehe da auch Nachteile. Die beiden Menschen igeln sich vielleicht ein oder trauen sich nichts zu.

Wie gehe ich am besten mit der Hochsensibilität eines Angehörigen um?

Dr. Michael Jack: Ich rate ab, die Person als Prinzessin auf der Erbse wahrzunehmen. HSP sind in der Verantwortung, zu kommunizieren, was sie stört. Außerdem sollte die Hochsensibilität kein Machtinstrument sein. HSP können eine gewisse Rücksicht erwarten. Da sie aber in der Minderheit sind, werden sich nicht alle an ihre Standards anpassen. Ich glaube nicht, dass den HSP dauerhaft gedient ist, wenn sie sich immer zurückziehen.

Was sagt die Wissenschaft zur Hochsensibilität?

Dr. Michael Jack: Die Grundfragen sind geklärt: Menschen sind unterschiedlich reizempfindlich. Der Teufel steckt im Detail. In der Wissenschaft nutzt man selten Aussagen wie „bewiesen“ oder „anerkannt“. Es gibt eine „communis opinio“, eine herrschende Meinung. Zur Hochsensibilität gibt es unterschiedliche Modelle. Was ist der größte Vorteil, den Sie in Ihrer Hochsensibilität sehen? Meine Wachheit. Ich bemerke mehr in meiner Umwelt als meine Mitmenschen.

 

Magdalena Schmidbauer ist ebenfalls hochsensibel, ihre Geschichte findest du hier.

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