Großbritannien Keltische Spuren im Norden von Wales

Die teuerste Festungsanlage aus dem 13. Jahrhundert: Conwy Castle am gleichnamigen Fluss. Der walisische Nationalheld Owain Glyndwr schaffte es dennoch, die gewaltige Burg vorübergehend in seine Gewalt zu bringen. Foto: Franziska Meinhardt

Vielleicht hat Rob ja doch recht: Seit unserer Ankunft im englischen Manchester regnet es, aber nun, auf dem Weg in den Norden von Wales, scheint der Himmel am Horizont heller zu werden. Unser walisischer Reiseleiter ist jedenfalls überzeugt davon, dass in seiner Heimat die Sonne scheint. Und tatsächlich: Schon kurz nachdem wir den "Gateway Dragon" neben der A5117 passiert haben, wird der Regen schwächer. Bendigedig, wie die Waliser sagen würden - wunderbar!

Wer Wales besucht, muss sich mit der Tatsache vertraut machen, dass er ein zweisprachiges Land besucht, in dem Englisch zwar gesprochen wird, aber im Zweifelsfall Walisisch als erste Sprache gilt. Man kommt einfach nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen: Schon allein die Ortsnamen - gerne mit dem gefürchteten "ll", bei dem man die Zunge an den Gaumen hinter die Schneidezähne setzt und dann die Luft seitlich vorbeidrückt - sind eine Herausforderung. Die gute Nachricht: Wer deutsch spricht, tut sich mit der Aussprache oft etwas leichter. In Wales lernen viele Kinder zuerst Walisisch und dann Englisch, für viele Waliser ist die eigene Sprache identitätsstiftend. Entsprechend wichtig ist auch das Geschichtsbewusstsein und die Abgrenzung zu England, wenngleich man sich heute auf beiden Seiten versöhnlicher gibt.

Mittelalterlicher Rekordbau: Conwy Castle

Unser erstes Ziel ist die mittelalterliche Stadt Conwy an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Edward I ließ im 13. Jahrhundert einen "Eisernen Ring" von vier mächtige Burgfestungen bauen, zu dem auch Conwy Castle gehört. Ironie der Geschichte: Was einst englischen Königen zur Unterwerfung der walisischen Kelten diente, ist heute ein Touristenmagnet, mit dem sich der kleinste Landesteil von Großbritannien schmücken kann. Den englischen König kostete der Bau bis zu seiner Fertigstellung 1287 stolze 15000 Pfund - nach heutigen Maßstäben 45 Millionen Pfund. Dafür war die Anlage, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, in einer Rekordzeit von vier Jahren fertig und wirkte allein durch ihre Größe abschreckend. Dennoch gelang dem Baumeister James of St. George ein ästhetischer Gesamteindruck. Auf den Schautafeln wird auch des walisischen Nationalhelden Owain Glyndwr gebührend gedacht, der gegen die englische Herrschaft kämpfte und Conwy Castle 1401 einige Monate in seine Gewalt brachte.

Bei der Restaurierung der Innenräume war man darauf bedacht, die Illusion einer Reise ins Mittelalter möglichst perfekt zu machen: In der kleinen Kapelle etwa findet man ein dreiteiliges, leuchtend buntes Bleiglasfenster, auf dem die Auseinandersetzungen zwischen den walisischen Fürsten und mit Edward I geschildert wird, es ist von 2012: Die Künstlerinnen Linda Norris und Rachel Phillips wandten dabei mittelalterliche Techniken der Glasbearbeitung an. In einem der Turmzimmer knistert ein gemütliches Kaminfeuer - das sich als Projektion mit entsprechenden Soundeffekten entpuppt.

Acht runde Wehrtürme begrenzen Conwy Castle, und wer sich über die schmalen, steilen Wendeltreppen ganz hinauf traut, wird mit einem fantastischen Blick unter anderem auf die drei Brücken über den Fluss Conwy belohnt: Neben der modernen Brücke aus dem 20. Jahrhundert eine der ältesten noch existierenden Kettenbrücken von 1826 und rechts daneben die 1849 eröffnete Eisenbahnbrücke, die einzige noch bestehende Hohlkastenbrücke von Robert Stevenson.

Es lohnt sich, auch die Stadt Conwy zu besichtigen - zum Beispiel das kleinste Haus der Welt, das Quay House aus dem 16. Jahrhundert, das sich direkt am Kai befindet und nur eine Grundfläche von 3,10 mal 1,80 Metern hat. Angeblich wohnte bis Mai 1900 ein Fischer in dem Haus, der rund 1,90 Meter groß gewesen sein soll. Vom Quay House ist es nicht weit bis zu einem Aufgang auf die Stadtmauer, auf der man dann bis zum Conwy Castle zurückgehen kann. Der Boden wird zunehmend uneben, je näher man der Burg kommt - festes Schuhwerk ist angebracht.

