Interview Milow: „Ich glaube an die Kraft eines guten Songs“

Milow tritt am 15. Juli 2012 beim Bluetone - Das Festival an der Donau auf. (Foto: Valerie Jodoin Keaton) Quelle: Unbekannt

Der Aufstieg dieses ja doch eher gemächlich musizierenden Belgiers verlief zuletzt sehr rasant. Nachdem der 29-Jährige aus Löwen in Belgien, dessen wirklicher Name Jonathan Vandenbroeck ist, bei einem Musikerwettbewerb 2004 erstmals von sich hören machte, schaffte er fünf Jahre später den europaweiten Durchbruch mit seiner Version von 50 Cents "Ayo Technology". Mit seinem neuen Album "North and South" und speziell der aktuellen Single "You and Me (In my Pocket)" ist Milow auch in diesem Jahr allgegenwärtig. Wir sprachen mit ihm in Köln.

Milow, hattest du überhaupt Zeit, ein neues Album zu schreiben und aufzunehmen?

Milow: Ich habe mir selbst gesagt, dass ich mir nach dem Trubel und der der sehr langen Tournee einen ausgedehnten Urlaub gönnen würde. Erst dann wollte ich mit dem neuen Album anfangen. Die Tour wurde immer länger, immer mehr Länder entdeckten mich. Ich dachte, bleibe ich bei der Strategie, dann brauche ich noch viele Jahre, bis mein nächstes Album fertig ist.

Also hast du dir etwas anderes einfallen lassen?

Milow: Richtig. Ich beschloss, fleißig zu sein. Zum Glück geht das Komponieren und Texten bei mir schnell. Also setzte ich mich immer, wenn ich ein paar Stunden Zeit hatte, hin und schrieb die Lieder unterwegs: Im Zug, im Flugzeug, im Hotel. Auf diese Weise kam ich gar nicht erst auf die Idee, eine Schreibblockade zu entwickeln.

Deine Lieder sind eher ruhig. Brauchst du zum Schreiben keine Ruhe?

Milow: Ich habe am liebsten dann geschrieben, wenn alle anderen schliefen. Zum Beispiel nachts im Tourbus in meiner Koje. Gitarre spielen ging dann natürlich nicht, die anderen hätten mich verhauen. Aber dann habe ich halt da gelegen und an meinen Texten gefeilt.

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Deine Melodien klingen ja sehr natürlich und sehr einfach. Wie kriegst du das hin? Etwa auch im Bett?

Milow: Nein. So wie bei Paul McCartney läuift es bei mir leider nicht. Der hat mal erzählt, er träume nachts sogar seine Songs.Ich versuche beim Komponieren nicht, auf biegen und brechen einen Radiohit zu schreiben. Bei mir geht das alles sehr natürlich, ich musds mich nicht stark anstrengen oder quälen. Ich liebe Melodien über alles und ich mag es, wenn Lieder einfach sind. Ich bin außerdem kein besonders guter Gitarrist, weit davon entfertn, ein Virtuose zu sein, also versuche ich das erst gar nicht. Alles, was ich habe, sind meine Texte und meine Melodien.

Handeln deine neuen Stücke auch vom Leben auf der Straße?

Milow: Nein, ich habe mich bewusst dagegen entschieden, eine Platte über die Erfahrungen des tourenden Musikers zu machen. Das ist doch blöd und uninteressant. Viele schreiben, wie hart oder wie cool ihr Leben als plötzlich berühmter Musiker ist. Gähn. Die Leute, die meine Musik mögen, die wollen solch eine Selbstbeweihräucherung nicht hören. Ich wollte lieber ein zeitloses Album machen und wichtigere, spannendere Geschichten erzählen.

Gibt es ein durchgängiges Thema auf "North and South"?

Milow: Widersprüche. Das Leben als solches erscheint mir heutzutage sehr widersprüchlich und oft nicht logisch. Auch in der Weise, wie ich die Songs arrangiert habe, spiele ich mit Widersprüchen. Ich verbinde zum Beispiel die elektronische mit der akustischen Gitarre, spiele also einfach beide, normalerweise sind das ja eher Gegensätze. Oder ich singe mal sehr soft, sehr weich und kontrastiere das mit einem starken, relativ harten Groove.

Welche Lieder sind dir besonders gut gelungen?
Milow: "Move to Town", das ich mit dem Folkmusikern Martin & James geschrieben habe, mag ich sehr. Es geht um den Unterschied zwischen Dorf und Großstadt. Und dann geht es doch wieder um ein Mädchen, so wie immer eigentlich. Insgesamt ist das Lied eher ein Manifest gegen die Stadt und fürs Land.

Und in "Son" beschäftigst du dich mit dem Verhältnis zu deinem Vater?

Milow: Ich weiß, ich bin nicht der erste, der ein Stück über dieses Thema schreibt, Cat Stevens zum Beispiel war weit vor mir. Zu dem Thema sind in aller Welt Bücher geschrieben, Filme gedreht, Lieder gesungen worden. Der Song ist persönlich und spezifisch, gleichzeitig kann sich aber auch fast jeder darin wiederfinden. Viele Menschen könnne sich darin wiederfinden.

