Gesundheit Nachtschicht im Krankenhaus

Der Beruf ist erfüllend, auch wenn er oft anstrengend ist. Gesunde und glückliche Patienten sind für die Pflegerinnen die größte Motivation. Foto: Sven Hoppe/dpa

Durchmachen bedeutet für die meisten jungen Leute Party. Für Nicole heißt das: Nachtschicht. Die 21-Jährige ist Krankenpflegeschülerin in einem Krankenhaus. Wir haben sie bei einer Nachtschicht begleitet.

Freitagabend. 19.47 Uhr. Nicole streift sich das weiße Oberteil über. Sie schlüpft in die weiße Hose, bindet die Haare zu einem Zopf. Während andere Mädchen in Nicoles Alter sich zeitgleich für die anstehende Party fertig machen, zieht sie ihre Arbeitskleidung an. Nicole ist Krankenpflegeschülerin in einem Krankenhaus. Heute hat sie Nachtschicht.

20.30 Uhr. Dienstbeginn. Bevor sich Nicole um die Patienten kümmert, findet die Übergabe statt. Der Spätdienst stellt dem Nachtdienst die Patienten vor. Diagnose, Schmerzen, Medikamente, aktueller Zustand, besondere Ereignisse. Ein lautes Piepsen unterbricht ständig die Besprechung: die Patientenglocke. Immer wieder stehen die Pflegerinnen und Pfleger auf. Sehen nach dem Rechten. Die Übergabe dauert eine Stunde.

Nicole und ihre Ausbilderin Lisa bereiten sich auf den ersten Durchgang vor. Die Auszubildende befüllt kleine Fläschchen mit Flüssigkeiten. Antibiotika, Schmerzmittel, Kochsalzlösungen. Normalerweise müsste sich eine Pflegerin in der Nachtschicht alleine um die rund 35 Patienten auf Station 14 kümmern. Hier werden Menschen mit urologischen und gefäßchirurgischen Krankheiten versorgt.

Im Krankenhaus lernt man, mit dem Tod umzugehen

22 Uhr. Mit einem Wagen gehen die Pflegerinnen von Zimmer zu Zimmer. Geben den Patienten ihre Medikamente, messen die Vitalwerte - also Temperatur, Blutdruck und Puls. Nicole hält zwei Finger an das Handgelenk eines Mannes und schaut konzentriert auf ihre Uhr: "76, das ist in Ordnung." In anderen Zimmern leert sie Urinbeutel oder misst Blutzuckerwerte. Lisa und Nicole stellen sich jedem Patienten vor. Es gibt ihnen Sicherheit, wenn sie wissen, wer nachts für sie da ist.

Den meisten Leuten auf der Station geht es soweit gut, sie dürfen das Krankenhaus bald wieder verlassen. Aber es gibt auch andere Fälle - wie in Zimmer 28. Lisa und Nicole öffnen vorsichtig die Tür. Im Raum ist es still. Nur ein tiefes Röcheln und leises Piepsen sind zu hören. Im Bett liegt ein alter Mann. Angeschlossen an eine Schmerzpumpe. Sie soll sein Leid lindern. Die Augen sind zu. Der Mund leicht geöffnet. Seine Haut: weiß. Die Fingerspitzen schimmern bläulich. Der Mann liegt im Sterben. In solchen Fällen arbeitet Station 14 mit der Palliativstation zusammen.

22.58 Uhr. Der erste Durchgang ist fast geschafft. Lisa und Nicole müssen noch nach einem Patienten sehen. Er macht den Pflegerinnen Sorgen. Der Mann ist bereits 92 Jahre alt. Vor ein paar Tagen wurde ihm ein Zeh abgenommen, er darf das Bett also vorerst nicht verlassen. Das Problem: Der Mann leidet an starker Demenz, er kann sich an viele Dinge nicht mehr erinnern, ist verwirrt. Schon öfter hat er deshalb versucht aufzustehen. Damit würde er sich selbst gefährden. Das Krankenhauspersonal musste ihn deshalb zu seinem eigenen Schutz fixieren. Das heißt: An Armen, Beinen und an der Hüfte wurden Gurte angebracht, die den Mann im Bett halten. Seine Angehörigen sind damit einverstanden. Der Beschluss kam von einem Richter. Nach wenigen Stunden werden die Gurte aber wieder gelöst.

