Freischreiben Weltverbesserer vs. Corona-Leugner: Anna erkennt drei Arten von Menschen in der Pandemie

, aktualisiert am 04.06.2021 - 13:15 Uhr
 Foto: Boris Roessler/dpa

Corona spaltet die Gesellschaft – das hat Anna Roppelt (19) aus Straubing vor Kurzem an der Supermarktkasse festgestellt. Sie findet sich zwischen Weltverbesserern und Corona-Leugnern wieder. Warum wir wieder mehr zusammenwachsen müssen.

Neulich im Supermarkt: „Mehr Abstand, junges Fräulein, sofort!“, brüllte der Mann vor mir, als ich vor ein paar Wochen an der Kasse stand - natürlich mit FFP2-Maske und dank der Markierungen am Boden und dem Einkaufswagen zwischen uns etwa zwei Meter von ihm entfernt. Grundsätzlich habe ich kein Problem, mich noch weiter von einer Person zu entfernen, wenn diese höflich darum bittet. Mich als erwachsene Frau in einem unfreundlichen Tonfall als junges Fräulein herabzuwürdigen, hat mich verletzt und mir zu denken gegeben. Dennoch bin ich höflich einen Schritt zurückgetreten und habe dem Mann mittleren Alters noch einen schönen Tag gewünscht – ohne ihn darauf hinzuweisen, dass er auch selbst einen Schritt nach vorne hätte gehen können. Nach meiner Begegnung im Supermarkt ist mir klar geworden, dass unsere Gesellschaft mittlerweile aus drei Gruppen besteht.

Gruppe 1: die Weltverbesserer

Die erste Gruppe bilden die Weltverbesserer, zu denen – ohne Frage – auch der Mann aus dem Supermarkt zählt. Für sie sind die Corona-Vorschriften heilig und sie haben sich drei Aufgabenbereichen zugeschrieben, die strengstens von ihnen kontrolliert werden: Abstand, Maske und das Desinfizieren der Hände.

Zur Maske fällt mir eine weitere Begegnung im Supermarkt ein, die sich vor ein paar Wochen zugetragen hat: Eine ältere Frau, um die 90, hat ohne eine Mund-Nasen-Bedeckung den Supermarkt betreten. Die Dame war nicht mal beim ersten Regal angekommen, schon stürmte ein Mann auf sie zu und schnauzte sie in schroffem Ton an, ob sie schon mal etwas von Corona gehört hätte und ob die Beschränkungen der vergangenen Wochen an ihr vorbeigezogen seien. Die Frau war völlig überfordert mit der Situation und wusste offensichtlich nicht, was der Mann von ihr wollte. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Maske, die die Frau an ihrem Handgelenk hängen hatte. Die Dame zuckte beschämt zusammen, setzte ihre Maske auf und entschuldigte sich mehrmals: Sie sei so in Gedanken gewesen, dass sie die Maske völlig vergessen hätte. Sie wollte niemanden gefährden, es täte ihr schrecklich leid. Wortlos, die Augen verdrehend, ging der Mann weg. Eins ist sicher: Die Frau wird nie wieder vergessen, ihre Maske zu tragen, doch hätte man sie nicht auch höflich ansprechen können?

Neben denen, die ihre Maske versehentlich oder absichtlich vergessen, gibt es auch noch diejenigen, die nur ihren Mund, nicht jedoch ihre Nase bedecken. Weltverbesserer mahnen dies mit strengen Blicken, dem Herumzupfen an der eigenen Maske, um den anderen auf sein eigenes Fehlverhalten aufmerksam zu machen, oder dem direkten höflichen oder unhöflichen Ansprechen der jeweiligen Person.

Die Blicke der anderen

Auch die Desinfektionsspender, die inzwischen an jeder Eingangstür von Geschäften und Einrichtungen stehen, sind ein Streitthema. Seine Hände dort zu desinfizieren, ist ein Angebot, keine Pflicht, und dennoch merke ich jedes Mal, sobald ich ein Geschäft betrete und mir dort nicht die Hände desinfiziere, die Blicke der anderen auf mir haften. Selbstverständlich ist das Desinfizieren der Hände wichtig und trägt zur Bekämpfung der Pandemie bei, doch keiner weiß, ob ich mir gerade mit meinem eigenen Spray die Hände desinfiziert habe, ob ich allergisch auf dieses Mittel reagiere oder andere Gründe habe, um das Angebot des Geschäfts nicht zu nutzen.

