Bernd Ohlmann (HBE) Virtuell anprobieren im digitalen Spiegel

Gibt es wirkliche Innovationen im Bereich Online-Verkauf in der Region?

Ohlmann: Im Bayerischen Wald gibt es zum Beispiel ein Hemdengeschäft, das es geschafft hat, die Ladentheke digital zu verlängern. Die haben aus der Not eine Tugend gemacht – die Not war, dass sie nur 400 Quadratmeter Ladenfläche haben. Dort passt bei weitem nicht das ganze Sortiment rein. Die meiste Ware ist also im Lager. Die Kunden allerdings können alle Modelle virtuell anprobieren, die Verkäufer zeigen die Ware, die gerade nicht im Laden ist mit einer entsprechenden Software auf dem iPad oder dem Laptop.

Das klingt schon ein bisschen nach „Augmented Reality“…

Ohlmann: Das kommt in großen Schritten. In Tokyo oder in Seoul ist es schon Gang und Gäbe, dass Teenies in Textilläden gehe und sich vor einen Spiegel stellen, der ihnen ein T-Shirt in bestimmten Farben „anprojiziert“. Das T-Shirt wird per Computer auf das Spiegelbild des Kunden gerechnet. Das virtuelle T-Shirt, dass diese elektronischen Spiegel erzeugen, hat immer die richtige Größe, die Farbe kann man sich aussuchen. Gleichzeitig werden Fotos von der Anprobe gemacht, die werden gleich direkt per Social Media mit den Freunden geteilt, mit der Frage: „Welches T-Shirt steht mir am besten?“. Wenn die Rückmeldungen, zum Beispiel aus Facebook, sagen, „das Blaue“, dann wird das gekauft. So kann das auch laufen. Ich habe eine Bekannte aus Seoul. Wenn die nach München kommt, reibt sie sich die Augen über die WLAN-Versorgung bei uns. In der Beziehung ist das für sie hier tiefste Provinz.

„Da wird viel Geld verbrannt“

Werden also über kurz oder lang alle Händler den „Sprung in die Digitalisierung“ machen müssen?

Ohlmann: Es wird immer Betriebe geben, die es nicht machen müssen, weil sie eben ihre Nische haben. Nehmen wir als Beispiel einen Schreibwarenhändler oder Spielwarenhändler in der Landshuter Innenstadt. Als ein alteingesessener Betrieb, der schon seit Kaufmannszeiten als Familienunternehmen am Ort ist, wird der immer Kunden haben, auch ohne die Digitalkanäle zu bespielen.

Deswegen warne ich auch manche Unternehmer davor. Agenturen nutzen manchmal die Unsicherheit bei vielen Handelsunternehmen aus. Sie machen verkaufen denen dann sehr bunte und vor allem sehr teure Konzepte für das Online-Marketing. Da wird sehr viel Geld verbrannt. Letztlich sagen aber alle Handelsexperten: Es kommt eine große Ernüchterung. Ich warne vor der Einstellung, solche Dinge blind zu kaufen, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Ich sage den Händlern: Wenn Deine Kunden online sind, dann musst auch Du dort sein. Sind Deine Kunden dort nicht, dann brauchst Du’s nicht.

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading