Idowa-Adventskalender (21) Stamsrieder reisen mit Mopeds

781 Kilometer auf ihren Mopeds unterwegs: Tobias Janker aus Freundelsdorf mit seiner Zündapp Super Combinette, Baujahr 1964, Michael Schmidbauer aus Hitzelsberg mit seiner Zündapp Bergsteiger M50, Baujahr 1967, Johannes Lankes aus Diebersried mit seiner Zündapp GTS 50, Baujahr 1978, und Maximilian Graßl aus Stamsried mit seiner Hercules Prima GT, Baujahr 1987 (von links). Foto: Alexander Laube

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Es ist fast wie im Kinofilm. "25 km/h" war 2018 auf Deutschlands Leinwänden zu sehen und handelte von zwei Brüdern, die nach der Beerdigung ihres Vaters spontan beschließen, mit ihren Zündapps aus Jugendtagen eine Deutschlandreise anzutreten. Zwar nicht ganz so spontan, dafür aber um ein paar Stundenkilometer schneller, war die Reise von vier Burschen aus dem Markt Stamsried. Mit Oldtimer-Mopeds, jeder Menge Ersatzteilen im Gepäck - aber ohne Plan B.

Michael Schmidbauer aus Hitzelsberg, Tobias Janker aus Freundelsdorf, Maximilian Graßl aus Stamsried und Johannes Lankes aus Diebersried kennen sich seit Kindertagen. Ihre Mopeds waren eigentlich kaum noch in Benutzung, seit der Führerschein für Auto und Motorrad die schnelle Art der Fortbewegung ermöglichte. Bis zu dem einen Tag, als Michael Schmidbauer mit einem Kumpel über besagten Kinofilm sprach. "Ich hab mir gedacht: Dann mach'mas einfach", erinnert sich der 24-Jährige. Ganz so einfach ging es dann doch nicht, aber langsam reifte die Idee zur Wirklichkeit. Nach Mittenwald sollte es gehen, den südlichsten Zipfel des Freistaats. Die vier holten ihre 34 bis 57 Jahre alten Mopeds aus dem Stadel, führten Wartungsarbeiten durch, schraubten, wechselten Öl und brachen schließlich zu ersten Testfahrten auf.

Täglich weit über 100 Kilometer im Sattel

Zu dieser Zeit hatte das Vorhaben längst die Runde gemacht. Die wenigsten im Umfeld der vier hätten allerdings geglaubt, dass sie ihre Vision tatsächlich in die Tat umsetzen. Hämische Bemerkungen hörten sie zur Genüge. Allen Unkenrufen zum Trotz nahmen die Planungen im Frühjahr an Fahrt auf - und die Mopeds auch. Es ging zum Arber, zum Perlsee, zum Silbersee, nach Nittenau. "Es hat ja keiner gewusst, ob man 100 Kilometer überhaupt im Sattel sitzen kann", beschreibt Schmidbauer die Bedenken, die man eher gegen das eigene Sitzfleisch als gegen die Leistungsfähigkeit der Mopeds hegte.

Schmidbauer kristallisierte sich als Planer heraus. Er stellte die Route zusammen, kümmerte sich um Zimmerbuchungen. Denn das stand von vornherein fest: Wenn man schon den ganzen Tag auf dem Moped sitzt, gönnt man sich zumindest den Luxus eines eigenen Betts und einer warmen Dusche. Außerdem: Für ein Zelt wäre ohnehin kein Platz mehr gewesen, so vollbepackt starteten die vier an Maria Himmelfahrt in Hitzelsberg. Ein Weißwurstfrühschoppen läutete den Tag ein. In der Krachledernen ging es dann Richtung Süden. Größtenteils auf Landstraßen, manchmal auch über Feld- und Waldwege. Mit einer Reisegeschwindigkeit von gut 40 Stundenkilometern. Das Navigieren übernahm Graßl. Nach einer Zwischenstation am Eberhofer-Kreisel bei Frontenhausen und 180 Kilometern im Sattel erreichten die vier ihre erste Unterkunft in Traunreut.

Während das Wetter ansonsten recht gut mitspielte, stellte es die Mopedfahrer am zweiten Tag der Reise vor extreme Herausforderungen. Bis zum Tegernsee war es noch einigermaßen sonnig, doch dann zogen Gewitterwolken auf. Es schüttete wie aus Kübeln. An eine längere Pause zum Unterstellen war nicht zu denken. Das gab der Zeitplan einfach nicht her. Außerdem waren die vier ohnehin von oben bis unten vollends durchnässt. Da kam der wärmende Holzofen in der Pension in Mittenwald gerade recht. "Erstaunlicherweise war am nächsten Tag niemand krank", wundert sich Graßl. Vier Tage blieben die vier im Grenzgebiet zu Österreich. Von dort aus starteten sie kleinere Touren, etwa nach Garmisch oder zum Eibsee mit Blick auf die wolkenverhangene Zugspitze.

Kiloweise Ersatzteile für sämtliche Eventualitäten

Immer wieder zogen die Oldtimer-Mopeds neugierige Blicke auf sich. Oft wurden die vier angesprochen, fotografiert und gefilmt. Viele Vorbeifahrende grüßten freundlich. Als sie vom Bummel in der Fußgängerzone zurückkamen, baumelte sogar eine Tüte mit Ersatzteilen an einem der Lenker. Wie ein Zettel verriet, hatte dafür jemand keine Verwendung mehr und wollte die Reise damit unterstützen. Zum Einsatz kamen die Ersatzteile und das Werkzeug kaum - überraschenderweise. Es hätte aber auch keinen Plan B gegeben, hätte eine längere Reparatur die Reise verzögert. Um auf sämtliche Szenarien vorbereitet zu sein, hatte jeder kiloweise Ersatzteile im Gepäck. "Bis auf einen Motor- oder Getriebeschaden hätten wir alles beheben können", meint Schmidbauer.

Der vorletzte Tag der Reise hatte es nochmal in sich. Landschaftlich wie fahrtechnisch. Die Heimreise führte die vier über den Walchensee, Kochelsee und Starnberger See in die Hallertau, wo sie nach 236 Kilometern und zehn Stunden im Sattel eine Nacht in Bad Gögging verbrachten. Bei der letzten Etappe führte ein Abstecher am Hundertwasserturm in Abensberg vorbei und zur Einkehr in ein gemütliches Dorfwirtshaus. Am Pösinger Bahnübergang kam dann die Erkenntnis. "Das ist so surreal, dass wir das geschafft haben", resümieren die vier nach 781 Kilometern.

Eine Wiederholung der Mopedreise ist nicht ausgeschlossen. Zumindest für ein verlängertes Wochenende. Eine Woche lang wollen die vier vorerst nicht mehr im Sattel sitzen. Vielleicht später nochmal. Mit 50 Jahren - so wie im Kinofilm.

 
 
 

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