Unser Autor war zehn Tage im polnischen Lublin, etwa 120 Kilometer vom Krieg in der Ukraine entfernt. Für die dortige Caritas hat er ausländische Spendenkonvois koordiniert. Sein Tagebuch.

Tag eins – Mittwoch, 16. März

Als ich in Lublin ankomme, ist Evgeny schon da. Der hagere, vom Wetter gezeichnete Ukrainer ist mir einige Wochen voraus. Er war zu Beginn des russischen Angriffs als LKW-Fahrer in Spanien. So blieb er vom Krieg verschont. In den nächsten Tagen wird er meine Zeit an der polnisch-ukrainischen Grenze prägen.

In der engen Zufahrt der Caritas gibt mir mein Auto lautstark zu verstehen, dass es von den maroden Straßen nicht begeistert ist. Beladen mit einer Palette Kartoffeln und Kartons mit Windeln, Medizin und Hygieneartikeln plagt sich mein alter Ford Transit durch das enge Tor.

Meine Matratze ist noch von Hilfsgütern eingeschlossen, die so spät abends niemand mehr entlädt. Daher verbringe ich meine erste Nacht im Hotel. In meine Vorfreude auf die nächsten Tage mischt sich auch ein wenig Sorge. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Lublin für mich bereithalten wird.

Tag zwei – Donnerstag, 17. März

Moritz, ein Freund aus Deutschland, über den ich nach Lublin gekommen bin, ist mittlerweile seit fast drei Wochen vor Ort. Er zeigt mir die Räumlichkeiten der Caritas und stellt mich dem Team vor. Besonders Joanna, im Normalfall verantwortlich für Kommunikation und Social Media, wird zu meiner wichtigsten Ansprechpartnerin werden. Denn der Grund, weshalb ich hier bin, hat viel mit Kommunikation zu tun: Zusammen mit Moritz koordiniere ich Spendenlieferungen.

Kurz gesagt, kümmern wir uns um die Frage, wer wann, von wo, mit wie vielen Autos und mit welcher Ladung zur Caritas kommt. Die Hilfsorganisation leert die Konvois dann auf dem hierfür viel zu kleinen Gelände, sortiert die Ladung und fährt sie mit dem nächsten LKW an die Grenze oder in die Ukraine selbst.

Evgeny ist dabei in seinem orangenen Overall von früh bis spät im Innenhof der Caritas anzutreffen. Wann immer wir in den nächsten Tagen versuchen, ihn zum Ausruhen zu bewegen, lehnt er ab. Denn wenn er Pause macht, kommen die Sorgen. Sorgen um seine Heimat und seine Familie. Sorgen besonders um seine Frau, die in der Ukraine als Polizistin arbeitet und ihm verboten hat, in seine Heimat zurückzukehren. Falls sie dem Krieg zum Opfer fällt, muss Evgeny wohlauf sein, um die Familie zu versorgen. Wenn er einmal schläft, dann im Lager, was auf unbestimmte Zeit sein Zuhause ist.

Tag drei – Freitag, 18. März

Mehr zum Thema: Im Freistunde-Podcast "Sprechstunde" erzählt unser Autor Lennart Winterscheid von den Hintergründen der Hilfsaktion.