Neben den allgegenwärtigen Spuren der Geschichte findet man in Nordwales auch viel Erfindungsgeist. Auf Anglesey, der ehemaligen "Insel der Druiden", befindet sich der kleine und inzwischen weltweit berühmte Ort Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch (ja, es gibt eine Abkürzung: Llanfair). Damit ist auch schon gesagt, woher der Ruhm stammt: Im 19. Jahrhundert verlängerte man kurzerhand den Ortsnamen, um mehr Touristen anzulocken.

Seitdem fährt wohl kein Reisebus am schmucken Bahnhof vorbei, ohne dass die Passagiere ein Foto mit einem Schild der Haltestelle gemacht haben. Übersetzt heißt der Ort übrigens: "Kirche der heiligen Maria in einer Mulde weißer Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und der Tysiliokirche bei einer roten Höhle".

Innovativ: Halen Môn stellt Meersalz her

Von solchen charmanten Marketingtricks abgesehen gibt es auch seriöse Innovationen wie "Halen Môn". Das kleine Unternehmen befindet sich am Ufer des Menai Strait, der Meerenge, die Anglesay vom walisischen Felstland trennt. Der Firmenname ist Programm: "Halen" heißt Salz, "Môn" ist Walisisch für Anglesey. 1983 eröffneten Alison und David Lea-Wilson auf Anglesey zunächst den "Sea Zoo", das größte Aquarium in ganz Wales. Mit Freude stellten sie damals fest, dass sich ihre Seepferdchen problemlos fortpflanzten - ein Beleg dafür, dass das Meerwasser von außergewöhnlicher Qualität war. Da der Aquariumsbetrieb als Saisongeschäft für den Lebensunterhalt nicht ausreichte, kam das Ehepaar auf eine weitere Idee: die Herstellung von Meersalz. Ihre erste Salzgewinnung fand noch in der heimischen Küche statt, mit Ausdauer und Wissendurst - sie brachten sich alles Wesentliche selbst bei - schafften es Alison und David Lea-Wilson über die Jahre, sich einen bemerkenswerten Ruf zu erarbeiten. Heute beliefert die Firma unter anderem Spitzenrestaurants wie das The Fat Duck in Bray, Delikatessengeschäfte und angeblich genießt auch Ex-Präsident Barack Obama das walisische Salz in seinen Rauchsalz-Karamellpralinen. Wer Halen Môn besucht, erfährt nicht nur einiges über die Herstellung und Qualität des Salzes, sondern kann auch bei einer Verkostung die feinen Unterschiede zwischen herkömmlichen Salz und dem reinen Produkt feststellen: Salz ist eben nicht gleich Salz.

Küstenwandern auf 1.400 Kilometern

Wer den Ausblick aufs Meer liebt, kommt in Wales voll auf seine Kosten: Auf 1.400 Kilometern führt der Wales Coast Path - weltweit einzigartig - die gesamte Küste entlang. Ein atemberaubendes Stück davon kann man in Nordwales erleben. Im Südwesten der Halbinsel Anglesay startet man am besten vom Parkplatz Newborough Warren & Ynys Llanddwyn. Der 23 Quadratkilometer große Küstenabschnitt mit seinen sandigen Dünen steht unter Naturschutz, von hier aus kann man verschiedene Routen gehen, die auch auf einer Schautafel beschrieben sind.Steht man am Strand, kann man rechts in der Ferne Llanddwyn Island mit dem kleinen Leuchtturm erkennen. Zur Gezeiteninsel geht man gemütlich den Strand entlang (nur bei Ebbe, insgesamt rund sechs Kilometer). Llandddwyn Island ist der walisischen Patronin der Liebenden gewidmet: Im 5. Jahrhundert soll sich die Prinzessin Dwynwen aufgrund einer unglücklichen Liebe als Einsiedlerin auf die Insel zurückgezogen haben.

Im Mittelalter wurde ihre Kirche ein beliebtes Wallfahrtsziel, heute kann man noch Ruinen besichtigen.Zurück am walisischen Festland geht es zu einem weiteren äußerst sehenswerten Küstenabschnitt auf der Halbinsel Llyn, den man bei einem kleinen Spaziergang erschließen kann: Vom National Trust Parkplatz in Morfa Nefyn erreicht man über eine steinerne Treppe den Strand, dann hält man sich links, wo man das winzige Fischerdorf Porthdinllaen in der Ferne sehen kann, das sich in eine geschützte kleine Bucht schmiegt und heute unter Denkmalschutz steht.Einen Zwischenstopp sollte man hier am Ty Coch Inn einlegen: Das Gebäude mit der roten Front wurde 1823 zunächst als Pfarrhaus gebaut und wird seit 1842 als Gasthaus genutzt. Man kann hier essen, aber auch einfach ein Pint auf der Steinmauer am Strand genießen und den Fischern beim Entladen ihrer Boote zusehen.Danach empfiehlt sich der kurze Aufstieg auf den Rücken der Landzunge, von der aus man eine grandiose Aussicht auf die Irische See hat. Zurück geht es am Rande eines Golfplatzes, ebenfalls mit traumhafter Aussicht aufs Meer.