Wie ist das Verhältnis zu deinem Vater?

Milow: Er starb kurz bevor ich dieses Album aufnahm. Sein Tod ist der Grund gewesen, dass ich dieses Lied komponiert habe.

Nach deinen Hits "Ayo Technology" und "You don't know" ist "North and South" dein erstes Album, das simultan in Europa veröffentlicht wird. Setzt dich das unter Druck?

Milow: Als ich dieses Album gemacht habe, fühlte ich überhaupt kein Chaos, überhaupt keinen Druck. Ich habe die ganzen Erwartungen von Außen einfach abgeblockt und das gemacht, das ich immer schon gemacht habe und wo ich gut drin bin: Meinen Instinkten und meiner Musik zu vertrauen.
Natürlich ist auch Druck da. Der motiviert mich jedoch eher zusätzlich. Er lähmt mich nicht. Ich habe sehr lange auf diesen Moment gewartet. Bei meinem letzten Album wusste ich nicht, ob es überhaupt jemand hören möchte. Jetzt ist das erwiesen. Was ich schön und ermunternd finde.

Deine Musik ist fast etwas altmodisch. Trotzdem hast du ein junges Publikum gefunden. Woran liegt das?

Milow: Ich mache Musik, die in einer langen Tradition wurzelt. Zugleich versuche ich aber, diese Musik nicht altbacken klingen zu lassen. Indem ich zeitgemäße Sounds und Instrumente verwende. Ich möchte gar nicht erst so tun, als würde ich Musik aus den Siebzigern machen. Und ich bin wirklich glücklich, dass so viele junge Leute in meine Konzerte kommen. Als ich ein Teenager war, konnte ich mir keine Tickets für Bob Dylan leisten, ich bin eher irgendwo um die Ecke in ein kleines Konzert gegangen, um neue Musiker zu entdecken. Irgendwann kennt man ja auch alle Songs von Springsteen, dann ist es Zeit für neue Lieder. Meine Musik soll vielleicht einen kleinen Beitrag zum Soundtrack für das Leben der Menschen liefern.

Wie wichtig war "Ayo Technology" für deine Karriere?

Milow: Das war offensichtlich ein ganz entscheidender Song für mich und meinen Werdegang. Er hat mir unglaublich viele Türen für die Karriere, für mein Album, für die weiteren Lieder geöffnet. "Ayo Technology" hat mich in ganz Europa ziemlich schnell bekannt gemacht. Und ich bin immer noch sehr stolz auf den Song. Ich habe kein problem damit, dass "Ayo Technology" nicht von mir stammte. Ich wusste zudem immer, dass ich mehr hatte als diesen einen Song. Und die Menschen merkten das bald danach ebenfalls. Hätte niemand mein Album gekauft oder wäre niemand in meine Konzerte gegangen, dann wäre ich jetzt ein tragischer One-Hit-Wonder-Fall. Aber so ist es ja ganz und gar nicht gekommen.
Ich sehe "Ayo Technology" auch nicht als Beginn meiner Karriere. Ich hatte vorher schon lange Zeit Musik gemacht und war erfolgreich in Belgien.

Du hast jahrelang in kleinen Clubs gespielt. Hattest du dir Sorgen gemacht, nie den großen Durchbruch zu schaffen?

Milow: Ein wenig. Ich war immer ein sturer Kerl und hätte nie aufgegeben. Denn ich glaube an die Kraft eines guten Songs. Der anfängliche Misserfolg war eine Art Motivation für mich. Aber klar, ich hatte auch Momente, in denen ich dachte "Mist, was soll ich nur machen, wenn es nicht klappt mit meiner Musik?" Ich spiele immer schon den selben Stil. Und ich habe gelernt, wie relativ alles ist. Vielleicht ist das, was mir in den letzten zwei Jahren passiert ist, das Highlight meiner Karriere. Man weiß es einfach nicht. Wie auch immer: Ich versuche den Erfolg zu genießen und trotzdem ein angenehmer, normaler Kerl zu bleiben.

"North and South" lässt sich auch politisch interpretieren. Sollte sich Belgien in eine flämische und eine wallonische Hälfte aufteilen?
Milow: Nein! Diese Idee gefällt mir überhaupt nicht. Belgien profitiert doch sehr von diesem verschiedenen Kulturen, die in dem Land zusammenleben. Wir haben Globalisierung und die Leute spüren, dass sie Kontrolle verlieren und deshalb konzentrieren sie sich jetzt auf lokale Fragen. Womöglich igeln sie sich ein und wählen Parteien, die gegen die Globalisierung oder gegen die Europäische Union insgesamt sind. Das hatte ich für falsch und nicht ungefährlich. Ich meine, wo geht es dann weiter: In zehn Jahren haben wir dann eine Partei, die junge gegen alte Menschen aufwiegelt.

Du bist jedenfalls ein Zusammenbringer?
Milow: Exakt. Vielleicht sollte ich mich als belgischer Staatspräsident bewerben (lacht).

Von Steffen Rüth

 

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