Interview Im Gespräch mit Ex-Mordermittler Josef Wilfling

Volontärin Marion Bremm trifft Josef Wilfling. Foto: mbr

Josef Wilfling war 42 Jahre lang im Polizeidienst tätig, 22 davon bei der Münchner Mordkommision. Ab 2002 leitete er die Abteilung. Im Interview spricht der 72-jährige Ex-Mordermittler über die Enthüllung von Lügen und warum ihm sein Job keinen Spaß gemacht hat, sondern viel mehr: "Die Arbeit verschaffte mir Zufriedenheit."

Herr Wilfling, haben Sie schon einmal Drogen genommen?

Josef Wilfling: Ich habe um das Jahr 1968 einmal Haschisch geraucht. Damals hat das in den Kneipen jeder gemacht. Ein Zug nur. Aber das war nichts für mich, ich bin beim Bier geblieben.

Das glaube ich Ihnen jetzt einfach mal, nachprüfen kann ich es ja nicht. Ist es so schwer, eine Lüge zu erkennen, weil es unterschiedliche Arten von Lügnern gibt?

Wilfling: Es gibt Menschen, die können überhaupt nicht lügen. Das ist die Mehrheit. Und dann gibt es raffinierte Lügner. Sehen Sie, Menschen sind generell wahnsinnig kompliziert. Wir sind alle Meister täuschenden Verhaltens, aber Stümper, wenn es darum geht, Lügner zu erkennen. Als Ermittler muss man die Lüge von der Wahrheit trennen, um einen Fall aufzuklären.

Wenn Sie damals in Ihrer aktiven Zeit als Polizist einen Lügner erkannt hatten: Wie brachten Sie ihn dazu, die Wahrheit zu sagen?

Wilfling: Das war das Allerschwierigste. Es gibt bestimmte Strategien, die man lernt und sich aneignet. Letztlich geht es um Überzeugungsarbeit. Der Lügner wird nur die Wahrheit sagen, wenn er einen Vorteil darin sieht. Die Lüge ist immer eine Suche nach Vorteilen. Ich muss ihm dabei helfen, sein Gesicht nicht zu verlieren.

Wie geht das?

Wilfling: Man unterscheidet, ob es einen emotionalen Hintergrund gibt - Taten aus Eifersucht, Neid, Hass - oder ob es ein geplanter Mord mit eiskaltem Kalkül war. Um was es sich handelt, erkennt man bereits am Tatort. Reden wir von einer Beziehungstat, bin ich als Ermittler der Beichtvater. Ich lasse den Täter in Ruhe erzählen, er darf auch lügen und ich höre zu. Das Gegenteil ist die Sachlichkeitstaktik. Einem eiskalten Mörder muss ich keine Seelenmassage geben. Einen Sexualstraftäter wiederum darf ich niemals auf seine Präferenzen ansprechen. Da macht er direkt dicht, so wie der Schwabinger Messerstecher im Jahr 1997. Dieser überfiel reihenweise Frauen und stach sie nieder. Dieser Mensch zum Beispiel beschrieb die jeweiligen Handlungen, aber den sexuellen Hintergrund wollte er nicht preisgeben. Das muss man wissen, das lernt man durch Erfahrung.

Dann haben Sie auch Erfahrung damit, welche körperlichen Merkmale einen Lügner entlarven können?

Wilfling: Das ist eine Wissenschaft für sich, damit sind wir Ermittler überfordert. Einfache Anzeichen erkennt man aber. Am wichtigsten ist die plötzliche Verhaltensänderung. Von einem freundlichen Ton zu einer aggressiven Haltung - dann weiß man, dass man einen wunden Punkt erwischt hat. Aber natürlich ist jeder Mensch anders.

Meinen Sie damit, dass Tätergruppen unterschiedlich reagieren?

Wilfling: Auch. So haben sich Psychopathen sehr im Griff. Allgemein gesprochen: Jeder Mensch kann lügen, aber das wie ist die Frage. Da gibt es himmelweite Unterschiede. In meiner Laufbahn kamen auch Momente auf, in denen ich schmunzeln musste, weil die Lüge so offensichtlich war.

Hat der Kontakt mit Lügnern in Ihrem Beruf auch Ihr Privatleben beeinflusst?

Wilfling: Man lernt gewisse Taktiken, gewisse Grundregeln einzuhalten. Erste Grundregel: Beherrsche deine Emotionen. Im Privatleben funktioniert das aber nicht. Wenn ich mit meinem Sohn, der heute übrigens auch Kriminaler ist, gestritten habe, war alles, was ich in meinem Beruf so gut beherrscht habe, wie weggeblasen. Man redet laut statt leise, wird leichter aggressiv statt beruhigend. Man räumt keine Fehler ein, argumentiert eher rechthaberisch. Und warum? Weil ich, anders als im Beruf, emotional beteiligt war. Das ist der große Unterschied. Emotionen sind der Sachlichkeitskiller schlechthin.

Haben Sie bei Ihrem Sohn denn auch einmal Polizeimethoden angewandt?

Wilfling: Mein Sohn war eher pflegeleicht, aber es gab schon Situationen, wo ich mit intensiver Überzeugungskraft versuchte, ihn beispielsweise vor dem Umgang mit Personen abzuhalten, die ich für gefährlich hielt. Ich denke, jeder Vater und jede Mutter würden das tun, um ihre Kinder vor Gefahren zu bewahren, die diese nicht erkennen. Das war leider notwendig.

Wie endete die Episode?

Wilfling: Es hat funktioniert. Es gelang mir und meiner Frau, ihn zu überzeugen, dass wir es gut mit ihm meinen und am Ende zählte die Gefahrenabwehr. Auch wenn die Argumente, die ich einsetzte, teilweise frei erfunden waren. Das allerdings darf man als Polizist auf keinen Fall tun. Es gilt: Ermittler lügen nicht. Heute habe ich übrigens ein gutes Verhältnis zu meinem Sohn und wir lachen oft über so manche damalige Gehirnwäsche, die ich ihm verpasst habe.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie auf der nächsten Seite. 

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