Ein mediterranes Dorf an der walisischen Küste

Ein Konstrastprogramm zur rauen walisischen Küstenlandschaft ist der Besuch von Portmeirion an der Westküste, wenn man die Halbinsel Llyn hinter sich gelassen hat. In dem Ort, dessen mediterran anmutende Häuser in kräftigen, leuchtenden Farben gestrichen wurden, scheint es gleich ein paar Grad wärmer zu sein.Nein, wir sind nicht in Italien gelandet - es ist eher eine Art Disneyland, allerdings ein Fantasiedorf, in dem einige Originale zu finden sind. Architekt Clough Williams-Ellis, der das Dorf von 1925 bis 1975 bauen ließ und sich damit einen Lebenstraum erfüllte, "rettete" Steine, Torbögen, Säulen, Fenster und wertvolle Stuckdecken alter Gebäude, die andernorts abgerissen werden sollten.Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Über Wales hinaus bekannt wurde der Ort 1960 mit der Serie "The Prisoner", die hier gedreht wurde, heute ist Portmeirion eine Touristenattraktion. Der Ort eignet sich für einen Tagesausflug - man kann im Portmeirion Hotel mit Blick auf die Bucht hervorragend essen - ebenso wie für einen längeren Aufenthalt, da man im Ort auch Ferienwohnungen mieten oder Hotelzimmer buchen kann.

Reisetipps für Nordwales Reisetipps für Nordwales

An- und Einreise: Von Deutschland fliegt man am besten nach Manchester, von dort mit dem Auto oder Zug z.B. in das viktorianische Seebad Llandudno oder nach Conwy.EU-Bürger können bis auf Weiteres mit einem gültigen Reisepass oder Personalausweis ohne Visum nach Großbritannien reisen. Weitere Infos erhält man unter www.gov.uk/guidance/visiting-the-uk-after-brexit.

Burgen: Wer Anglesey in Richtung Westen verlässt, kann einen Abstecher nach Caernarfon Castle unternehmen, ebenfalls eine der Burgen von Edward I, der die Tradition begründet hat, hier den jeweiligen englischen Thronfolger zum Prince of Wales krönen zu lassen.

Unterkunft: Ein besonderes, etwas abgelegenes 4-Sterne-Hotel auf der Insel Anglesay: Tre-Ysgawen Hall, 1882 erbaut, hat sich den Charme eines alten Landsitzes erhalten (www.treysgawen-hall.co.uk).

Mitbringsel: Meersalz aus nachhaltiger Herstellung in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen gibt es bei Halen Môn Sea Salt Company, hier können auch Führungen mit Salzverkostung gebucht werden (www.halenmon.com).

Walisisch lernen auf der Halbinsel Llyn: Wer all die schwierigen Namen richtig aussprechen will, kann in malerischer Umgebung noch eine besondere Herausforderung annehmen: Auf der Halbinsel Llyn werden auch Walisisch-Sprachkurse angeboten. Das Dorf Nant Gwrtheyrn wurde ursprünglich als Siedlung für Arbeiter angelegt, die im nahegelegenen Steinbruch Granit abbauten. Heute bietet der abgelegene Ort an der malerischen Steilküste moderne Ferienwohnungen in alten Steinhäusern, ein ausgezeichnetes Café/Restaurant mit Panorama-Terrasse und eine Schule für Walisisch. Ideal, um die zungenbrecherische Aussprache zu üben: Nur ein paar Schafe weiden morgens zwischen den Häusern, gelegentlich springen wilde Ziegen über den Weg - außer dem traumhaften Blick aufs Meer und die zerklüftete Küste gibt es nicht allzu viel, was einen ablenken würde. Weitere Informationen: www.nantgwrtheyrn.org

Weitere Informationen zu Wales: www.visitwales.com

Übrigens: Die Einzelausgabe des ePapers, in dem dieser Artikel erscheint, ist ab 08. Januar 2020 verfügbar. Klicken Sie auf ePaper und geben Ihren Suchbegriff ein. Es werden Ihnen dann alle Ausgaben angezeigt, in denen sich der Artikel befindet.

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