Idowa-Adventskalender (16) Der Tag, an dem Martin Schneider beinahe gestorben wäre

Überlebender Schneider: "Der Magen war unter dem Herz." Foto: Simon Stadler

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Ein Autounfall kostete Martin Schneider im Herbst 2020 fast das Leben. Im Gespräch erzählte er unserem Autor Simon Stadler von dem schicksalhaften Tag und seinem langen Kampf ums Überleben.

Die Uhr tickte gnadenlos am 23. Oktober 2020. Allen Einsatzkräften war klar: Der Mann muss raus da, sofort! Nach einem frontalen Zusammenprall auf der Staatsstraße 2146 bei Giffa bei Wörth an der Donau kauerte der 51-jährige Martin Schneider aus Rettenbach schwerst verletzt und schwerst eingeklemmt in seinem völlig zerstörten Auto, einem 2er-Golf, Modell 19 E, Baujahr 1990.

Mit Spreizern und Scheren befreiten ihn Feuerwehrleute aus Wörth und Wiesent binnen 20 Minuten. Schwerstarbeit, Schulter an Schulter. Notärzte und Sanitäter stabilisierten Schneider, ein Helikopter aus Straubing flog ihn nach Regensburg in die Uniklinik. Ob er überleben würde? Völlig unklar.

Im Rückblick spricht Schneider schnell und klar über den Überlebenskampf, die Erinnerungen sprudeln nur so heraus aus ihm. An einigen Stellen kommt er ins Stocken, muss eine Pause einlegen. Manches gehe ihm noch sehr nahe, sagt er.

Herr Schneider, was wissen Sie noch vom 23. Oktober 2020?

Martin Schneider: Ich war daheim in Rettenbach. Um 14 Uhr habe ich meine sechsjährige Tochter von der Grundschule abgeholt. Um zirka 15 Uhr bin ich nach Wörth gefahren, ich war erst in Oberachdorf im Autohaus Radlbeck. Von dort wollte ich weiter nach Neutraubling zu Auto Schirmbeck. Kurz vor dem Unfall hatte ich einen Golf 4 verkauft, für den hatte ich noch Ersatzteile, die ich nicht mehr brauchte. Da ich noch die Rechnungen hatte, wollte ich die Teile umtauschen. Sie lagen bei mir im Auto.

Sie sind nie angekommen...

Schneider: Ich kann mich noch an den Kreisel bei Kiefenholz erinnern. Dann nichts mehr. Game over.

Bei Giffa sind Sie um 15.30 Uhr mit einem entgegenkommenden Auto zusammengeprallt.

Schneider: Auf den allerersten Blick und aufgrund von Zeugenaussagen ging man damals davon aus, dass ich von Pfatter Richtung Wörth gefahren und beim Überholen eines Kleinlasters mit dem anderen Auto zusammengestoßen sei. So stand es auch im ersten Polizeibericht. Tatsächlich war es umgekehrt. Ich bin Richtung Pfatter gefahren - und habe nicht überholt. Ich war auf meiner Spur. Die Ermittlungen des Gutachters, den die Staatsanwaltschaft bestellt hat, haben das später zweifelsfrei geklärt (die Polizeiinspektion Wörth bestätigt das; Anmerkung der Redaktion). Die Ermittlungen haben Monate gedauert, meine Aussage konnte ich erst im März machen.

Wissen Sie noch irgendetwas von der Bergung?

Schneider: Es war Getöse, es war laut, da kann ich mich noch ein bisschen dran erinnern. Die Feuerwehr hat ja geschnitten und gewerkelt, hat das Dach weg geflext und so. Ich war noch bei Bewusstsein, muss wohl meinen Namen gesagt haben, habe wohl auch rumgezappelt. Das habe ich hinterher von anderen gehört. Es war wie im Traum, ich war nicht mehr ich selbst. Ich war in einer anderen Welt.

Welche Verletzungen hatten Sie?

Schneider: Am allerschlimmsten waren die inneren Verletzungen, ich hatte ein Magen-Darm-Trauma. Mein Magen ist so weit hoch gerutscht, dass er unter dem Herz war. Das musste alles wieder geflickt und neu sortiert werden, sozusagen. Die Lunge war zusammengeklappt. Ich hatte innere Blutungen. Ich hatte einen Leberriss und einen Riss des Zwerchfells. Mein rechtes Bein hat wahnsinnig geblutet, es war abgebunden. Als ich wach wurde, hatte ich monatelang einen Fixateur am Bein, also ein Gestell mit im Knochen verankerten Bolzen zur Stabilisierung. Gebrochen waren auch alle Rippen und das Brustbein. Am Ellenbogen ist auch was passiert. Und sogar das Becken war mehrmals gebrochen, obwohl das so ein stabiler Knochen ist. Da sieht man, welche Kräfte gewirkt haben.

Aber der Kopf blieb unversehrt?

Schneider: Ja, Gott sei Dank. Nur hier am Kinn ist eine kleine Narbe, die stammt vom Lenkrad.

Wie oft wurden Sie operiert?

