Hinter den Kulissen bei Circus Krone "Wenn ein Tier nicht will, kannst du es nicht zwingen"

Alessio Fochesato zeigt den Besuchern des Krone-Zoos seinen sprechenden Papagei Tortuga. Foto: Susanne Pritscher

Der weiße Löwe Baluga, der sprechende Papagei Tortuga, der freche Kakadu Pinkie: Tiere sind ein fester Bestandteil des Programms beim Circus Krone. Wie ist das Leben und Arbeiten mit Tiger, Elefant und Co.? Wir waren einen Tag lang hinter den Kulissen.

Die Manege ist dunkel, die Lichter sind gedimmt. Gitterstäbe umfassen die runde Manege. Männer in schwarzer Kleidung zurren die Halterungen des Käfigs fest. Dann betritt Martin Lacey jr. die Manege. Im Dunkeln sieht man nur das rote Licht der Kamera, die er sich um den Oberkörper gebunden hat. Es riecht nach einer Mischung aus Sägespänen, Popcorn und Bratwurst. Aufgeregt tuschelnd nehmen die Zuschauer auf ihren Sitzen Platz. Dann verstummen sie. Eine Luke öffnet sich und mit stolz geschwellter Brust betritt der König der Tiere die Manege. Es ist der weiße Löwe Baluga, dessen helles Fell sogar in der Dunkelheit gut zu erkennen ist. Ein Raunen geht durch die Menge. Ruhig dreht sich der Löwendompteur zu seinem Tier um, dann öffnet sich die Luke ein zweites Mal. Ein weißer und ein brauner Tiger stolzieren in die Manege und knurren leise. Jetzt gibt es nur noch Martin Lacey und seine Wildkatzen.

Fünfeinhalb Stunden vor der ersten Aufführung in Straubing. Im Tageslicht sieht man noch nicht viel vom Zirkusglamour. Doch die vielen Zirkusmitarbeiter arbeiten bereits daran, das zu ändern. Das Grundgerüst, das Zelt und die Stuhlreihen stehen bereits. Sechs Stunden haben die Zirkusmitarbeiter dafür gebraucht. Drei Stunden für das Zelt, drei für die Stühle im Zelt. Wenige Stunden vor der Show kommt der Feinschliff. „Es werden noch die letzten Lichter aufgehängt und die Stühle müssen noch geplüscht werden“, erklärt die Pressesprecherin des Circus Krone, Dr. Susanne Matzenau, und deutet auf die blanken Holzstühle oberhalb der Loge. Bevor sie zum Circus Krone kam, hat Susanne Matzenau Biologie studiert. „Danach habe ich einfach zwei Zeilen an den Circus Krone geschrieben. Der damalige Pressesprecher hatte gerade gekündigt und so haben sie mir den Job angeboten“, erzählt sie. Den Schritt zum Circus hat sie nie bereut. „Wenn man im Zirkus arbeitet, muss man das Reisen eben lieben.“ Und das tut sie.

Sattelgang statt Backstage

Direkt hinter der Manege befindet sich der große Sattelgang, in dem sich die Künstler auf ihren Auftritt vorbereiten. „Sattelgang, so nennen wir das Backstage im Circus Krone“, erklärt Matzenau. „Wir sind bei den schönen, traditionellen Begriffen geblieben. Wir sagen auch Sprechstallmeister oder Ringmeister.“ Mindestens zwei Nummern vor ihrem Auftritt warten die Artisten in dem großen Sattelgang. Egal ob Löwe, Elefant oder Trapezkünstler: Durch den mit Lehm, Erde und Sägespäne bestreuten, dunklen Vorraum müssen sie alle, bevor es in die hell erleuchtete Manege geht. Im Sattelgang hat alles seinen Platz: Links liegen ordentlich aufeinander gestapelt die eisernen Hocker für die Tiernummern. Dahinter parkt das schwarz verhüllte Todesrad. Die Ausgänge sind breit und aufgeräumt. Alles muss ordentlich sein, denn später während der Show ist keine Zeit mehr für die Suche nach Utensilien. Da muss alles bereit sein (Lesen Sie auch: "6.000-Kalorien-Tag" und dann noch "M & M").

