Brutale Behandlungsfehler Gesunde Zähne gezogen - Prozess gegen Zahnarzt

Der 54-jährige Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal im Amtsgericht. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Er bohrt nicht, sondern zieht gleich: Ein Zahnarzt soll in Hamburg vier Patienten radikal behandelt haben, ohne ihr Einverständnis. Er steht nun vor Gericht und muss mit einer Verurteilung wegen Körperverletzung rechnen.

Im Prozess gegen einen Zahnarzt wegen fehlerhafter Behandlungen an mehreren Patienten will das Hamburger Amtsgericht sein Urteil verkünden.

Die Staatsanwaltschaft hat ein Jahr und acht Monate Haft auf Bewährung gefordert. Zudem soll der Mediziner drei Frauen und einem Mann, denen er zum Teil sämtliche Zähne abschliff oder zog, je 9000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Die Anklage wirft dem 55-Jährigen vorsätzliche Körperverletzung in vier Fällen vor.

Der Zahnarzt habe sie vor der Behandlung nicht oder nur unzureichend über die riskanten Eingriffe aufgeklärt, sagte der Staatsanwalt. Damit habe er seine besondere Vertrauensstellung als Arzt missbraucht. Die Patienten hätten gravierende Folgen und erhebliche Schmerzen erlitten, auch durch weitere medizinische Fehler.

Die Behandlungen erfolgten zwischen März 2009 und November 2010. Nach jahrelangen Ermittlungen hatte das Gericht 2015 einen Strafbefehl erlassen, mit dem der Zahnarzt zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt werden sollte. Dagegen hatte der Angeklagte Einspruch eingelegt.

Der Verteidiger sah in drei Fällen kein strafbares Verhalten seines Mandanten. Zum vierten Fall wollte sich der Anwalt zum Abschluss seines Plädoyers vor der Urteilsverkündung äußern. Zumindest zwei der Patientinnen hätten sich durch die Behandlung ein "Hollywood-Smile" erhofft, sagte Verteidiger. Er zog eine Parallele zur Schönheitschirurgie: "Es gibt vieles, was medizinisch nicht notwendig ist, was aber nicht verboten ist."

Einer heute 58-Jährigen soll der Arzt am Ersten Weihnachtsfeiertag 2009 neben mehreren kranken Zähnen auch zehn gesunde gezogen haben. Die Frau war erst am Heiligabend wegen akuter Schmerzen in die Praxis gekommen. Nach Ansicht des Staatsanwalts war dieser Eingriff medizinisch nicht notwendig. Der Zahnarzt soll für die achtstündige OP in Vollnarkose 18 000 Euro in bar kassiert haben.

Eine frühere Assistentin des Angeklagten hatte als Zeugin ausgesagt, die Patientinnen hätten die radikalen Behandlungen unbedingt gewollt, sich aber nicht an Auflagen wie ein Rauchverbot gehalten oder auch Termine zur Nachbehandlung nicht wahrgenommen. Der Staatsanwalt erklärte zu dieser Aussage, die Zahnarzthelferin habe selbst eine fragwürdige Rolle gespielt und lediglich ihr Tun und das ihres früheren Chefs in einem günstigen Licht darstellen wollen.

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