Influencer-Portrait Instareality: Jasmin veröffentlichte Abnehm-Posts auf Instagram, bis sie ihren Körper akzeptierte

19. Januar 2019: Jasmins Figur von hinten, von vorne und von der Seite. Foto: Instagram/endlich_zufrieden

Jasmin Heider aus Regensburg ist Influencerin. Aber keine typische. Ihre Botschaft: Du bist gut, wie du bist. Auch und gerade wenn du nicht dem Ideal entsprichst, das dir dein Insta-Feed vermittelt. Wir haben Jasmins über 500 Beiträge durchgelesen und mit der 22-Jährigen über Selbstliebe, Engagement und Hasskommentare gesprochen.

Jasmin will abnehmen. Dafür startet sie am 19. Januar 2019 ihren Instagram-Account @endlich_zufrieden mit einem Bild ihrer Figur von hinten, von vorne und von der Seite. Es soll später das Vorher eines Vorher-Nachher-Vergleichs werden. Der Name @endlich_zufrieden stammt aus dieser Zeit, als Jasmin noch nicht weiß, dass sich ihre Ansichten ändern werden. Heute lässt sich das mit einem Blick auf ihr Profil nachverfolgen.

Am 26. Februar 2019 postet Jasmin ein Bild mit dem Text: „Parallel zum Abnehmen startet auch mein neuer Lebensstil, keine Tiere mehr zu essen.“ Die Reaktionen darauf sind durchweg positiv.

Am 3. April 2019 teilt Jasmin ein erstes Statement in Richtung #bodypositivity: „Ein Bild für #mehrrealitätaufinstagram. Ungeschminkt nach dem Fitnessstudio. Ich habe fast nur Hosen mit hohem Bund, weil sie Bauchfett kaschieren. Ich bin mit meiner Figur zufrieden, bis auf die Oberschenkel, der Bauch darf aber bleiben.“

7. Mai 2019, ein Bikini-Bild am Strand, Jasmin grinst, mit den Händen hält sie ihren Bauch: „Was bringt es mir, superschlank zu sein? Was bringt es mir, nur perfekte Fotos zu posten?“

„Einen Auslöser für mein verändertes Denken gab es nicht“, sagt die 22-Jährige heute. Doch das neue Denken kommt an. Immer mehr Menschen folgen ihr auf Instagram und TikTok.

31. Mai 2019: Jasmin, fotografiert von der Seite. Mit ihren Worten bricht sie ein Tabu: „Viele Frauen haben Komplexe wegen ihrer Brust. Meine ist auch nicht perfekt, sondern hängt. Trotzdem gehe ich manchmal ohne BH raus. Frauen sollten mehr Selbstbewusstsein bei natürlichen Dingen haben.“ Alle Kommentare auf dieses Bild sind positiv.

Ab dem 12. Juni 2019 will sie mehr als „nur“ vegetarische Ernährung und steigt um auf vegan. „Gar nicht schwierig“, schreibt sie. Doch wie bei diesem Thema üblich, kann sich auch Jasmin nicht vor ersten Diskussionen und nicht mehr ganz so freundlichen Kommentaren schützen.

5. Juli 2019: Jasmin engagiert sich nicht mehr nur für Blut-, Plasma-, Knochenmarkspenden und Pflegeberufe, sondern jetzt auch für die Tierschutzorganisation PETA und den Klimaschutz. Gegenseitiger Respekt, Nächstenliebe und Mitgefühl sind ihr am wichtigsten. Die Reichweite der Influencerin steigt weiter. Heute folgen ihr auf Instagram fast 42 000 Menschen, auf TikTok hat sie sogar rund 143 000 Follower.

