Im Gespräch Experte über Anlageformen im neuen Jahrzehnt

Die Deutschen sind ein sparsames Volk. Anreize, diese Mentalität abzulegen, gibt es - nur birgt dies auch ein gewisses Risiko. Foto: ccvision

Zinsen auf Erspartes gibt es kaum noch, der Hausbau boomt, Zölle bestimmen den Handel - wie lange bleibt das so? Wir haben mit einem Finanzexperten gesprochen.

Wo ist mein Geld am besten aufgehoben? Diese Frage stellen sich gerade in Zeiten von Niedrigzinsen viele Menschen. Macht es dann Sinn, besser gestern als heute sein Tagesgeldkonto zu räumen und Vermögen im Aktienmarkt anzulegen? Prof. Dr. Friedrich Thießen gibt Entscheidungshilfen: Er ist Inhaber der Professur für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Technischen Universität Chemnitz und blickt für Gäuboden aktuell in die Zukunft, wie sich bestimmte Trends im Finanz- und Wirtschaftssektor bis 2030 entwickeln können.

Gäuboden aktuell: Tagesgeldkonten und Sparbücher werfen kaum mehr Zinsen ab. Wird es bald nur noch Null- und Minuszinsen geben?

Prof. Dr. Friedrich Thießen: Das kann gut sein. In Marktwirtschaften werden Güter nach Angebot und Nachfrage gepreist. Wenn einige Menschen mehr sparen als andere Kredit brauchen, sinkt der Zins solange, bis Angebot und Nachfrage wieder ausgeglichen sind. Das kann sehr niedrige Zinssätze erfordern, weil die Menschen einfach nicht aufhören wollen zu sparen. Ersparnisse sind mittlerweile wie Müll: Keiner will sie haben. Das muss man der Marktsituation geschuldet so hinnehmen.

Ist eine Wende bei der Niedrigzinsphase zu erkennen?

Thießen: Eine Wende ist nicht erkennbar. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu erwähnen, dass in mehr Ländern ergänzende Rentensysteme auf Kapitaldeckungsbasis eingeführt wurden, zum Beispiel in Form von Riester- und Rüruprente und vor allem Vorsorgefonds für die Renten öffentlicher Bediensteter. Seitdem nehmen die angesparten Mittel für zukünftige Renten jedes Jahr zu. Solche Systeme sind brutal unflexibel: Sie müssen das Geld der Einzahler entgegennehmen und anlegen, egal, wie hoch oder niedrig die Zinsen sind. Die Folge sind ein anhaltend niedriges Zinsniveau und mögliche Negativzinsen auf Einlagen.

Banken müssen Negativzinsen zahlen, wenn sie Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) lagern und geben das bereits an die Kunden weiter. Nimmt die EZB die Geldsorgen der Menschen nicht ernst?

Thießen: Die EZB nimmt die Sorgen schon ernst. Aber sie denkt auch an Arbeitslosigkeit und Abschwung. Dazu ist sie verpflichtet, solange wir keine besorgniserregend hohe Inflation haben. Durch negative Zinsen wird die Konjunktur angeregt, weil der eine oder andere dann doch aufs Sparen verzichtet und sich etwas kauft. Die EZB versucht darüber hinaus auch, krisenbedrohten Ländern zu helfen. Das ist eigentlich nicht ihre Aufgabe, denn dafür gibt es andere Instrumente als geldpolitische.

Welche Zukunft prognostizieren Sie dem Bankensektor bis 2030, wenn Sparen immer unattraktiver wird?

Thießen: Den Bankensektor als Ganzes tangiert das weniger. Ich kenne Banken, für die 2019 ein super Jahr war. Banken sind Vermittler. Wer sich richtig aufstellt, kann bei jedem Zinsniveau gute Geschäfte machen. Wer in der Vergangenheit allerdings die Zinsentwicklung falsch prognostizierte und falsche Weichen stellte, der wird Probleme bekommen. Aufgrund strenger Regulierungen müsste jede Bank aber mittlerweile genug Reserven geschaffen haben, um im Notfall ohne Verlust für den Staat abgewickelt werden zu können. Ich schätze, dass es mindestens die Hälfte der heutigen Bankfilialen 2030 nicht mehr geben wird. Für junge Leute ist das kein Problem. Sie suchen ohnehin kaum noch Bankstellen auf. Ältere sind da eher unflexibel. Insgesamt ist nichts leichter, als eine gute Bank zu finden.

Welche Bedeutung wird der Aktienmarkt im neuen Jahrzehnt haben?

Thießen: Allgemein wird heute allen realen Vermögenswerten eine gute Zukunft prophezeit, weil die Menschen aus Geld flüchten. Man muss es so sehen: Der kurzfristige Geldzins liegt bei minus 0,4 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt wächst aber real um plus ein bis zwei Prozent jedes Jahr. Die Frage ist, wie partizipiere ich an Letzterem? Aktien sind eine gute Möglichkeit.

