Interview mit Chefärzten Bereit sein ist alles – ein Blick ins Straubinger Klinikum

Zwischen den Wellen oder schon am Ende der Pandemie? Das Straubinger Klinikum hat die Zeit genutzt, um für einen zweiten Ernstfall gerüstet zu sein. Foto: Stefan Karl

Vorerst ist die Corona-Lage ruhig in Stadt und Landkreis Straubing-Bogen. Die Zahl der aktiven Erkrankungen mit Covid-19 ist gerade mal noch knapp zweistellig, die Covid-Stationen leer.

Zurück zur Normalität oder Ruhe vor dem Sturm? Am Klinikum Sankt Elisabeth nutzen die Verantwortlichen die vergleichsweise entspannte Lage, um an den Plänen für einen zweiten Ernstfall zu feilen. Wenn Dr. Robert Obermaier, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und minimalinvasive Chirurgie und Chefarzt Hannes Häuser über eine mögliche „zweite Welle“ der Atemwegsinfektion sprechen, klingt es mehr nach Zuversicht denn Anspannung. Denn zu bewährten Notfallplänen kommt beim zweiten Corona-Großeinsatz vor allem eines: Routine.

Herr Häuser, Herr Obermaier, wie knapp waren die Ressourcen in der Hochphase des Infektionsgeschehens?

Dr. Hannes Häuser: Ein Krankenhaus wie dieses ist nicht überrascht oder überfordert, wenn eine Pandemie kommt. Wir hatten auch in der Vergangenheit immer wieder mit Erkrankungswellen zu tun, der Influenza von 2017/2018 etwa oder auch Schweinegrippe, Rinderwahn und ähnlichen Gefahrenlagen. Wir haben täglich zehn bis 20 infektiöse Patienten, auch in Isolation. Ein Vorteil ist, dass wir einen hauptamtlichen Klinikhygieniker haben, der für uns Handlungspläne entwickeln konnte. Schon am 3. März war ein schlagkräftiger Krisenstab in Betrieb mit Beteiligung aller fachlichen Abteilungen. Das Problem für uns waren eher die laufend wechselnden Verordnungen und Verfügungen des Robert Koch-Instituts, vom Gesundheitsamt, vom Ministerium. Die Hauptaufgabe war, darauf zu reagieren. Vom Mangement her haben wir das gut hinbekommen.

Wie sah es bei der Schutzausrüstung, etwa den Masken, aus?

Häuser: Da sind wir beim Thema der Lagerhaltung. Wir haben hier den Vorteil gehabt, dass wir eine aktive Einkaufsabteilung und eine frühe Überwachung unserer Lagerbestände hatten. Wir waren nicht auf Zuteilungen angewiesen. Derzeit sind die Lager so ausgestattet, dass wir vier Monate weiter arbeiten könnten, ohne beliefert zu werden.

Dr. Robert Obermaier: Für uns war es wichtig, dass wir von vornherein gutes Material zur Verfügung hatten. In anderen Ländern, beispielsweise in China oder in Italien sind vor allem in der Anfangsphase viele Mitarbeiter im Gesundheitssystem ausgefallen, weil sie keine richtigen Schutzmaterialien hatten.

„Die Ampel steht noch auf grün“

Gab es in Sankt Elisabeth Ausfälle durch Ansteckung?

Dr. Robert Obermaier: Wir haben einige Ausfälle gehabt wegen Erkrankung, aber es haben sich nur sehr wenige Leute bei der Behandlung von Covid-Patienten angesteckt. Von den Patienten hat sich kein einziger im Krankenhaus angesteckt.

Häuser: Wir haben einen hohen Anteil von Mitarbeitern zeitweise nicht einsetzen konnten aufgrund der Quarantänebestimmungen. Das hat uns natürlich schwer zu schaffen gemacht. Jetzt im Nachgang haben wir für Covid-19 einen Pandemieplan entwickelt. Das ist ein Stufenplan mit Ampelkennzeichnung Grün-Gelb-Rot.

Dann steht im Augenblick die Ampel auf Grün?

Häuser: Wir sind auf Grün, aber in chronischer Habachtstellung. Wir haben unseren Krisenstab aufgelöst, wir haben die Zahl der Mitarbeiter reduziert, die sich mit der Thematik beschäftigen. Wir können momentan keine Infektionsstation dauerhaft vorhalten, da wir mit über 80 Prozent eine hohe Belegungsquote im Haus haben. Uns ist nicht wirklich Angst vor einer sogenannten „zweiten Welle“, was die Behandlung der Patienten angeht. Unsere Problematik liegt im Ausfall der Mitarbeiter durch Quarantäne. Da haben wir keine Einflussmöglichkeiten drauf. Das geht schon jetzt mit der Schnupfenzeit los.

„Manche Erkrankungen kommen in einem schwereren Stadium“

Zeitweise wurden auch am Klinikum Sankt Elisabeth viele planbare Operationen zurückgestellt. Wie groß ist der OP-Stau am Klinikum?

