Seit Beginn dieses Semesters freuten sich meine Mitstudenten und ich darauf, den Sommer im schönen Passau zu verbringen. Dass die Stadt Anfang Juni eine solche Naturkatastrophe ereilen wird, hat keiner geahnt. Sogar im halbwegs von den Überschwemmungen verschonten Heimatort Aiterhofen habe ich das Jahrhunderthochwasser an meinem Studienort intensiv miterlebt.

"Kein Stress - es ist noch im Rahmen" - so heißt es noch am Samstagabend in einer SMS von meiner Kommilitonin und Freundin Franzi. Knapp 16 Stunden später schickt sie mir ein Bild der völlig im Wasser versunkenen Innpromenade. Von einer Schaukel ist nur noch die obere Querstange zu sehen. "Ortsspitze, Innpromenade und Rathausplatz sind weg." Später gibt mir Franzi aufgeregt Bescheid, dass Katastrophenalarm in der Dreiflüssestadt ausgerufen wurde. Zeitgleich werden schon die ersten Hochwasserbilder auf Facebook gepostet. In einer internen Gruppe unseres Semesters diskutiert man über Vorschläge für eine Bootparty auf der überschwemmten Innwiese. "Unterwegs im apokalyptischen Passau", "Wird's nicht langsam Zeit für die Kanzlerin?" - der studentische Anteil der Passauer Bevölkerung nimmt die Jahrhundertflut zunächst mit Humor.

Bereits am Samstag habe ich bei den höheren Semestern nachgefragt, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Zu meiner Beruhigung wurde mir versichert, dass die Passauer mit Hochwasser vertraut sind und auch bei höheren Pegelständen alles im Griff haben. Ich kaufe mir Gummistiefel, um für eine nasse Woche und überschwemmte Wege zwischen den Hörsälen gewappnet zu sein. Doch dazu kommt es gar nicht. Zunächst wird die Uni für Montag geschlossen, worüber sich noch jeder freut. Als aber Bilder der meterweit überschwemmten Fakultäten in Umlauf geraten, verschwindet das Lachen.

Passau in den Schlagzeilen

Ich werde mit Fotos bombardiert. Jeder versucht, die Katastrophe einzufangen. Ich mache mir immer mehr Sorgen. Es wird bekannt, dass die ganze Woche keine Lehrveranstaltungen an der Universität stattfinden können. Egal auf welchem Fernsehsender, Passau wird bei den von Hochwasser betroffenen Städten immer als erste genannt. Ununterbrochen klingelt mein Handy, ich versuche, mit meinen Kommilitonen in der überfluteten Stadt Kontakt zu halten. Eine Facebook-Freundin wurde vom Inn nach und nach in ihrer Wohnung eingesperrt. Sie hält die große Flut auf Videos fest und stellt sie ins Internet. "Wir haben ja noch Brettspiele", kommentiert die Masterstudentin im ersten Clip ihre Situation. Auch sie wird nach einer Weile ohne Strom und fließendem Wasser evakuiert. Dann wohl mit nicht mehr ganz so guter Laune. Währenddessen liefert ein Freund von ihr den passenden Hochwasser-Soundtrack, inklusive "I am sailing" und "Haus am See".

Franzi ist aufgelöst, ich bin es auch. Den ganzen Montag spiele ich mit dem Gedanken, mit dem nächsten Zug den Fluten entgegenzufahren und mir ein eigenes Bild von den Wassermassen zu machen. Die Universitätsleitung fordert aber Studenten von außerhalb auf, dem Stadtgebiet nach Möglichkeit fern zu bleiben, also siegt auch bei mir die Vernunft. Meine Freundinnen und Freunde halten in Passau die Stellung, bis es ihnen nacheinander zu viel wird. Franzi flüchtet zu Freunden nach München, die meisten anderen zieht es nach Hause. Irgendwann nimmt es einen zu sehr mit, sagen sie: die Rettungsmannschaften, die vielen Sandsäcke, verzweifelte Laden- und Hausbesitzer. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, was im Moment mit meinem Passau passiert. Die Innpromenade, die Ortsspitze, die Altstadt - dort wo jetzt Korrespondenten der Medien bis zum Knie im Wasser stehen, bin ich sonst täglich unterwegs.

Erst mit dem Absinken der Pegelstände lässt sich das Ausmaß der Schäden abschätzen. Die Innwiese, sonst der wohl beliebteste Treffpunkt der Passauer Studenten, gleicht einem Watt an der Nordsee. Die gebliebenen Studenten haben in den vergangenen Tagen viele beeindruckt. Mit einem Spaten in der Hand und viel Motivation unterstützten sie die freiwilligen Helfer. Mit vereinten Kräften schaffen sie es sicher, dass Passau bald wieder so wunderschön aussieht wie vor dem Hochwasser. Nur noch die Hochwassermarken werden dann an die Flut von 2013 erinnern.