25. Januar 2020: Jasmin entschließt sich, zusätzlich zu ihrer Arbeit als Krankenpflegerin „vegane Ernährungsberaterin“ durch eine Ausbildung im Fernstudium zu werden. Ihre Absicht: „Wenn ich Menschen inspirieren kann, vegan zu leben, ist das für mich das schönste Kompliment.“

1. März 2020: Jasmin spricht immer weniger übers Abnehmen. Dafür mehr über Selbstliebe: „Langsam fangen viele an, sich für eine perfekte ,Bikinifigur‘ unter Druck zu setzen. Gut, dass meine Bikinifigur schon steht: Ich habe Bikinis, die passen und einen Körper, der sie anziehen kann.“

Am 23. April 2020 macht Jasmin es offiziell. Sie möchte kein Abnehm-Profi mehr sein, ihre Message ist jetzt eine andere: „Ich habe sämtliche Diät-Formen getestet, Geld ausgegeben für Abnehm-Programme, ,low carb‘ ausprobiert, Intervallfasten, eine Zeit lang nur 800 Kalorien am Tag und vieles mehr. Ich habe es auf 56 Kilo geschafft, mein Ausgangsgewicht waren 70. Ich dachte, damit bin ich endlich zufrieden. War aber nicht so, ich wollte noch dünner werden. Ende vom Lied: Ich habe verstanden, dass ich auch mit 50 Kilo nicht zufrieden wäre und anstatt an meinem Gewicht an meinem Selbstbewusstsein gearbeitet. Und siehe da: Ich habe zugenommen und habe nicht vor, irgendwann wieder Diät zu machen. Wie viel ich jetzt wiege, kann ich nicht sagen, ich habe nicht das Bedürfnis, mich auf eine Waage zu stellen.“

23. Juni 2020: „Cellulite, Dehnungsstreifen, Pickel, Fettpölsterchen ... Schönheitsmakel? Ich denke nicht. Merkmale, die uns besonders machen? Schon eher.“ Mutig will Jasmin nicht genannt werden: „Das ist der falsche Ansatz. Es ist nicht mutig, wenn ich mich zeige, wie ich bin.“

Doch nicht nur weil sie sich zeigt, wie sie ist, fühlen sich viele angegriffen – sondern auch durch andere Themen. Immer öfter spricht sich Jasmin gegen Sexismus und Bodyshaming aus, für Gleichberechtigung, Tierrechte und Selbstliebe. Sie setzt die Pille ab, klärt auf über Verhütung, Menstruation und Akne. Likes und Kommentare werden mehr. Viele positive, doch auch einige negative.

Hin und wieder reicht es der Krankenpflegerin. 20. August 2020: „Liebe ,Hater‘. Früher hättet ihr mich mit euren Worten tief getroffen. Früher hätte ich wegen eurer Worte in den Spiegel geschaut und meine Selbstzweifel verstärkt. Wegen Worten wie ,du fettes Weib‘, ,wie ekelhaft ist das bitte‘, ,bäääh, schäm dich‘, ,das erzeugt einfach ein Gefühl von Ekel, wenn man einen so deformierten Körper sieht‘. Früher hätte ich mich nicht mehr getraut, mich ,freizügig‘ zu kleiden, sondern hätte meine Figur versteckt. Früher hätte ich kein bisschen Selbstliebe für mich empfunden, weil ich ja so ,hässlich, fett, dumm‘ bin. Heute lache ich über euch, weil ich weiß, ihr seid das Problem, nicht ich.“

Jasmin ist überzeugt, dass sich Personen, die beleidigende Kommentare schreiben, „massivst getriggert“ fühlen. „Ich glaube, sie wissen genau, dass sie etwas besser machen könnten. Gerade bei Veganismus fühlen sich so viele Menschen angegriffen.“ Negatives Feedback sieht sie heute als Bestätigung. „Bestimmt sind viele von ihnen unzufrieden und wollen ihren Frust an mir ablassen.“ Inzwischen kann sie meist darüber lachen. Auch deswegen, weil positive Kommentare überwiegen.

Heute: Selbstliebe, Veganismus, Gerechtigkeit und Umweltschutz sind die großen Themen auf Jasmins Profil. „Am liebsten bin ich ein Vorbild für Leute, die total an sich zweifeln oder für jüngere Personen in der Entwicklung. Denen möchte ich zeigen, dass sie sich für nichts schämen müssen.“

Drei bis vier Stunden pro Tag nutzt die 22-Jährige für die sozialen Medien, ihre Freizeit verbringt sie am liebsten auf der Couch mit ihrem Freund und gutem Essen.

„Ich bin soweit gekommen, dass es eigentlich keine Situationen mehr gibt, in denen ich nicht selbstbewusst bin“, sagt sie und lächelt. Der Name @endlich_zufrieden scheint heute mehr zu passen als noch vor knapp zwei Jahren.

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