Durch die Zimmertür hört man den Mann schreien. Lisa und Nicole gehen hinein. Der 92-Jährige liegt mit weit geöffneten Augen im Bett, an seinen Lippen klebt Blut. Er hat sich wohl auf die Zunge gebissen. Lisa versucht, mit einem Wattestäbchen den Mund zu säubern, doch der Patient presst seine Lippen fest aufeinander. Dass sie ihm nur helfen will, versteht er nicht.

Mit mehr Personal würden sich viele Probleme lösen

Nach rund drei Minuten verlassen Nicole und Lisa das Zimmer wieder. Mehr Zeit haben sie nicht. "Wir würden uns gerne mehr Zeit für die Patienten nehmen, ihnen zuhören, mit ihnen reden", sagt Lisa. "Das ist der größte Nachteil an diesem Job", ergänzt Nicole. Manche Pflegerinnen und Pfleger auf anderen Stationen arbeiten Spät-Früh-Schichten. Das heißt: Schichtende ist um 21 Uhr, Schichtbeginn am nächsten Tag um sechs Uhr früh. Gäbe es mehr Personal, würden sich viele Probleme von selbst lösen. Mehr Personal würde mehr Zeit für die Patienten und weniger Stress für die Pflegekräfte bedeuten. Es ist ein Teufelskreis, unter dem das Personal und auch die Patienten leiden. Das Krankenhaus arbeitet ständig daran, diese Situation zu verbessern.

23.01 Uhr. Zurück im Stationszimmer. Heute ging der Durchgang schnell. Am Tag zuvor nicht. "Gestern waren wir um halb eins noch nicht fertig. Es reicht ein auffälliger Patient und wir sind die ganze Nacht beschäftigt", erzählt Lisa. Jetzt steht Dokumentation auf dem Plan. Werte, Schmerzen, Auffälligkeiten - all das muss in große Mappen eingetragen werden. Zu jedem Patienten schreiben sie noch eine kleine Anmerkung, so hat es der Frühdienst später leichter.

23.34 Uhr. Die Glocke läutet. Eine Patientin hat schlecht geträumt. 0.52 Uhr. Wieder die Glocke. Eine Patientin muss auf die Toilette. 1.10 Uhr. Glocke. Die Patientin ist fertig.

Nicole sitzt noch an der Dokumentation. Lisa räumt in der Zwischenzeit das Stationszimmer auf. Für eine längere Pause haben die beiden keine Zeit - normal wären 45 Minuten. "Wir essen dann zwischendrin mal schnell was", sagt Lisa. Trotz allem lieben die beiden ihren Beruf. Der Grund ist einfach: "Es ist schön, den Menschen dabei zuzusehen, wie es ihnen von Tag zu Tag besser geht. Wir sehen, dass wir geholfen haben", erklärt Nicole. "In nur wenigen Berufen hat man so viel Verantwortung. Von unseren Fehlern hängt eben die Gesundheit eines Menschen ab." Der Beruf ist erfüllend, auch wenn er oft anstrengend ist. Gesunde und glückliche Patienten sind für die Pflegerinnen die größte Motivation.

Zeit für den zweiten Durchgang. Gleicher Ablauf wie zuvor. Die meisten Patienten schlafen bereits, es ist ruhig auf der Station. Das gelblich-weiße Neonlicht flackert. Die Uhr zeigt 3.04 Uhr.

In knapp drei Stunden ist die Schicht vorbei. Davor machen Lisa und Nicole den letzten Durchgang. Nach und nach trudelt der Frühdienst ein.

6.30 Uhr. Nach der Patientenübergabe an den Frühdienst ist die Schicht für Lisa und Nicole vorbei. Während andere nach einer langen Partynacht nach Hause kommen, fällt Nicole geschafft von der Arbeit in ihr Bett. Die weiße Kleidung liegt schon bereit für die nächste Schicht.

Erfahre hier, was das Gesundheitsministerium zum Pflegenotstand sagt und was die Politik dagegen unternimmt. 

 

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