Homeschooling Wie läuft das Lernen daheim?

Viele Schüler schätzen es, wenn sie lernen können, wann und wo sie wollen. Anderen fällt es schwer, sich zu organisieren. Foto: Christin Klose/dpa

Sich für Mathe selbst motivieren und Deutsch-Texte alleine verstehen – das ist gerade bei vielen Alltag. Wie klappt Schule daheim? Ein Stimmenfang.

Beginnen wir am Anfang. Als vor acht Wochen klar wurde, dass die Schulen geschlossen werden, stellten sich alle eine Frage: Wie soll der Unterricht nun stattfinden? Die eine Antwort gibt es heute an kaum einer Schule. Genannt werden viele Programme: Zoom, Webex Teams, Microsoft Teams, WhatsApp, Schulmanager, Office 365, das eigene Elternportal. Daneben E-Mail und Mebis, das Portal des Bayerischen Kultusministeriums. Mittlerweile, das bestätigen Schüler wie Lehrer (Infos zur Recherche siehe unten), klappt alles ganz gut.

An der Jakob-Sandtner-Realschule in Straubing gehen laut Regina Houben (Infos zu allen Personen unter "Unsere Experten“) die Aufgaben über Mebis und den Schulmanager an die Schüler. Mehrere Lehrer bieten Erklär-Videos oder machen Videokonferenzen. Die Lehrer der Karl-Peter-Obermaier-Mittelschule in Bad Kötzting versenden per Mail. „Manche Arbeitsmaterialien verschicken wir auch per Post“, sagt Marco Kerscher. Denn nicht alle Familien haben einen digitalen Zugang. Die Schule hat die Plattform Microsoft Teams eingeführt. Am Gymnasium Ergolding verläuft der Unterricht nach Stundenplan. Alle Schüler und Lehrer nutzen schon länger Office 365, das hilft jetzt. Auch hier finden laut Ewald Bichler Videokonferenzen statt und Lehrer erstellen Videos.

Nach Anfangsschwierigkeiten läuft der Unterricht von daheim

Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband fasst die Situation so zusammen: „Insgesamt läuft es deutlich besser, als zu Anfang befürchtet worden ist.“ Martin Löwe vom Bayerischen Elternverband bestätigt das, betont aber die Unterschiede: „Es gibt Schüler, denen der Fernunterricht sehr entgegenkommt.“ Doch für viele ist selbstständiges Lernen nichts, sie brauchen Hilfe.

Viele lernen zuhause leicht, manchen fällt das aber schwer

Das ergeben auch die Rückmeldungen der Schüler: „Positiv ist, dass man sich die Zeit einteilen kann“, sagt Johanna, die in die 11. Klasse am Gymnasium in Landau geht. Doch daheim kann man schnell abgelenkt werden. Daniela aus der 11. Klasse am Burkhart-Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg sagt: „Ich verstehe, wenn einige nicht klarkommen. Die Versuchung von Handy und Freizeitbeschäftigungen ist riesig.“ Theresa besucht die 10. Klasse der Gerhardinger-Realschule in Cham und verrät: „Ich habe während des Live-Unterrichts mit anderen geschrieben oder auf Instagram vorbeigeschaut.“

Marina ist in der 10. Klasse am Johannes-Turmair-Gymnasium in Straubing und genießt das Lernen daheim: „Wenn die Konzentration nachlässt, gehe ich an die frische Luft.“ Katharina kann sich hingegen manchmal nicht gleich motivieren. Die Elftklässlerin am Anton-Bruckner-Gymnasium in Straubing lernt besser in einer Gemeinschaft. Ganz anders Daniela: Sie beschäftigt sich zuhause intensiver mit dem Stoff als in der Schule. Es liegt also an jedem Einzelnen, wie er oder sie zuhause zurechtkommt.

Ein wichtiger Punkt, ob Schule daheim funktioniert, ist die technische Ausstattung. Und da sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband: „Es gibt viele, die wir kaum erreichen. Schüler, die zuhause keinen Zugriff auf einen eigenen Computer haben.“ Eine Statistik des funk-Formats „STRG_F“ zeigt, wen das betrifft: Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft haben insgesamt knapp 11 Prozent aller Kinder keinen Zugang zu einem Computer. In nicht-akademischen Haushalten sind es aber gut 25 Prozent. Wer zuhause also weniger Möglichkeiten hat, tut sich mit Schule daheim schwer. Die Politik will Leihgeräte stellen oder mit Zuschüssen unterstützen. Doch diese Hilfen dauern. Es mangelt auch an der Schulung der Lehrer. Ein Straubinger Schüler schildert: „Manche Lehrer sind nicht dazu imstande, eine Buchseite einzuscannen und als PDF auf Mebis zu stellen.“

Schüler wie Lehrer freuen sich auf die Rückkehr in die Schule

Wo sich alle einig sind: Das Miteinander fehlt. „Den sozialen Kontakt zu Freunden vermisse ich“, sagt Johanna. Katharina ergänzt: „In manchen Fächern hilft es, über etwas zu diskutieren.“ Marco Kerscher von der Mittelschule Bad Kötzting betont: „Es gibt nichts Besseres als den echten Unterricht.“ Alle freuen sich, wenn wieder Normalität einkehrt. Die digitalen Möglichkeiten sollen zum Teil bleiben: „Wir werden die Vorteile der Digitalisierung nutzen und mit dem Unterricht verknüpfen“, sagt Regina Houben von der Jakob-Sandtner-Realschule. Auch das Gymnasium Ergolding will einige digitale Anwendungen beibehalten – ebenso die Mittelschule Bad Kötzting. Simone Fleischmann vom BLLV findet das sinnvoll: „Unterricht kann durch digitale Medien gut unterstützt werden. Aber Kinder brauchen mehr als ein Video auf dem Laptop.“ Das betont auch der Sprecher des Kultusministeriums: „Digitales Lernen kann Unterricht in der Schule nicht ersetzen.“

Lernen daheim ist keine Option für die Zukunft

Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer bestätigt das: Da viele vor allem wegen ihrer Freunde in die Schule gehen und auch lernen, ist dieser Unterschied für Lernprozesse so zentral, dass er zuhause nicht ausgeglichen werden kann. „Eltern“, sagt Klaus Zierer, „haben nicht die Autorität einer Lehrperson.“ Deshalb hat das Lernen in der Schule Vorteile, weil Gewissenhaftigkeit und Disziplin in einer ganz anderen Art und Weise gefordert und gefördert werden können. Er stellt fest: „Lernen in der Schule ist dem Lernen zuhause überlegen.“

Ein Interview mit dem Neurobiologen, Hirnforscher und Buchautor Dr. Henning Beck über moderne Bildung gibt es hier. 

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