HIV und Aids Die "fast vergessene" Infektion

Die Aids-Schleife ist ein weltweites Symbol. Foto: Oliver Berg/dpa

Aus einem Schreckgespenst wurde eine gut kontrollierbare und gut therapierbare Virusinfektion. Was noch vor dreißig Jahren undenkbar war, ist heute Realität: Ein Mensch mit HIV kann ein ganz normales, langes Leben führen. Aids muss nicht mehr ausbrechen. Warum das so ist und welcher Weg dahin führte, erklären PD Dr. Christoph Spinner, Oberarzt in der Infektiologie im Klinikum rechts der Isar in München und Leiter des Interdisziplinären HIV-Zentrums "IZAR", sowie Dr. Dieter Hoffmann, Leiter des Bereichs der Virologischen Diagnostik.

In den 1990er-Jahren war das Thema HIV und Aids in den Medien und den Köpfen der Deutschen stets präsent. Im Aufklärungsunterricht in den Schulen wurde die Infektion als gefährliche, sexuell übertragbare Krankheit groß thematisiert, breit angelegte Aufklärungskampagnen sorgten dafür, dass sich jeder mit seinem Risiko einer Ansteckung auseinandersetzen konnte und nahezu jeder Mensch in den Industrienationen wusste, dass die Verwendung von Kondomen schützen kann. Andere Viruserkrankungen - wie in diesem Jahr Covid-19 - haben in den letzten zwei Jahrzehnten dem Thema HIV und Aids scheinbar "den Rang abgelaufen". Hat eine Ansteckung mit dem HI-Virus ihren Schrecken verloren?

PD Dr. Christoph Spinner und Dr. Dieter Hoffmann erklären, welche Auswirkungen das HI-Virus und die dadurch verursachte Krankheit Aids auf den menschlichen Körper haben, wo der Ursprung des Virus liegt, wie die Behandlung von Infizierten abläuft und welche Zielsetzung sich die Vereinten Nationen im Bezug auf die Bekämpfung von HIV und Aids gesetzt haben.

Die medizinischen Auswirkungen der Infektion

"Mit einer HIV-Infektion kann man in der heutigen Zeit ein normales Leben führen, denn die Infektion ist behandelbar," erklärt Dr. Spinner. Behandelbar dürfe allerdings nicht mit heilbar verwechselt werden. Trotzdem können Betroffene mit der geeigneten Medikation zum Beispiel wieder kondomlosen Sexualkontakt mit gesunden Partnern haben, ohne diese zu gefährden. Das Risiko, dass eine infizierte Mutter während der Schwangerschaft oder der Geburt ihr Kind infiziert, ist gut kontrollierbar geworden. In der Regel erwerben die Kinder der betroffenen Mütter die Immunschwächekrankheit nicht.

Unbehandelt führt eine HIV-Infektion auch in den Industrienationen immer noch regelhaft nach einer gewissen Zeit zum Tod. Nach einer Infektion mit dem HI-Virus folgt - meist nach einigen Jahren - eine Reihe von Folgekrankheiten. Das Immunsystem wird stark geschädigt - daher der Name Aids ("Acquired Immune Deficiency Syndrome", zu deutsch: "Erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Andere Infektionskrankheiten oder auch Pilzerkrankungen können vom geschwächten Immunsystem nicht mehr in Schach gehalten werden. Das sogenannte Kaposi-Sarkom, eine seltene Hautkrebserkrankung, die durch einen Herpesvirus ausgelöst wird, tritt vor allem bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem auf. Das bedeutet: Auch hier sind Menschen mit einer unbehandelten HIV-Infektion zum Beispiel besonders gefährdet. Ziel einer Behandlung nach einer HIV-Infektion ist es, die Viruslast im Körper durch eine geeignete Medikation unter die Nachweisgrenze zu bringen. Durch die extrem geringe Viruslast ist eine Ansteckung einer gesunden Person auch beim kondomlosen Geschlechtsverkehr mit einem Infizierten extrem unwahrscheinlich. Derselbe Effekt entsteht auch bei einer Geburt. Durch die geringe Menge an Viren im Blut der Mutter, kommt das Kind - auch bei Blutkontakt während der Geburt - in der Regel gesund auf die Welt.

Ursprung des Virus in Afrika

Dr. Dieter Hoffmann berichtet, dass man durch Sequenzanalysen der genetischen Struktur des Virus bestätigt hat, dass das Virus seinen Ursprung in Afrika hat. Ursprünglich habe das Virus in verschiedenen Varianten am Beginn des letzten Jahrhunderts die Artenschranke übersprungen. Dies bedeutet, das Virus hat durch den Kontakt von Menschen mit Affenblut den "Sprung" in den menschlichen Körper geschafft und nutzt diesen als Wirt. Zum Beispiel durch den Genuss von Affenfleisch haben Menschen das Virus aufgenommen. Durch Migration hat sich das Virus auch in den Industrienationen verbreitet. Bis man allerdings auf die Krankheit Aids aufmerksam wurde und die Forschung daran intensiv startete, dauerte es mehrere Jahrzehnte.

Die richtige Behandlung steht im Fokus

Die Prävention und die Behandlung nach der Diagnose einer Ansteckung mit dem HI-Virus sind heute in Deutschland standardisiert. Bei Risikogruppen - wie etwa Männern, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben oder Arbeitern in der Sexbranche - wird mit einer sogenannten Präexpositionsprophylaxe gearbeitet. Hier wird bei HIV-negativen Personen durch die Einnahme antiviraler Medikamente das Risiko einer HIV-Infektion reduziert. Seit dem 1. September 2019 werden Arzneimittel zur Vorbeugung einer Infektion mit dem HI-Virus für Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, so ein Vertreter der Deutschen Aidshilfe.

Im Gegensatz dazu erfolgt eine Postexpositionsprophylaxe nach einem Risikokontakt. Ist ein solcher Kontakt erfolgt, zum Beispiel kondomloser Geschlechtsverkehr mit einer infizierten Person oder Kontakt mit Virusmaterial im Labor, wird eine medikamentöse Postexpositionsprophylaxe eingeleitet. Hier senkt eine möglichst schnell nach dem Kontakt erfolgte Einnahme von Medikamenten das Ansteckungsrisiko.

 

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