Seien es die Blicke beim Händedesinfizieren, das Kopfnicken – oder eher Kopfschütteln – beim fehlerhaften Tragen einer Maske oder das provokante Ansprechen, falls zu wenig Abstand gehalten wird: Die Weltverbesserer weisen auf jegliches – auch nur vermeintliches – Missverhalten hin. Ihnen entgeht nichts und es wirkt fast so, als würden sie nach Fehlern suchen und gerade darauf warten, dass jemand etwas falsch macht, um ihn oder sie dann maßregeln zu können. Weltverbesserer zu spielen, ist scheinbar das neue Corona-Hobby unserer Gesellschaft geworden.

Gruppe 2: die Corona-Leugner

Neben den Weltverbesserern gibt es auch noch die, die ihre Maske nicht zufällig, sondern absichtlich vergessen, bewusst am Desinfektionsspender vorbeigehen und gerade absichtlich den vorgegebenen Mindestabstand nicht einhalten. Die Rede ist von Corona-Leugnern. Doch so weit die Spanne vom bewussten Missachten der Vorschriften bis hin zu Corona-Demos und Verschwörungstheorien reichen mag: Ein vermeintlich harmloses „Halt die Luft an, ich will dich schnell umarmen“ widerspricht genauso den Vorschriften und verleugnet Corona wie heimliche Partys.

Die dritte Gruppe

Irgendwo zwischen Weltverbesserern und Corona-Leugner befindet sich die dritte Gruppe. Sie besteht aus denen, die als Einzige versuchen, etwas Positives aus der derzeitigen Situation zu ziehen. Anstatt mit Umarmungen oder Händeschütteln begrüßen sie sich jetzt mit einem Fuß-Check oder einer angedeuteten Umarmung. Auch ich habe versucht, mich dieser Gruppe anzuschließen, und habe, als es noch keine Pflicht für FFP2-Masken gab, immer eine Stoffmaske mit der Aufschrift „I am smiling“ getragen. Bei jedem Einkauf wurde ich mehrmals auf meine Maske angesprochen und auch sonst habe ich immer wieder gemerkt, wie Menschen, die die Aufschrift gelesen haben, unter ihrer eigenen Maske gelächelt haben.

Jeder gehört zu jeder Gruppe

Weltverbesserer, Corona-Leugnern oder die dritte Gruppe: Wo die Weltverbesserer jeden ansprechen, behalten es andere für sich und sprechen es nicht laut aus. Wenn für die einen sogar ein High-Five zu viel Körperkontakt ist, demonstrieren andere ohne Masken auf Demos gegen die für sie überflüssigen Maßnahmen. Und dennoch gehört jeder von uns in gewisser Weise jeder Gruppe an - zumindest in Grundzügen. Oder hast du noch nie verstohlen die Augen verdreht, wenn die Person vor dir die Maske nicht vorschriftsgemäß getragen hat? Im vergangenen Jahr keine haushaltsfremde Person umarmt? Und niemanden angelächelt, obwohl man es mit der Maske sowieso nicht sieht?

Gemeinsam gegen das Virus

Und dennoch: Anstatt Befriedigung darin zu finden, andere für ihr vermeintlich „falsches“ Verhalten zu strafen, sollten wir versuchen, gemeinsam als Gesellschaft das Virus zu bekämpfen. Ob uns harte Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und die Impfung gegen das tödliche SARS-CoV-2-Virus aus der Pandemie führen können, wird sich zeigen. Bis dahin sollten wir jedoch die gegenseitigen Anschuldigungen sein lassen, die aktuellen Vorschriften eigenverantwortlich befolgen und, anstatt das nächste Mal die Person hinter uns an der Supermarktkasse zu demütigen, einfach der Person vor uns ein Kompliment machen. Denn nur wenn wir uns rücksichtsvoll und mit Respekt begegnen, gelingt uns der Weg aus der Pandemie.

 

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