Interview Die Dichterin Julia Engelmann über ihre Karriere

Julia Engelmann wurde mit ihrem Text "One Day" bekannt. Foto: Marta Urbanelis

„Eines Tages, Baby, da werden wir alt sein, oh, Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Mit diesen Worten wurde die 27-jährige Julia Engelmann auf einen Schlag berühmt. Wir haben die wohl bekannteste Poetry Slammerin Deutschlands bei der Präsentation der neuen UNICEF-Weihnachtskarten im Kaufhaus Ludwig Beck in München zum Interview getroffen.

Hallo, Julia! Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Julia Engelmann: Es gibt keinen richtigen Alltag. Es hängt immer davon ab, ob ich gerade auf Tour unterwegs bin oder zuhause und schreibe.

Du bist damals bei dem Poetry Slam an der Uni Bielefeld die Fünfte von sechs Teilnehmern geworden (Video siehe unten). Ein halbes Jahr später hat jemand ein Video von deinem Auftritt online gestellt. Das ging dann so richtig durch die Decke. Wie bist du damit klargekommen, dass du plötzlich berühmt warst? Mittlerweile habe ich mich ein bisschen daran gewöhnt, weil es jetzt schon sechs Jahre her ist. Aber ich bin immer noch überrascht und kann es nicht glauben. Wenn du heute deinen Auftritt von 2013 siehst – stehst du noch hinter dem Text?

Julia Engelmann: Ich stehe noch komplett dahinter. Er hat auch mein Leben verändert. Nicht nur, weil ich dadurch bekannt wurde, sondern auch inhaltlich. Ich habe tatsächlich sehr viel von dem Text umgesetzt. Das macht mich glücklich.

Es gehört viel Mut dazu, sich vor so vielen Menschen auf eine Bühne zu stellen und einen Text vorzutragen. Fällt dir das schwer?

Julia Engelmann: Vor den Auftritten bin ich vorfreudig und habe keine Angst. Ich war ein sehr stilles Kind. Aber ich dachte mir irgendwann: Es können nicht immer nur die Lauten zu Wort kommen. Was, wenn sich mal jemand Stilles zu Wort meldet?

Wann hast du mit dem Dichten angefangen?

Julia Engelmann: Ich habe schon immer geschrieben. Aber mit 17 Jahren habe ich explizit mit dem Gedichteschreiben angefangen. Ich war damals auf einem Poetry Slam im Publikum und dachte mir: Warum erfahre ich erst jetzt davon? Das möchte ich auch machen.

Muss man in einer bestimmten Stimmung sein, um Gedichte zu schreiben?

Julia Engelmann: Zum Schreiben muss man eigentlich nur Schreiben wollen.

Wer inspiriert dich?

Julia Engelmann: Ich habe Vorbilder, was mein Weltbild und mein Denken angeht. Das sind zum Beispiel meine Mutter, Rainer Maria Rilke und Elizabeth Gilbert (ein Lyriker aus dem 20. Jahrhundert, eine US-amerikanische Schriftstellerin, Anm.d.Red.).

Was möchtest du mit deinen Gedichten bewirken?

Julia Engelmann: Mich macht das manchmal traurig, wie viele Menschen traurig sind. Wenn ich mit meinen Texten Hoffnung verbreiten kann, dann wäre das für mich unglaublich schön. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es sehr viel Hoffnung gibt.

Viele Menschen haben Probleme, zu ihren Gefühle zu stehen. Du stehst in deinen Gedichten offen zu deinen Empfindungen.

Julia Engelmann: Ich habe mich damals gefragt, ob ich die Einzige bin, die sich mal einsam fühlt. Diese Frage habe ich dann durch meine Texte laut gestellt und über die letzten Jahre gemerkt, dass wir uns alle viel ähnlicher sind, als es scheint. Ich bekomme viele Rückmeldungen wie „Genau so geht’s mir auch“. Ich glaube, wir haben alle einen ähnlichen Kern. Mir schreiben viele Menschen, dass sie sich durch meine Gedichte weniger einsam fühlen. Das macht mich sehr glücklich.

 

 

Bekommst du auch Hate?

Julia Engelmann: Mein Opa hat immer gesagt: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Oder: Wer seinen Kopf aus dem Fenster hält, muss auch mit Gegenwind rechnen. Mir gefällt auch nicht alles. Daher muss ich damit rechnen, dass den anderen auch nicht alles gefällt, was ich mache.

Du strahlst eine innere Ruhe aus. Wie hast du die entwickelt?

Julia Engelmann: Ich möchte gerne jemand sein, der in sich ruht und zufrieden mit sich ist. Und da ich das so gern möchte und daran arbeite, klappt das auch.

Seit wann machst du Musik?

Julia Engelmann: Schon sehr lange. Ich habe schon immer Klavier gespielt oder mir auf einer WG-Party die Gitarre geschnappt und „Wonderwall“ gesungen. Ich höre auch beim Schreiben Musik.

Du hast schon mit 16 Jahren Abitur gemacht, warst im Hauptcast der Fernsehserie „Alles was zählt“, singst, schreibst ... hast du auch eine Schwäche?

Julia Engelmann: Ich bin ganz schlecht in Ballsport (lacht).

Das ist natürlich ziemlich happig (lacht). Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Julia Engelmann: Ich mache unglaublich gern Yoga, führe philosophische Gespräche mit Freunden. Ich mag frische Luft, schwimmen ... und töpfern.

Deine Eltern begleiten dich oft bei deinen Auftritten. Welches Verhältnis habt ihr?

Julia Engelmann: Ich komme aus einer sehr liebevollen Familie. Wir unterstützen uns alle gegenseitig. Meine Mutter ist Psychologin und schreibt auch Bücher, zum Thema Glück zum Beispiel. Deswegen sind in unserer Familie Gespräche, wie man ein gutes Leben führt, schon immer Thema beim Abendbrot gewesen. Meine Eltern haben alles fantastisch gemacht und ich kann sie jedem weiterempfehlen (schmunzelt).

Wie stellst du dir dein weiteres Leben vor?

Julia Engelmann: Ich bin gerade wunschlos zufrieden. Ich kann manchmal gar nicht glauben, dass ich Dichterin sein kann. Ich bin voller Hoffnung und Vertrauen für alles, was kommt.

 

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