Obermaier: Eine Frage, die sich stellt, ist: Wie viele Leute sind jetzt aus Angst nicht zum Hausarzt gegangen. Da kann es sein, dass Vorstufen eines Darmkrebs verspätet in die Diagnostik gehen. Das wird die Zukunft einfach zeigen. Wir haben schon das Gefühl, dass manche Erkrankungen in einem schwereren Stadium zu uns kommen. Eine Gallenblase etwa kann leicht entzündet sein oder kann verschleppt sein. Wir hatten den Eindruck, dass wir jetzt schwerere Fälle haben, wo wir sagen: „Wenn die ein paar Wochen früher gekommen wären, wären sie leichter zu operieren gewesen.“

Häuser: Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass Herzinfarktpatienten oder Herzschmerzpatienten, Schlaganfallpatienten mit leichten Symptomen eher später ins Krankenhaus kamen. Wie gesagt – das lag nicht daran, dass wir sie nicht aufgenommen hätten, sondern dass die Patienten nicht zu uns kamen.

Nach wie vor muss auf Sars-CoV-2 getestet werden vor der Aufnahme. Kann auch der Test zum Flaschenhals im Klinikalltag werden?

Obermaier: Nicht mehr. Wir haben seit einem Monat eine eigene PCR-Maschine. Dadurch haben wir die Tests innerhalb weniger Stunden verfügbar. Früher mussten wir die Tests wegschicken. Es dauerte drei, vier Tage, bis wir ein Ergebnis hatten. Bis dahin mussten wir die Patienten genauso behandeln und isolieren, als wenn sie Covid-19 hätten. Heute kommt der Patient, wir können ihn bei Verdacht isolieren und haben innerhalb von zwei, drei Stunden den Abstrich und wissen „okay, wir können ihn entisolieren“ oder wir müssen ihn wirklich weiter wie einen Covid-Patienten behandeln. Das ist ein unheimlicher Vorteil, dass wir bis zu 100 Tests am Tag durchführen können.

Haben sich die Behörden schon für die Anzahl der Tests interessiert? Diese würden ja Rückschlüsse auf den Anteil der Infizierten zulassen.

Häuser: Die Anzahl hilft uns nur bedingt weiter, denn ein positiver Test sagt noch nichts über die Erkrankung und über das Ausmaß der Erkrankung.

„Keiner weiß, wie viele Tests gemacht wurden“

Obermaier: Die positiven Tests sind erfasst. Aber keiner erfasst, wie viele Tests insgesamt gemacht wurden. Das haben wir mit dem Oberbürgermeister und der Führungsgruppe Katastrophenschutz versucht herauszufinden und es zu sammeln. Es ist nicht möglich, eine Zahl zu bekommen, weil man gar nicht herausbekommt, wo die Tests alle hingegangen sind. Ich habe ursprünglich auch gedacht, das muss doch ganz einfach sein. Einfach die Tests nach Postleitzahlen vom Computer ausgeben lassen. Aber man weiß überhaupt nicht, wo man überall nachfragen müsste, wie viele Tests aus Straubing das jeweilige Labor gemacht hat. Das hätte vielleicht auch unsere hohe Zahl ein wenig relativieren können. Wir gehen davon aus, dass wir ein Hotspot waren, weil wir mehr getestet haben, aber wir können das nicht beweisen.

Häuser: Was wir gemacht haben, geht teils über die Vorgaben des Robert Koch-Instituts (RKI) hinaus, auf Basis eigener Erfahrungswerte, die in unserem jetzigen Screening und Testverfahren hinterlegt sind. Wir testen zum Beispiel grundsätzlich Patienten, die aus Sammelunterkünften kommen. Das ist keine allgemeine Vorgabe. Wir haben auch getestet, ob Stadt und Landkreis jeweils eigene Hotspots haben. Wir testen Menschen aus Sammelunterkünften und Dialysepatienten. Das waren Erkenntnisse, die wir selbst ziehen mussten, denn das wusste am Anfang keiner.

Die PCR-Tests bleiben also vorerst. Wird sich das, wie Politiker des Öfteren geäußert haben, mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffs ändern?

Häuser: Die Vorstellung, dass mit einer Impfung alles gelöst wäre, ist Augenwischerei. Zumal eine Durchimpfung mit der Bevölkerung wie mit Grippeimpfungen sehr, sehr lange dauert. Wir reden von 80 Millionen Menschen, nur in Deutschland. Damit ist nicht gewährleistet, dass nicht von außen einer kommt und wieder etwas einschleppt. Diese Impf-Dikussion ist aus unserer Sicht „nice to have“, aber keine Garantie.

Obermaier: Sie müssen es nur mal durchspielen. Wir reden davon, dass wir 50 Millionen Menschen erstmal durchimpfen muss, um eine Herdenimmunität zu haben. Bleiben 30 Millionen, die noch krank werden können. Wenn Sie pro Arbeitstag 100.000 Menschen impfen können, dann brauchen sie 500 Arbeitstage. Das sind zwei ganze Jahre, bis alle durchgeimpft sind. Das ist logistisch gar nicht so einfach, selbst wenn man einen Impfstoff hätte.

 

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