Ilse Aigner im Interview „Ich möchte Türen zur iranischen Wirtschaft öffnen“

Lotet die Chancen für bayerische Unternehmen in Iran aus: Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Foto: Sven Hoppe/dpa

Um die Wirtschaftskontakte zu pflegen und Marktperspektiven für bayerische Unternehmen auszuloten, fliegt Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU, Foto) in den Iran. Dabei beabsichtigt die stellvertretende Regierungschefin, von diesem Samstag bis Mittwoch Gespräche mit hochrangigen Vertretern der iranischen Spitze zu führen. „Ich möchte Türen zur iranischen Wirtschaft öffnen und dem bayerischen Mittelstand gute Startchancen im Iran ermöglichen“, sagt die stellvertretende Ministerpräsidentin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Frau Aigner, diesen Samstag reisen Sie mit einer Delegation in den Iran. Was versprechen Sie sich von dem Trip?

Aigner: Mit einer Bevölkerung von 80 Millionen Einwohnern, einer ausgeprägten Mittelschicht, einem guten Bildungsniveau und hohen Einnahmen durch Rohstoffvorkommen ist der Iran ein starker Absatzmarkt. Mir ist wichtig, dass bayerische Unternehmen diese Chancen nutzen. Ich möchte aber auch iranische Entscheidungsträger und Unternehmer auf die Leistungsfähigkeit der bayerischen Wirtschaft aufmerksam machen. Wir werden an alte Bindungen anknüpfen, Gesprächsfäden wieder aufgreifen, aber auch neue Verbindungen aufbauen. Ich möchte Türen zur iranischen Wirtschaft öffnen und dem bayerischen Mittelstand gute Startchancen im Iran ermöglichen.

Warum haben Sie es so eilig?

Aigner: Der Iran öffnet sich seit der Einigung im Atom-Streit im Sommer. Diese Aufbruchsphase und Trendwende wollen wir nutzen und von Anfang an mit dabei sein. Wir handeln frühzeitig, aber mit Bedacht. Uns geht es um Ergebnisse, also vor allem um die Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder.

Wie schwer wird es für die bayerischen Firmen mit ihren teuren Produkten, sich den Markt neu zu erschließen in einer Zeit, in der alle ein Interesse daran haben?

Aigner: Die bayerische Wirtschaft stellt sich dem Wettbewerb. Qualität und Zuverlässigkeit aus Bayern haben im Iran einen sehr guten Ruf. Zudem dürften gerade unsere Angebote im Iran gefragt sein, da es bei der Infrastruktur einen großen Investitionsstau gibt. Unsere Unternehmen können den iranischen Nachholbedarf bei Investitionen und die hohe Importnachfrage bei gutem Wirtschaftswachstum bestens bedienen, zum Beispiel in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, unter anderem für die Petrochemie oder in der Informationstechnologie. Seit den 80er-Jahren stammen etwa 80 Prozent der Maschinen im Iran aus Bayern und Deutschland. Für deutsche und bayerische Hersteller spricht neben der Qualität auch hohe Flexibilität – nicht nur, was Fertigung und Montage, sondern auch was das gesamte industrienahe Dienstleistungspaket angeht. Der Maschinenbau ist eines unserer wichtigsten gemeinsamen Felder. Im Iran sind außerdem erneuerbare Energien und Energieeffizienz bedeutende Themen, auch der Umweltschutz ist den Menschen im Iran wichtig. Die Erfahrungen, die wir bei diesen Themen bereits sammeln konnten, können den Iranern sicherlich weiterhelfen.

Welche Hürden sehen Sie noch für Exporte und Investitionen?

Aigner: Aus wirtschaftlicher Sicht bleibt das Embargo für das Irangeschäft weiterhin relevant, die Sanktionen werden nur schrittweise abgebaut. Dies ist von fest definierten Fortschritten abhängig. Ein weiteres großes Hemmnis ist die Abkopplung der iranischen Finanzwirtschaft vom internationalen Bankenverkehr. Aufgrund der Sanktionen ist ein direkter Geldverkehr mit den iranischen Banken aktuell nicht möglich. Der Iran ist seit 2012 vom internationalen System des Finanzdienstleisters SWIFT getrennt. Das macht bis jetzt Geschäfte mit dem Iran sehr kompliziert. Wenn das alles gelöst ist, rechne ich mit einem großen Aufschwung bei unseren Exporten, die heute bei gut 220 Millionen Euro liegen. Ich schätze das Potenzial aktuell auf das Vier- bis Fünffache, 900 bis 1 000 Millionen Euro im Jahr für bayerische Firmen. Dafür lohnt es sich, Kontakte zu vertiefen.

Der Iran fordert, dass mehr deutsches Kapital in den Iran fließt. Wie interessant ist das Land als Investitionsstandort?

Aigner: Durch die jahrelangen Wirtschaftssanktionen hat die iranische Wirtschaft einen hohen Nachholbedarf. Ich rechne damit, dass mit dem Ende der Sanktionen gegen den Iran gewaltige Mittel in den Ausbau der Infrastruktur investiert werden. Iranische Großprojekte sind unter anderem zu erwarten in den Bereichen Öl und Gas, Automobil, Bergbau, Bau, Tourismus, Nahrungsmittelindustrie und Energie. Bayerische Unternehmen können in vielen Feldern die nötigen Technologien und das erforderliche Know-how beisteuern. Das Interesse der bayerischen Wirtschaft ist sehr groß am Iran – über 70 Unternehmensvertreter nehmen an der Reise teil, um sich ein Urteil vor Ort zu bilden. Das ist die größte bayerische Wirtschaftsdelegation seit elf Jahren, die ins Ausland gereist ist. Einige denken bereits über den Aufbau von Vertretungen und Niederlassungen nach. Richtiggehende Investitionen brauchen in der Regel noch etwas Zeit.

Welche Rolle spielt für Exportgeschäfte und Gemeinschaftsunternehmungen vor Ort, dass im Iran viele Firmen in Staatsbesitz sind?

Aigner: Für die bayerischen Unternehmen ist es wichtig, dass sie im Iran Gesellschaften gründen können, die mehrheitlich in bayerischer Hand liegen. Das gilt vor allem für den Mittelstand. Dass sich bedeutende Teile der iranischen Wirtschaft in Staatshand befinden, ist in der Region nichts Ungewöhnliches. Umso wichtiger ist allerdings die Begleitung der Delegation durch die Politik. Darum werden wir auf der Delegationsreise nicht nur Firmenkontakte herstellen und auffrischen, sondern auch politische Gespräche mit Vertretern verschiedener Ministerien führen.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare