Idowa-Adventskalender (4) Wenn der Zwillingsbruder stirbt

Bei einem gemeinsamen Ausflug 2016. Foto: Archiv Michi Steuer

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"Wir haben nur uns gehabt", sagt Michi Steuer mit erstickter Stimme. Der Alfred und der Michi. Die zwei haben sich schon den Bauch von Mutter Ursula geteilt, später die Klamotten, die Wohnung, das Geschäft, die Autos. Kurz: ein ganzes Leben. Und dann passiert das Schreckliche: Alfred stirbt. Viel zu früh lässt er seinen Zwilling zurück. Den Bruder, dem von jetzt auf gleich die zweite Hälfte fehlt.

"Kippt der einfach nach vorn", erzählt Steuer weiter und stockt dann erneut. "Das Bild bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf." Die zwei hatten den Tag im Geschäft, dem A+P City Treff, gemeinsam verbracht. Wie so viele zuvor schon. Zehn Stunden hinterm Tresen, Kunden bedienen, Schreibwaren verkaufen. Das ist ihr Leben. Danach gehen sie wie immer einkaufen, machen sich eine Brotzeit, sitzen abends gemeinsam vor dem Fernseher.

"Ich hab ihn noch gefragt, ob ihm was runtergefallen ist", erinnert sich Steuer. Doch Alfred antwortet nicht, kommt nicht mehr zu sich. Auch nicht mehr, als die Rettungssanitäter über eine Stunde lang ihr Möglichstes versuchen. "Ich hab gespürt, dass er uns verlassen hat." Michi schüttelt den Kopf. Er kann es nicht fassen. Die Lücke, die der Zwillingsbruder hinterlässt, ist einfach zu groß. Sie schmerzt sehr.

Krieg, Vertreibung, Tod

Wer verstehen will, wie es dazu gekommen ist, dass es den Alfred und den Michael nur im Doppelpack gegeben hat, der muss in die Vergangenheit reisen. Zurück in die Nachkriegsjahre in Deutschland. Der Krieg hatte Mutter Ursula und ihre Familie 1945 aus Oberschlesien nach Cham gespült. "Der Großvater dort hatte alles: ein Haus, eine Metzgerei, Felder, alles." Die Familie war nicht betucht, aber gut situiert. Als die Russen kamen, hatten sie eine halbe Stunde Zeit, um ihre Sachen zu packen. Der Rest ging in Flammen auf. "Da gab es so viel Unmenschliches. So viel Leid. Mei, was die Tante immer erzählt hat ..." Steuer schüttelt wieder den Kopf. Der Tod war damals häufig Gast. Und die Not so groß, dass für die Trauer kaum Zeit blieb.

Allein und alleinerziehend

Aber Mutter Ursula wagte einen Neustart in Cham. Hier war sie gestrandet, hier erhielt sie in einem Sammellager im Hotel Greß das erste Mal einen Teller warme Suppe. Doch das Leben ist hart. Der Großvater stirbt 1954. Die Mutter bekommt am 21. Februar 1959, da ist sie gerade einmal 23 Jahre alt, Zwillinge. Und der Vater? Ein Münchner, der sich nicht um die schwangere Frau kümmert und auch nicht um die Kinder. "Einen Vater gab es nicht." Dann starb 1961 auch noch die Großmutter. Es gab nur noch die Mutter und die Zwillinge. "Wir müssen zusammenhalten", lautete deren Credo.

Was alleinerziehend in den 50er Jahren auf dem Land bedeutet haben muss, können sich heute wahrscheinlich nur noch wenige vorstellen. Es kam wohl einem Stigma gleich. Aber die Mutter schafft das fast Unmögliche und zieht die Jungen groß. Sie waren wohl die Einzigen, die damals schon mit nur einem Jahr bis um halb fünf im Kindergarten blieben. "Das hat eine Mark am Tag gekostet", zitiert Steuer aus einem Brief, den er im Nachlass der Mutter gefunden hat.

Die Tochter stirbt früh

Doch es geht bergauf. Die Mutter lernt wieder einen Mann kennen, bekommt 1965 eine Tochter mit ihm: Claudia, und zwei Jahre darauf den kleinen Bruder Siegfried. Und für die Zwillinge ist Onkel Edmund zumindest eine Zeit lang Vaterersatz. Doch das Glück währt nicht lange. Claudia erkrankt mit 15 Jahren schwer. "Wir sind von Pontius zu Pilatus gelaufen", erinnert sich Steuer. Bis die Ärzte der Mama im Kinderkrankenhaus in Nürnberg knallhart ins Gesicht sagen: "Ihre Tochter wird sterben." Ein Tumor in der Kniekehle lässt sich nicht aufhalten. "Obwohl sie ihr noch das Bein abgenommen haben, ist sie trotzdem ein halbes Jahr später gestorben." Das war im Sommer 1984. Steuer schluckt.

Die Zwillinge haben sich

Von da an waren die Brüder und die Mama noch enger. Einzig, dass der Vierte im Bunde, der jüngste Bruder, eigenwillig seinen eigenen Weg gemacht hat, schmerzt ihn. "Wir haben, als wir uns mit dem Geschäft selbstständig gemacht haben, geschworen, zusammenzubleiben. Wir brauchen keine Partner." Gefehlt hat den Zwillingen nie etwas. Sie hatten sich und ihr Geschäft und waren sich genug.

Und jetzt? "Jetzt sitze ich manchmal allein vor dem Fernseher, bloß, damit ein Ton läuft", sagt Steuer und schluckt. Wenn er durch die gemeinsame Wohnung läuft, meint er manchmal, "der Alfred kommt gleich wieder". Es stehen ja auch überall seine Sachen rum. Wegschmeißen wird Steuer nichts, er will es nicht und "außerdem sind die Sachen gut". Die Zwillinge trugen die gleiche Konfektionsgröße, hatten denselben Geschmack. "Wir waren hin und wieder schön einkaufen in Düsseldorf auf der Kö", erinnert sich Steuer an gemeinsame Besuche bei der Tante dort. Hin und wieder waren sie gemeinsam in Bad Füssing bei der Wellness oder im Casino. Und regelmäßig, wenn sie samstags den Laden dichtmachten, fuhren sie nach Straubing zum Essen. "Hin fuhr ich, heimwärts der Alfred. Immer." Darüber brauchte niemand ein Wort zu verlieren. Die Brüder verstanden sich so. Sie brauchten keine Worte, um zu wissen, was der andere dachte. Wie auch? Sie waren zwei Herzen einer gemeinsamen Seele.

 

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