Helmut Degenhart im Porträt Urgestein des Passauer Lokalrundfunks

Seit Jahrzehnten als Journalist für den privaten Rundfunk aktiv: Helmut Degenhart. Foto: Andreas Reichelt

Als die Grundlagen für privaten Rundfunk entstanden, war er dabei. Er spielte Schallplatten und Musikkassetten im Passauer Radio, drehte Reportagen in Afrika und Amerika. Doch vor allem ist er seit vielen Jahren eines der markantesten Gesichter des niederbayerischen Lokalfernsehens. Helmut Degenhart gehört einfach zur Medienwelt. Doch seine Interessen sind vielschichtig, sein Lebensweg ist eine echte „Story“, um im Jargon der Medienbranche zu bleiben.

Wir treffen uns in einem Pfarrkirchener Café. Helmut Degenhart lächelt sympathisch, seine Kleidung spricht Bände. Im September ist er 80 Jahre alt geworden, doch er trägt ein Hemd mit Konterfei des Revoluzzers „Che Guevara“, seinen berühmten Hut und Sneaker, die meine Kinder begeistern würden. Journalismus hält jung.

Vor kurzem wurde er mit der Aussage konfrontiert, man sehe ihm die acht Jahrzehnte nicht an. „Das ist ein schwacher Trost“, schmunzelte er damals. Mit seinem tiefsinnigen Humor und seiner Gelassenheit und Erfahrung ist er ein sehr angenehmer Gesprächspartner.

Soziales Engagement

Seine Laufbahn begann gänzlich ohne Rundfunk. Erst absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser, dann studierte er im zweiten Bildungsweg Sozialpädagogik und Jugendpflege. Die Jugend und soziale Arbeit hatten es ihm schon immer angetan.

Italienfahrten mit Jugendlichen, Engagement für Afrika - seinen unbändigen Willen, für andere da zu sein, lebt er bis heute aus. Als Helfer blickt er beispielsweise bereits auf vier Erdbebeneinsätze in Italien zurück. Auf die Frage nach der neuen „postfaschistischen“ Regierung in Italien reagiert er nachdenklich: „Erstmal sehen, ob die Regierung bleibt. Das ist ja in Italien so eine Sache.“

Bereits 1969 gründete er mit seiner mittlerweile leider verstorbenen Frau den ersten Dritte-Welt-Laden in Bayern, sie hat für ihr gemeinsames Engagement sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten. „Afrika ist mir sehr nahe“, sagt er und nimmt einen Schluck vom Cappuccino. „Vor zwei Jahren war ich wieder im Senegal zu Besuch, zusammen mit Bischof Oster.“

Im afrikanischen Kontinent findet sich einer der wenigen Themenbereiche, wo er um emotionalen Gleichmut ringt. „Es ist schwer für mich, objektiv zu sein“, gibt er zu. „Das Leid der Menschen dort berührt mich sehr.“ Helmut denkt einen Moment nach und bricht seine Empfindungen auf die Heimat herunter. „Auf welchem Niveau wir hier jammern! Die Menschen beschweren sich darüber, wie es gerade bei uns ist.“ Und dann sagt er einen Satz, der mir aus dem Herzen spricht: „Das ist grenzenloser Egoismus!“

Er erzählt von einer Reportage, die er 1994 für das ZDF drehte. In Sambia berichtete er über AIDS-Waisen. „Wir sind über Felder marschiert, wo in Massen an der Krankheit verstorbene junge Menschen beerdigt waren“, erzählt er und ringt um Fassung. „In den Krankenhäusern, die wir besuchten, lagen sie zu zweit im Bett. Manche mussten im Schrank schlafen, weil es auch bei Doppelbelegung keine Betten mehr gab. Danach die Waisenhäuser, furchtbar.“

Auch wenn er durch das Objektiv seiner Kamera eine gewisse Distanz zu wahren versteht, gibt es doch immer wieder Themen, die ihn als Journalisten tief berühren.

Mann der ersten Stunde

Auslandsreisen faszinierten ihn schon immer. Als daher 1987 der Weg für privaten Rundfunk offiziell freigemacht wurde, war er von Anbeginn an mit dabei. Zunächst parallel beim Radio und Fernsehen, später nur noch im TV. „Es war eine Aufbruchszeit damals. Jeder hat seine privaten Schallplatten ins Radio-Studio mitgenommen und abgespielt. Dann abends eine Kassette ins Gerät, die sollte dann bis morgens laufen“, lacht er. „Idealerweise.“ Heute sei das undenkbar, alles liefe über Playlists. Nichts mehr für den Individualisten Helmut Degenhart.

