Interview mit Autor aus Norwegen Hinter das Absperrband

Wieso ist das so? Ist die Realität in unserer Zeit interessanter als die Fiktion?

Lier Horst: Wahre Kriminalfälle, Dokus und Erzählungen über reale Morde und Vergehen sind der internationale Trend im Krimigenre, egal ob in Buchform oder in Form von Radio-Hörspielen, Podcasts und natürlich in TV-Formaten. Zu sagen ist, dass Populärkultur aber immer schon von der Realität beeinflusst war. Eines von Edgar Allan Poes frühen Kriminalstücken basierte auf den bestialischen Morden von Mary Cecilia Rogers in New York im Jahr 1841. Der Serienmörder “Jack the Ripper” beeinflusste unter anderem das Werk von Arthur Conan Doyle. “Der Graf von Monte Christo” fußt auf einer wahren Geschichte, die Alexandre Dumas in den Archiven der Pariser Polizei fand. Der Grund für die Beliebtheit dieser Form hängt vielleicht damit zusammen, dass die Menschen gerne das verstehen würden, was ihnen selbst fremd ist, was normalerweise verborgen bleibt. Im Genre der wahren Kriminalfälle werden wir vorgelassen in Bereiche, die uns in der Regel verschlossen bleiben. Wir kommen in den Bereich hinter den Polizei-Absperrungen, wir verfolgen die Überlegungen des Anwalts zur Strategie, wir erhalten einen Einblick in die Gedankenwelt eines Täters und die Angst des Opfers. Der konventionelle Kriminaltext adressiert die gleichen Wünsche, aber im Genre der wahren Kriminalfälle fühlen sich viele Leser noch etwas näher am Geschehen. Und das erhöht den Puls dann noch etwas mehr. Das was wir lesen, könnte nicht nur so passiert sein, vielmehr ist es möglicherweise genau so passiert. (…) Und dann ist noch zu sagen, dass im Umfeld eines Verbrechens oftmals auch die großen Themen des Lebens an die Oberfläche kommen: Liebe und Hass, Betrug und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne.

Sie waren nicht immer schon Autor, sondern haben früher als Polizist in der Provinz Vestfold gearbeitet. Lassen Sie Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit in Ihre Bücher einfließen?

Lier Horst: Definitiv. Mein Hintergrund als leitender Ermittler in der Kriminalabteilung ist meine Stärke als Autor. Diese Arbeit hat es mir erlaubt, hinter die Absperrbänder zu gehen und die Spuren von schweren Verbrechen zu sehen. Die Überbleibsel eines unerbittlichen Kampfes sehen, in verschlossene Räume gehen, die ein Geheimnis beinhalten – in solche Situationen möchte ich die Leser bringen. Ich habe als Polizist mit den Opfern von Straftaten, mit Verwandten oder Überlebenden gesprochen. Und über viele Jahre war es meine Aufgabe, mit den Tätern zu sprechen, sie zu befragen. Ich habe also aus nächster Nähe Wut, Trauer und Verzweiflung erfahren, und diese Erfahrungen lasse ich in meine Bücher einfließen. Das schafft Nähe und Authentizität und ist das, was meine Leser schätzen, denke ich. Das Gefühl eines “wahren Verbrechens”. Mein aktueller Roman, “Wisting und der Tag der Vermissten“, ist von einem “cold case” aus meiner Zeit als Ermittler beeinflusst.

Was war das für ein Fall?

Lier Horst: Um sechs Uhr abends am 5. August 1999 ging die zwölfjährige Kristin Fahrradfahren. Sie kam niemals zurück. Ein Suchtrupp durchforstete die Gegend um das kleine Dorf Mork. Nachbarn, Freunde und die Familie suchten die Wege, Wiesen, Schluchten und Flüsse ab. Schließlich wurde die Leiche des Mädchens gegen Mitternacht am Tag ihres Verschwindens gefunden. Über die nächsten drei Jahre habe ich beinahe meine gesamte Arbeitszeit darauf verwendet, den Killer von Kristin zu finden. Der erste Verdächtige war ein Mann mit einer psychischen Erkrankung, der in dem Dorf auf einem Motorrad gesehen worden war. Aber als wir auf neue Fakten stießen, änderte sich die Richtung der Ermittlungen. 2001 nahmen wir dann einen 24-Jährigen in Stockholm fest, aber es waren nicht genügend Beweise vorhanden, um ihn zu verurteilen. Der Mord an Kristin ist die Art von Fall, die einem immer wieder ins Gedächtnis kommt, bei dem man immer wieder die Details wälzt, um eine Antwort zu finden. Solche Fälle verursachen eine mentale Narbe, die nicht heilt und die sich entzündet. Kristins Vater und ich sind über die Jahre in Kontakt geblieben, auch als ich nicht mehr bei der Polizei war. Am Jahrestag des Mordes habe ich ihn regelmäßig besucht. Er hat es nie aufgegeben, den Killer zu finden. Und wir haben unsere Untersuchung weitergeführt, haben sogar einen Hellseher kontaktiert. Kurz vor Mitternacht am 8. Juli 2015 hat er angerufen, um mir zu sagen, dass die Polizei jemanden verhaftet habe. Neue Ermittlungstechniken machten es möglich, auf den Nägeln von Kristin DNA-Spuren sicherzustellen, die auf einen Mann passten – auf den gleichen Mann, den wir bereits 2001 vor Gericht verurteilen lassen wollten. Im Sommer 2016 traf ich diesen Mann ein zweites Mal im Gericht. Er ist mittlerweile verurteilt. Mein aktuelles Werk ist nun keine Geschichte über den Mord an Kristin, sondern darüber, neue Ermittlungen in alten Fällen anzustrengen. (…)

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading