Girls' und Boys' Day Chamer Betriebe wollen mit Klischees aufräumen

Marina Schmid (vorne, links) und Isabella Bauer (dahinter) von der Wirtschaftsförderung mit den Vertretern der Schulen und Betriebe. Foto: Sonja Seidl

Den richtigen Beruf finden ist nicht einfach - noch dazu, wenn es Vorurteile gibt. Etwa jenes, dass Frauen gut im Sozialen aufgehoben sind und Männer lieber etwas Technisches lernen. So antiquiert diese Rollenbilder klingen, sie existieren heute noch.

Lebende Beispiele dafür hat die Gesprächsrunde zum bevorstehenden Girls' Day und Boys' Day kommenden Donnerstag gegeben, zu der Landrat Franz Löffler am Montag ins Landratsamt geladen hatte.

Man nehme Danny Schmuderer. Der Hotelfachmann steht kurz vor seiner theoretischen Gesellenprüfung. In seiner Profession gelandet ist er über einen Umweg: Erst hat er Elektroniker gelernt, dann wechselte er an die Rezeption im Bayerwaldhof Liebenstein. Der hat eine Frauenquote von 68 Prozent, wie Hotelchef Alfons Weiß berichtet. "Das Klischee, dass für Männer in Gastro und Hotel höchstens die Küche interessant ist, besteht noch immer", bedauert er. "Deswegen wollen wir auch den Boys' Day."

37 Unternehmen dabei

Der Aktionstag bietet Schülern und Schülerinnen ab der siebten Klasse Berufsorientierung frei von Rollenklischees. 37 Betriebe aus dem Landkreis machen diesmal mit und bieten 321 Plätze für Interessierte. Die Josef Rädlinger Unternehmensgruppe ist erstmals mit allen Bereichen von Maurer bis Straßenbauer dabei und konnte gleich zwölf Teilnehmerinnen gewinnen, wie Markus Brem berichtet. Mit 19 Teilnehmerinnen etwas weniger als sonst verzeichnet die Zollner Elektronik AG - das noch geltende Hygienekonzept erlaubt nicht mehr, erklärt Thomas Wiederer.

Schnell ausgebucht war das Radio-Bau-Projekt von K+B, der neu am Start ist. Zwölf Teilnehmerinnen zählt Ausbildungsleiter Josef Hausner. Er hofft, dass sich langfristig das veraltete Berufsbild wandelt.

"Elektroniker, das ist nicht unbedingt nur Schlitzstemmen", klärt er auf, "sondern auch Konstruieren und Programmieren". Ein bisschen hat sich schon bewegt. An der Berufsschule ist bei den Elektronikern mittlerweile ein gutes Drittel weiblich, wie Schulleiter Sigried Zistler vermeldet. Hier öffnen die Elektroabteilung und Gastro ihre Türen für Praxisunterricht - eine Anmeldung über die Homepage ist noch möglich. Immer wieder stellt sich dabei heraus, dass junge Frauen in technischen und Handwerksberufen mit besonders guten Leistungen brillieren. Von den vier bis fünf Elektronikerinnen, die K+B in den vergangenen zehn Jahren ausgebildet hat, waren oft Prüfungsbeste dabei. Der Grund: "Sie haben sich bewusst für diesen Beruf entschieden." Das beobachtet auch Roland Schießl von der Handwerkskammer.

Größte Hürde: die Eltern

Auch für Jungs eröffnen sich immer mehr neue Perspektiven. So berichtet Rosemarie Tragl-Kraus von der Kreishandwerkerschaft, dass der Anteil junger Männer in der Friseurbranche gestiegen ist - auch dank der Barbershops. Bei den übrigen Berufen seien noch einige Hemmschwellen abzubauen, etwa das Vorurteil, dass Handwerksberufe körperlich zu anspruchsvoll seien für Frauen. Da habe sich im Zuge der Digitalisierung nämlich einiges verändert.

Ohne aufgeschlossene Eltern geht es nicht, so die Erkenntnis der Runde. Jochen Geiselbrecher vom BRK Seniorenheim Waldmünchen bringt mit seinem Werdegang ein weiteres Paradebeispiel. Auf Anraten seiner Mutter wählte er die Lehre zum Maurer. In der Pflege landet er erst dank des Zivildienstes im Krankenhaus. "25 Jahre ist das her", rechnet er nach. "Seitdem hat sich nicht so viel getan."

Vier männliche Pflegekräfte zählt das Waldmünchner Heim. Auch der Chamer IHK-Chef Richard Brunner ist überzeugt: "Die größte Hürde ist das Elternhaus." Carola Traurig bestätigt seine Theorie. Sie sieht sich an der Marienrealschule regelmäßig mit Rollenklischees konfrontiert - "oft sind die in den Elternköpfen". "Wir müssen wirklich Überzeugungsarbeit bei den Schülern und Eltern leisten, damit sie auch den Zweig besuchen, für den sie sich interessieren."

Landrat Löffler befürchtet, dass aufgrund der Klischees Potenziale verloren gehen, und hält umso mehr fest am weltweit größten Berufsorientierungsangebot, das eine Berufswahl fernab von Rollenbildern fördert.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Schulen. An den Mittelschulen startet die Berufsvorbereitung ab der 5. Klasse, ab der 8. wird es dann konkreter, wie Schule-Wirtschafts-Experte Ingo Fröhlich von der Johann-Brunner-Mittelschule darlegt.

Immerhin: Die aktuelle Lage ist besser als prognostiziert. Im neuen Ausbildungsjahr vermeldet Schießl mit 400 Neuabschlüssen im Landkreis einen Höchststand - trotz Corona und demografischem Wandel.

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