Immer bereit sein muss auch Martin Lacey, wenn er mit seinen Raubkatzen in der Manege steht. Der weiße Löwe Baluga hat zusammen mit seinen beiden Tigern inzwischen hoch oben über der Luke auf der höchsten Treppenstufe Platz genommen. Plötzlich geht es schnell: Die Tür zum Löwengehege öffnet sich wieder und nacheinander kommen die anderen Raubkatzen in die Manege gelaufen. Lacey kniet mit seiner schwarzen Lederhose in der Mitte der Manege. Sein Blick ist konzentriert, während die Löwen sich gemächlich auf die eisernen Hocker in der Manege setzen. Manche von ihnen fauchen leise, andere zeigen sich völlig unbeeindruckt von der Szenerie und schlecken sich die Pfoten ab. Aber alle wissen sie, wo ihr Platz ist. Und vor allem: Wer in der Manege das Sagen hat.

Vier Stunden vor der ersten Show entspannen die Löwen noch in ihren Gehegen gleich neben dem Sattelgang. Sie dösen nebeneinander in der Sonne oder lecken sich gegenseitig die Ohren ab. Eine Löwin gähnt leise und entblößt dabei ihre scharfen, weißen Zähne, über die sie genüsslich mit der Zunge fährt. Im Gehege nebenan geht es etwas lebhafter zu. Eine Löwin packt gerade eine 25 Kilo schwere Kugel und hebt sie beinahe mühelos hoch. Langsam schleppt sie ihr von Heu verdrecktes Spielzeug weiter, hebt es noch höher – und platsch! Es landet im vollen Wassertrog. Zufrieden knurrt die Löwin wohlig.

Spätestens wenn Martin Lacey das Gehege betritt, blicken sowohl die schläfrigen als auch die verspielten Raubkatzen auf und drehen sich zu ihm um. „Außer Martin Lacey darf niemand zu den Löwen“, erklärt Matzenau. Seit mehreren Generationen leben die Raubkatzen bereits im Circus Krone. Gespann verfolgt Susanne Matzenau die zunächst wortlose Kommunikation zwischen den Löwen und dem Dompteur. Wenn er nicht in der Manege steht, trägt der Engländer einen lässigen hellbraunen Overall und eine Kappe mit einer britischen Flagge darauf. Aufmerksam lässt er seinen Blick durch das Gehege wandern. Die Löwen spitzen die Ohren. Sie sind ein eingespieltes Team, Lacey und die 26 Raubkatzen. Und die Tiere wissen, was es bedeutet, wenn ihr Herrchen um diese Uhrzeit zu ihnen kommt: Es ist Futterzeit. „Für Martin sind die Löwen seine Familie. Am Morgen ist er als erster bei ihnen und kümmert sich um sie“, sagt Tonito Alexis. Geschminkt ist der junge Halbspanier ein Clown in 5. Generation, ungeschminkt führt er zusammen mit Lacey die Besucher durch den Krone-Zoo.

"Als Clown ist man Lehrling in allem"

Für Tonito bedeutet Circus Krone Familie: „Ich bin im Circus Krone aufgewachsen und dort sogar zur Schule gegangen.“ In der Show tritt er gleich zweimal auf, einmal als lustiger August und danach als Weißclown. „Der Moment, wenn man als Clown geschminkt in die Manege kommt und in die strahlenden Gesichter der Kinder blickt, ist einfach schön.“ Er macht eine kurze Pause beim Sprechen und lächelt. Seine dunkelbraunen Augen beginnen zu strahlen. Sie strahlen genauso wie die der Kinder, wenn sie ihn später etwas tollpatschig in viel zu großen Schuhen in der Manege herumlaufen sehen. „Als Clown ist man Lehrling in allem. Man muss erst alles können, damit es nachher leicht aussieht.“ Einmal habe der Motor des Todesrads während einer Show gestreikt, erzählt Susanne Matzenau. Da sei Tonito einfach raus in die Manege und habe die Leute unterhalten, bis der Motor wieder lief. „Einfach unglaublich, wie er das geschafft hat. Und keiner hat etwas gemerkt.“

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