"Ersparnisse sind mittlerweile wie Müll: Keiner will sie mehr haben"

Warum sind die Deutschen beim Aktienkauf so zurückhaltend?

Thießen: Das ist nicht ganz unvernünftig, wenn man die geringen liquiden Vermögenswerte betrachtet, über die die meisten verfügen. Die Hälfte der Deutschen hat gar kein Geldvermögen. Diejenigen, die viel haben, sparen sowieso seit eh und je in Unternehmensanteilen. Bei den mittleren ist die Unsicherheit groß, ob sie ihr Geld nicht doch einmal brauchen, wenn Aktien gerade eine Schwächephase haben. Die Ängstlichen von diesen vermeiden dann Aktienkäufe. Wenn die ständigen Schwankungen der Aktienkurse aufhörten, gäbe es mehr Interesse. Die Schwankungen sind unvernünftig groß, teils ausgelöst durch Mechanismen an den Finanzmärkten, teils von Menschen, die das bewusst herbeiführen. Aber auch eine Unsicherheit der Anleger schlägt sich nieder. Wer überlegt zu investieren, muss immer eine Prognose machen: Wie geht es von jetzt an weiter? Zu viele orientieren sich an vergangenen Entwicklungen und werden dann enttäuscht.

Lohnt es sich, in Sachwerte wie Edelmetalle oder Immobilien zu investieren?

Thießen: Edelmetalle, Rohstoffe, Kunst und Oldtimer werfen keine laufenden Erträge ab, verursachen aber laufende Kosten. Das bedeutet, dass man bei diesen Vermögensklassen auf Preisveränderungen spekulieren muss, um auf eine positive Rendite zu kommen. Rohstoffe und Metalle sind allerdings schwankender als Aktien. Gold geht kräftig rauf und runter. Kommt Kunst aus der Mode, sinkt der Wert der Werke schnell gegen null. Wer sich aber gute Prognosen zutraut, sollte loslegen. Erwirbt man Immobilien spekulativ, sind die hohen Transaktionskosten einzukalkulieren, die jeden Kauf und Verkauf kräftig verteuern. Immobilien kann man wegen der laufenden Mietausschüttungen aber auch längerfristig halten. Dann sollte man fit darin sein, Immobilienvermögen zu verwalten. Fremdverwaltete Immobilien machen oft keine Freude, weil die Verwaltungsgesellschaften zu viel Geld herausziehen.

Immobilienkäufer profitieren von günstigen Krediten. Wie lange wird der Immobilienboom weitergehen?

Thießen: Es gibt drei Gründe, die den Boom antreiben: der zunehmende Wohlstand, der Drang in die Städte und die sinkenden Zinsen. Der letzte Punkt ist der interessanteste, denn in letzter Zeit sind die Vermögenswerte ohne jegliches Zutun einfach durch das sinkende Zinsniveau gestiegen. Sinkt das Zinsniveau nicht weiter, dann hören diese Wertsteigerungen auf. Dann erreicht der Boom seinen Höhepunkt. Ich denke, dass dieser Zeitpunkt bald erreicht sein wird. Nur in einigen Hotspots des Immobilienmarktes wird es dann noch weitergehen.

Begünstigen Verschuldungen beim Hausbau absehbar das Entstehen einer Immobilienblase?

Thießen: Die Untersuchungen der Bundesbank zeigen, dass sich die Haushalte nicht unvernünftig verhalten haben. Ganz grob lässt sich sagen: Die geringeren Zinsen sind durch höhere Tilgungsleistungen - bedingt durch höhere Preise - ausgeglichen worden. Die Haushalte haben trotz steigender Preise die gleiche monatliche Belastung wie früher. Das ist nicht beängstigend. Solange das so ist, wird es auch immer Nachfrage nach Immobilien geben.

Werden neue Anlageformen entstehen?

Thießen: An den Finanzmärkten wird selten etwas grundsätzlich Neues ad hoc erfunden, sondern etwas Vorhandenes entwickelt sich peu à peu weiter, wenn neue Situationen eintreten. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass bisherige Zahlungsdienste wie Paypal Einlagen anbieten und dann neue Einlageformen entwickeln, damit es für Nutzer attraktiver ist, Guthaben dort stehen zu lassen. Paypal vergibt bereits jetzt Unternehmenskredite und will die Vergabesumme ausweiten. Paypal sieht, in welchen Shops ihre Kunden einkaufen und kann mit diesen Informationen ganz nebenbei eine gute Kreditwürdigkeitsprüfung durchführen. Banken haben hier nur ihre traditionellen Ansatzpunkte. Das ist im Elektronik-Zeitalter zu wenig.

"Zölle sind manchmal gar nicht so schlecht"

Wie beeinflussen Handelskonflikte mit Zöllen und Ereignisse wie der Brexit die künftige Weltwirtschaft?

