Gephotoshopt Wie uns Bildbearbeitung beeinflusst

Ein unbearbeitetes Foto kommt uns unnatürlich vor, wir sind Perfektion gewohnt. Foto: Adobe/dpa

Warum schreit die Welt auf, wenn ein nicht retuschiertes Foto eines Models auftaucht? Weil es uns unnatürlich vorkommt. Wir sind Perfektion gewohnt. Was das mit uns macht, erklärt Experte Dr. Benjamin Lange.

Unser Gehirn ist weder für Photoshop noch für moderne Medien gemacht. Beides gibt es erst seit einem Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte. „Wir leben mit einem steinzeitlichen Gehirn in der modernen Umwelt“, erklärt Dr. Benjamin Lange, Dozent für Medienpsychologie an der Uni Würzburg. Menschen haben Schlangen- oder Spinnenphobien, obwohl sie die Tiere kaum sehen. Angst vor Zigaretten, Steckdosen oder Autos wäre sinnvoller. Mit solchen alten, aber bewährten Mechanismen bewerten wir auch Attraktivität und Schönheit. Wenn wir also ein bearbeitetes Bild sehen, weiß das der Verstand. Trotzdem wird unser Belohnungszentrum aktiviert und der Eindruck wird als „echt“ verarbeitet.

Die Augen größer, die Nase schmaler, die Füße schlanker

Vor Shootings werden Models stundenlang geschminkt. Dr. Benjamin Lange weiß, wie die Branche funktioniert: „Dann kommt Photoshop: Beine länger und dünner, Taille-Hüft-Verhältnis anpassen und betonen, Füße kleiner, Augen und Lippen größer, Nase schmaler und kleiner, Hals länger.“ Kaum ein Körperteil, das nicht „verschönert“ wird.

Was steckt dahinter? „Alle manipulierten Körperteile haben Signalwirkung“, erklärt Benjamin Lange. Zum Beispiel die Füße: „Wenn Frauen Schuhe kaufen, kaufen sie diese eher eine halbe Nummer zu klein. Je älter eine Frau wird, desto größer werden die Füße.“ Kleine Füße stehen also für die Jugend. Genauso die Augen. „Die werden mit der Zeit kleiner.“ Große und volle Lippen stehen vermutlich für eine höhere Konzentration des weiblichen Hormons Östrogen und dadurch für Fruchtbarkeit, sagt der Experte. Daher würde auch keine Frau Lippen oder Augen jemals kleiner schminken. Die Beine werden schlanker geschummelt und verlängert. Das vermittelt Gesundheit und das Ideal, schlank zu sein.

Auch Männer tricksen. Die bearbeiten „vor allem Oberarme, machen die Schultern breiter oder die Augen eher kleiner. Aber Frauen sind gefährdeter.“ Warum? „Wenn Männer eine Partnerin suchen, achten sie auf Attraktivität. Frauen achten dagegen auf den sozialen Status“, erklärt der Experte. Beim Photoshop-Problem geht es also um Signale an unserem Körper, die verändert oder verstärkt werden. Den Willen, schön zu sein, hat es immer gegeben. Nur die Technik ist neu.

Vor allem junge Frauen, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, sind gefährdet. Hier herrscht Wettbewerb: Sie vergleichen sich mit Influencerinnen. Das nennt man einen „aufwärtsgerichteten Vergleich“. Da verliert man immer.

Forever alone oder in einer unglücklichen Beziehung

Schutzmechanismen gibt es wenige. „Immer wieder wird diskutiert, ob man bearbeitete Bilder kennzeichnen soll. Ich weiß nicht, was das bringen würde“, sagt Benjamin Lange. „Da ist das Belohnungszentrum zu stark.“ Beim Anblick attraktiver Menschen steigt zum Beispiel der Dopaminspiegel im Blut. Der Experte rät, einen europaweiten Mindest-BMI für Models einzuführen. Damit schütze man die Models und bremse Nachahmer aus.

Was macht die Selbstoptimierung mit unseren Beziehungen? Die Zahl der Singles wächst. „Die Wohnungsnot liegt auch an zahlreichen Single-Haushalten. Früher hat man Anfang 20 geheiratet. Heute will man den oder die Richtige finden“, sagt Dr. Benjamin Lange. Und da sind die Ansprüche hoch: „Das Partner-Überangebot bringt Menschen nicht zusammen. Im Gegenteil, man wertet: zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, Bierbauch, große Nase ...“

Sollte man sich nicht sagen: Wir passen und das reicht?

Sehen vergebene Männer Bilder attraktiver Frauen, sind sie schlagartig unzufriedener mit ihrer Beziehung und fühlen sich nicht mehr so gebunden. Das zeigen Studien. Warum? „Das Gehirn registriert die Vielfalt schöner Frauengesichter und sagt: ,Schau mal, was du für Möglichkeiten hast.‘“

Wie kommt man aus dieser Spirale raus? Dr. Benjamin Lange hat einen Vorschlag: „Indem man jemanden trifft, mit dem man sich besser fühlt als ohne diese Person.“ Denn: Müssen wir diese Schablone anlegen? Sollte man sich nicht sagen: Wir passen und das reicht? „Wir bewerten die moderne Medienwelt mit uralten Mechanismen“, sagt der Experte. Diese Mechanismen müssen heute nicht mehr funktionieren.

 
 

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