Seine Tätigkeit als Reporter scheint aber perfekt für ihn zu sein. „Vor Ort mit Menschen in Kontakt zu treten, das gefällt mir“, sagt er. „Abwechslungsreich, abenteuerlich, ich fühle mich als Reporter. Journalismus macht mir einfach Spaß.“

Dabei macht er den digitalen Wandel von Aufnahmen auf Kassetten mit schweren Schulterkameras bis hin zu modernen, kleinen Digitalkameras mit. Zunächst war Berichterstattung langsam, heute schickt man alles sofort über das Smartphone weiter. Kein langes Schneiden und Kleben von Bändern mehr, kleine Speicherkarten machen alles leichter. Aber auch hektischer.

„Der Stress ist durch die Digitalisierung mehr geworden“, erzählt er. „Aber ich habe da eine gewisse Resilienz. Ich kann schnell hochschalten, aber auch schnell abschalten.“ Wer so lange Zeit im schnelllebigen Journalismus verbringt, muss auch ein stabiles Gleichgewicht gefunden haben.

Er hat schon auf der ganzen Welt gedreht, Angela Merkel oder Kardinal Ratzinger interviewt. „Als Angela Merkel anlässlich der Überschwemmung zu Besuch hier war, habe ich sie an der Schulter genommen und um ein Interview gebeten. Sie meinte nur: ‚Lassen Sie mich doch nur kurz meine Breze fertigessen.‘“ Ein erfahrener Journalist wie Helmut Degenhart mit seiner sympathischen Ausstrahlung wirkt sogar auf eine Bundeskanzlerin.

Während sich um uns herum das Café füllt, erzählt Helmut von diversen Treffen mit Berühmtheiten, darunter auch dem Dalai Lama. Plötzlich lacht er. „Einmal habe ich beim Interview des kroatischen Ministerpräsidenten vergessen, die Kamera einzuschalten. Gemerkt habe ich es aber erst nach dem Gespräch.“ Er hält sich die Augen zu und lacht herzhaft. „Jetzt habe ich's wiederholen müssen. Das war natürlich hochpeinlich.“

Finde ich nicht, denn das ist mir schon zweimal passiert. Aber das gebe ich dem erfahrenen Kollegen gegenüber nicht zu, ich lache einfach mit ihm.

Privatmensch Degenhart

Die Schöpfung hat es dem Reporter aus Leidenschaft besonders angetan. Immer wieder schickt er mir Fotos von gefunden Schwammerl oder bietet Obst aus seinem Garten an. Helmut Degenhart ist sogar Hobby-Imker. „Gärtnern ist ein guter Ausgleich zum Druck im Journalismus“, sagt er.

Daneben schlägt sein Herz auch für Turnschuhe. Je ausgefallener, desto besser. Doch damit war er nicht immer passend gekleidet. „Irgendwann habe ich dann mal Joschka Fischer in Passau interviewt“, lacht er. „Der stand da auf einem Wagen und hielt seine Rede auch in Turnschuhen.“ Sneaker wurden von da an salonfähig.

Heimlich werfe ich einen Blick auf sein Schuhwerk, tatsächlich trägt er bunt bedruckte Laufschuhe. Mit meinen Lederschuhen komme ich mir ganz plötzlich alt vor. Ja, Helmut Degenhart wirkt jugendlich und frisch.

Schreiben als Ausgleich Vielleicht hängt seine Ausstrahlung auch damit zusammen, dass er Gefühle auch im geschriebenen Wort ausdrücken kann. Er verfasste einen Gedichtband und mit einem Freund zusammen ein Liederbuch. Gerade die Verknüpfung aus Musik und Text scheint es ihm angetan zu haben.

„Ich habe schon sieben Musicals und Texte vieler Friedenslieder geschrieben“, berichtet er stolz. „Ich habe ein neues Musical fertig geschrieben mit dem Titel ‚Bettlerleben‘. Es geht auf die Situation der Menschen ein, die auf der Straße und unter den Brücken leben. Sind ja nicht wenige in Deutschland.“ Derzeit sucht er dafür noch nach einem Produzenten oder einem Haus, das dieses Stück aufführen möchte.

Ich höre ihm gespannt zu und beginne mich zu fragen, ob ich mit 80 Lebensjahren noch solch eine Energie haben werde. Ich hoffe es. Doch vor allem wünsche ich ihm weiterhin solch eine Freude bei seiner Arbeit für NIEDERBAYERN TV.

Dieser Artikel erschien zuerst im NIEDERBAYERN TV Magazin, Ausgabe 13.

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