Interview mit Autor aus Norwegen Jørn Lier Horst: „Es geht um die großen Themen“

Der norwegische Krimiautor Jørn Lier Horst Foto: Marius Batman Viken

Der 49-Jährige Jørn Lier Horst gehört zu den erfolgreichen Krimiautoren aus Norwegen. Mit idowa hat er über aktuelle Trends in der norwegischen Literatur und über die Erfahrungen aus seinem vorherigen Beruf als Kriminalhauptkommissar gesprochen – und darüber, weshalb er Whisky-Flaschen-Ermittler in Romanen nicht mag.

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (ab Mittwoch, 16. Oktober, 9 Uhr) ist Norwegen. Ein Krimi-Autor aus dem Land ganz im Norgen Europas, Jørn Lier Horst, gibt im Interview einen Einblick in die literarische Kultur seines Landes – und zwar aus dem Blickwinkel eines Krimiautors. Lier Horst hat im Rahmen seines Schaffens bereits mehrere Krimipreise gewonnnen.

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Ich weiß, dass diese Frage kaum, vor allem nicht kurz, zu beantworten ist. Dennoch möchte ich sie stellen, da die deutsche Leserschaft wenigstens in Teilen mit der Literatur Norwegens wenig vertraut sein dürfte. Was macht Werke aus Norwegen unverkennbar? Gibt es in aktuellen Texten eine bestimmte Grundstimmung, eine bestimmte Positionierung oder Perspektive?

Jørn Lier Horst: Ich muss diese Frage aus der Perspektive der Kriminalliteratur heraus beantworten, da das mein Genre ist. Allerdings glaube ich, dass meine Antwort durchaus auf einen größeren Teil der norwegischen Literatur zutrifft – möglicherweise weil aktuelle Werke der Tendenz folgen, die Grenzen zwischen den Genres abzubauen. Kriminalromane aus den skandinavischen Ländern tragen ja häufig die Genre-Bezeichnung “scandic noir”. Es erscheint mir als Autor aus der Region schwierig zu begründen, dass geographische Grenzen eine solche kollektive Bezeichnung rechtfertigen sollen. Vor allem weil Kriminalromane und Thriller, die in dieser Ecke der Welt geschrieben werden, eine extrem große Bandbreite im Hinblick auf Form und Inhalt aufweisen. Sie sind alle sehr unterschiedlich hinsichtlich Setting, Charakteren, Sprache, Plot und Handlung. Dennoch empfinden sie aber Leser außerhalb der skandinavischen Länder häufig als ähnlich. Klar ist, dass wir eine Region mit gemeinsamer Geschichte und Traditionen sind, außerdem gibt es Gemeinsamkeiten etwa bei den gesellschaftlichen Strukturen, beim Sozialwesen, den politischen Strukturen und dem Koordinatensystem der Werte. Das macht es dann schwierig, besondere Kennzeichnen norwegischer Literatur in Abgrenzung zur Literatur aus anderen skandinavischen Ländern zu benennen. Norwegische Literatur hat möglicherweise aber etwas an sich, das sich nicht definieren lässt, einen bestimmten erzählerischen Stil, der von der Dunkelheit des Winters, der Mitternachtssonne und der ausgedehnten, kargen Landschaft geprägt ist.

Welche Trends gibt es derzeit in der Literatur Ihres Heimatlandes?

Lier Horst: Einer der klaren Trends in Norwegen ist "virkelighetslitteratur". Das lässt sich frei als “Realitätsfiktion” übersetzen. Die Bezeichnung umfasst Werke, die tatsächliche Geschehnisse und Menschen aus dem Leben des Autors beschreiben, oftmals ohne größere Veränderungen bei den Namen oder den anderen faktischen Informationen. Dieser Trend begann mit Karl Ove Knausgaard. Die Grenzen der Form werden hier teilweise verschoben, immer wieder gibt es Diskussionen darüber, wie weit Autoren gehen können. Zu diesem Trend passt auch, dass es ein großes Interesse an Biographien gibt. Auch hier gilt, dass die Schriftsteller Grenzen immer wieder überschreiten. Mit privatem Quellenmaterial werden Nahaufnahmen von berühmten Personen gezeichnet.

 

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