Interview Dr. Henning Beck über die moderne Bildung

Henning Beck zeigt in seinem neuen Buch, wie die Zukunft des Lernens aussieht und welche Rolle digitale Medien dabei spielen. Foto: Hans Scherhaufer

Ein guter Lehrer entfacht Neugier und Begeisterung. Klappt das auch beim Online-Unterricht? Für den Neurobiologen, Hirnforscher und Buchautor Dr. Henning Beck ist klar: Moderne Bildung nutzt digitale und analoge Techniken.

Herr Beck, Sie sagen, durch Homeschooling werde momentan sehr viel kaputt gemacht. Was genau meinen Sie damit?

Henning Beck: Zahlreiche Studien belegen, dass digitale Techniken den Unterricht verschlimmbessern und leider nur ein „Coolness-Effekt“ nachweisbar ist: Am Anfang ist es cool und spannend, ein neues Medium zu nutzen, das sich aber schnell abnutzt. Außerdem ist es auf Dauer sehr viel teurer, einen schlechten digitalen Unterricht zu machen als einen guten analogen. Der beste Unterricht ist bloß mit einer Schiefertafel möglich. Sobald man digitale Medien dafür nutzen muss, muss man auch das didaktische Konzept hinterfragen.

Wie können Schüler und Lehrer das Beste aus der jetzigen Situation herausholen?

Henning Beck: Lehrkräfte sollten interaktive Fragen stellen, die anschließend auch interaktiv bearbeitet werden – ganz im Sinne des Lockens und der Neugier. Denn: Lehrer sind im Idealfall Verführungskünstler.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Henning Beck: Das könnte so aussehen: „Stellt euch vor, ihr sollt ein tödliches Virus entwickeln. Wie würdet ihr vorgehen und welche Eigenschaften sollte das Virus haben, damit es sich bestmöglich verbreitet?“ Dann lässt man die Leute quasi als Prä-Hausaufgabe die Fragestellung bearbeiten und stellt sich anschließend die Ergebnisse in einer Videokonferenz gegenseitig vor. Das korrekte Ergebnis wird anschließend von der Lehrkraft gelüftet und erklärt, warum das Virus diese oder jene Eigenschaft hat. Im Nachgang wird dann wiederum die konkrete Aufgabe gegeben, dieses Wissen nicht zu wiederholen, sondern sich gegenseitig mit den neu erworbenen Infos zu testen. Das kann über ein selbst erstelltes Quizduell erfolgen. Die Informationsinhalte der Lerneinheit können von der Lehrkraft anschließend auch digital verfügbar gemacht werden, zum Beispiel in Form eines Videos oder eines interaktiven PDFs, das Links zu Animationen oder Grafiken enthält. Wichtig: Die Information darf erst verfügbar gemacht werden, nachdem vorher ein Rätsel gestellt wurde. Ansonsten sind die Leute passiv vor den Bildschirmen und die Lehrkraft konkurriert mit YouTube, Netflix und Co. Keine Chance. Trotz dieser interaktiven Möglichkeiten sind Sie überzeugt, dass es in der Praxis nicht möglich ist, digital einen wirkungsvolleren Unterricht zu gestalten als analog. Ja, denn die Nachteile des Digitalen überwiegen. Länder, die in der digitalen Entwicklung schon weiter sind als Deutschland, drehen deswegen diesen Trend wieder zurück: Erstens vergrößert man die Bildungsungerechtigkeit. Die größten Verlierer sind leistungsschwache männliche Schüler. Und man macht zweitens den Bildungserfolg wiederum stärker abhängig vom Elternhaus.

Wer kommt mit Homeschooling am besten klar?

Henning Beck: Das sind die wohlhabenden, gebildeten Leute mit Zugang zu Technik und ohne Existenzangst. Am schwierigsten ist es für die, die jetzt alleinerziehend um ihren Job kämpfen. Eine der größten Errungenschaften hinsichtlich des sozialen Ausgleichs war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Jetzt das Rad in Richtung Heimunterricht zurückzudrehen, wird dauerhaft nicht spurlos an einer Gesellschaft vorbeigehen. Eine digitale – und zusätzlich analoge – Bildungselite wird davon massiv profitieren, eine weniger gut gebildete Gesellschaftsschicht abgehängt werden. Ich sehe daher nicht, dass die Digitalisierung von Bildung in dieser Form geeignet ist, das politische Versprechen von Chancengerechtigkeit einzulösen.

Als Neurowissenschaftler wissen Sie, wie welche Form des Unterrichtens auf unser Gehirn wirkt, wie wir besser lernen ...

Henning Beck: Reine Digitalformen sind nachweislich schlechter als interaktiver analoger Unterricht oder Mischformen analoger und digitaler Varianten. Auch weil unser Gehirn nicht dann am besten lernt, wenn es vor einem Bildschirm ist, sondern wenn es aktiv mit anderen räumlich interagiert. Nicht umsonst sind die Hirnareale, die unser Wissen und unsere Erinnerung organisieren, auch daran beteiligt, eine räumliche Kartierung unserer Umgebung anzufertigen. Räumlichkeit ist immer mit dem Verständnislernen verbunden. Das geht beim Digitalen verloren. So erinnern sich Menschen zum Beispiel schlechter an den Inhalt von E-Books als an den Inhalt von gedruckten Büchern.

Bleibt digitaler Unterricht im Homeschooling also eine Krücke?

Henning Beck: Natürlich ist es jetzt wichtig, digitale Tools zur Bildung einzusetzen. Wenig Unterricht ist immer noch besser als gar kein Unterricht. Ich hoffe sehr, dass man aus dieser Notlage lernt und erkennt, dass die Zukunft nicht in reiner digitaler Bildung liegt. Eine Mischform, in der die wichtigen und Neugier weckenden Fragen analog gestellt und bearbeitet werden, um diese digital vor- und nachzubereiten, hat gegenüber den reinen Formen Vorteile. Der jetzige Zustand, das muss man bei aller medizinischen Notwendigkeit betonen, ist auf Dauer ein Verrat an der Zukunft unserer jungen Leute.

Einen Stimmenfang, wie das Lernen daheim läuft, findest du hier. 

 

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