Thießen: Zölle sind manchmal gar nicht so schlecht. China klaut europäisches Knowhow und verkauft uns dann billige Produkte zurück. Dagegen kann man mit Handelspolitik etwas tun. Der berühmte sächsische Maschinenbau in Chemnitz und Dresden konnte sich während der Kontinentalsperre Napoleons entwickeln, als die übermächtige englische Konkurrenz ausgeschaltet war. Die Blöcke USA, die EU und China sind mittlerweile so groß, dass sie auch in sich genügend Vielfalt bieten, um eine hohe Produktivität zu gewährleisten. Die durch Zölle oder den Brexit ausgelösten Effekte sind deshalb insgesamt gesehen eher hinter dem Komma zu spüren. In einzelnen Branchen kann das aber anders aussehen, und die Neustrukturierungsphase von Branchen nach einem Bruch kann auch sehr weh tun.

Wie wird sich der deutsche Arbeitsmarkt entwickeln?

Thießen: Wir leben in einer Zeit schnellen Wandels. Große Unternehmen sourcen immer mehr Leistungen an Zulieferer aus, um selbst flexibel zu sein. Dadurch wird Risiko an kleinere Unternehmen ausgelagert. Deren Jobs sind deshalb nicht so sicher. Generell aber steigt der Wohlstand. Menschen wollen nicht mehr so viel arbeiten. Arbeitnehmer werden ihre Arbeitszeit zukünftig mehr und freier wählen können. Wider Erwarten ist dieses Jahr auch keine Rezession zu befürchten, da würde ich mich den allgemeinen Prognosen anschließen. Ende 2018 sah es so aus, als würde eine schlimme Rezession kommen. Das hat sich aber alles entspannt.

Wann kommt die nächste globale Finanz- und Wirtschaftskrise?

Thießen: Globale Krisen sind nicht so häufig. Aber lokale und regionale Krisen gibt es an den Finanzmärkten wie Sand am Meer. Bei uns haben sich die Unternehmen seit den großen Krisen der vergangenen Jahre vorsichtig verhalten und wir hatten goldene Jahre. Jetzt erleben wir Strukturbrüche, die es erst einmal zu bewältigen gilt, beispielsweise in der Autoindustrie. Die Zulieferer merken das stärker als diejenigen, die im Zentrum sitzen. Es gibt die These, dass Länder im Zentrum des weltweiten Wirtschaftsgeschehens - wozu wir gehören - von krisenhaften Entwicklungen weniger betroffen werden als Länder an der Peripherie. In Südamerika und Teilen Afrikas und Arabiens jagt eine Krise die nächste. Bevölkerungswachstum, Korruption und Unflexibilität sind Ursachen. Für eine neue globale Krise gibt es aber keine Anzeichen.

Haben Sie einen Tipp, wie man sein Vermögen am geschicktesten durch die kommenden Jahre bringt?

Thießen: Wer aus Vorsichtsmotiven heraus spart, um für Notlagen gerüstet zu sein, muss in sicheren und liquiden Vermögenswerten anlegen. Wer spekulative Gewinne erzielen will, muss die entsprechenden Informationen besitzen und sein Vermögen laufend umschichten. Er oder sie sollte sich dafür eine begrenzte Menge an "Spielgeld" reservieren. Wer dagegen sein Vermögen planmäßig langfristig anlegen will, der muss versuchen, am allgemeinen Wirtschaftswachstum zu partizipieren. Dazu muss man sich am Produktivkapital beteiligen. Die Frage ist, ob das gelingt. Die Zahl der börsennotierten Gesellschaften sinkt. Private-Equity-Firmen kaufen Produktivkapital auf und verteilen die Erträge an ihre Fondseigner, die zu den großen Kapitalbesitzern gehören. Andere Firmen gehen gar nicht erst an die Börse. Es kann sein, dass man sich als kleiner Vermögensbesitzer nicht mehr richtig am Produktivkapital beteiligen kann, sondern nur noch die übrig gebliebenen Krümel bekommt. Deren Rendite kann dann mehr oder weniger zufällig sein. Eine solche Entwicklung wäre schade.

Wo wird man Ende des Jahrzehnts das meiste Geld des durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmers finden: Unter dem Kopfkissen, auf der Bank, im Aktienhandel oder in anderen Werten?

Thießen: Da wird sich nicht viel ändern. Das meiste Geld wird auf jeden Fall auf der Bank liegen. Geld daheim zu horten ist unsicher und unbeliebt. Die Bereitschaft, in Aktien zu investieren, wird nicht größer. Die Menschen werden nach wie vor Angst davor haben, und an den Märkten wird sich auch nicht allzu viel ändern, da wird nicht mehr Stabilität einziehen. Es ist eigentlich langweilig, aber in Geldangelegenheiten sind die Menschen nun mal sehr konservativ.

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