Schneider: Sieben- oder achtmal. Die OPs waren alle noch im alten Jahr an der Uniklinik.

Wann wurden Sie wach?

Schneider: Ich habe gehört, dass ich 22 Tage später zu Bewusstsein kam. Da war ich auf der Intensivstation, ich kann mich aber nur sehr schwach erinnern. Ich war manchmal wieder im Koma. Ich habe 20 Kilo abgenommen. Im Traum war ich übrigens immer irgendwo anders - ich war nie in der Uniklinik.

Sondern?

Schneider: Ich habe ganz wirre Sachen geträumt. Ich war immer an einem Ort, in einer Halle oder so, wo ich nicht wegkam, wo ich sozusagen gefangen war. Einmal habe ich gedacht: Die haben mich gekidnappt! Ich war sehr unruhig, habe wohl auch um mich geschlagen. Im Traum war ich auch an Plätzen, die ich von früher her kannte. Ich war am Niederrhein, wo ich ursprünglich herkomme, ich war in Holland, in Aachen, in München. Einmal war ich in einem Sarg aus Glas. Einmal war ich eingesperrt in der Sporthalle in Rettenbach. Lauter total verrücktes Zeug! Ich erinnere mich auch an Träume, in denen das Herz wie verrückt pocht, bam, bam, bam. Das war wie auf einem Karussell, von dem man nicht mehr runterkommt.

Wie lange bestand Lebensgefahr?

Schneider: Bis Mitte Dezember. Bis dahin war noch nicht ganz klar, ob es klappt oder nicht. Meine Frau hat gesagt, sie wusste nicht, ob sie mir einen Pyjama oder einen Anzug kaufen soll (Pause).

Wie ging es weiter?

Schneider: Ab Dezember war ich in der Reha. Bis 30. Dezember war ich in einer Klinik bei Bad Aibling. Danach wurde ich in eine neurologische Klinik nach München-Schwabing verlegt, dort war ich bis 9. April. Da ging es dann aufwärts. Ich bekam Atemtherapie, Sprachtherapie, Schlucktherapie. Danach war ich für zwei Wochen daheim, da habe ich mir das Autowrack angeschaut, das noch bei einer Autowerkstatt in Rettenbach stand. Am 29. April bin ich nach Bad Feilnbach in eine weiterführende Reha gegangen, die war orthopädisch und neurologisch. Am 15. Juli wurde ich entlassen. Seitdem bin ich daheim.

Wie war das, als Sie Ihr Auto im April in Rettenbach wiedersahen?

Schneider: Wahnsinn... Wahnsinn. Ganz, ganz komisch. Da war nichts, was ganz war. Da war alles kaputt. Sogar das Radio - nur noch Fetzen. Zwischen Lenkrad und Sitz war fast kein Platz mehr, da habe ich gedacht: Wo warst du da?

Der 2er-Golf war ja sehr alt...

Schneider: Ein Airbag wäre natürlich gut gewesen. Aber das Hauptproblem war die Materialermüdung. Das ist wie bei einem 90- Jährigen, da sind die Knochen auch nicht mehr so stabil wie bei einem jungen Kerl. Mein Auto war nicht mehr zeitgemäß. Aber ich bin nun mal ein bodenständiger Typ: Es fuhr ja noch gut, es hatte TÜV.

Waren Sie nochmal am Unfallort?

Schneider: Mehrmals. Im Juli war mein Bruder bei mir, da habe ich ihm das gezeigt. Kürzlich war ich mit meiner Mutter dort. Wir waren überrascht, dass die Markierungen immer noch zu sehen sind.

Wie geht es Ihnen heute?

Schneider: Ich habe es gut überstanden. Drei Handicaps habe ich noch: Erstens mein rechtes Bein, es ist taub und pelzig, wenn ich länger stehe, tut es weh. Ich kann nicht mehr joggen, aber ich kann wieder gehen, habe beide Beine behalten, bin nicht gelähmt. Zweitens der Ellenbogen, da ist eine Schiene drin. Und drittens die Stimme, sie klingt etwas heiser, das ist noch nicht meine alte Stimme. Demnächst werde ich mich an den Stimmlippen operieren lassen, um das zu verbessern.

Können Sie wieder Auto fahren?

Schneider: Kann ich. Aber mit Panik. Ich bin nicht mehr der Alte. Der Gegenverkehr ist nicht das Problem. Aber wenn mir ein Lkw entgegenkommt, und hinter dem fährt ein Auto, dann ist da dieser Moment: Bleibt es drin - oder zieht es raus?

Welche Bedeutung hat der 23. Oktober für Sie?

Schneider: Es ist mein zweiter Geburtstag (Pause). Für mich ist das alles sehr emotional. Ich werde den Platz noch mal besuchen, also die Unfallstelle. Ich werde diesen Tag nicht feiern, aber ich werde viel darüber nachdenken. Kennen Sie den Film "Die zweite Chance"? Ich war am 23. Oktober 2020 zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber ich habe eine zweite Chance bekommen.

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