Freischreiben Schön - Eine Kurzgeschichte

"Schön" ist eine weitere Kurzgeschichte von Freischreiben-Autorin Magdalena Wutz. Foto: ccvision.de

Meine Mauer wurde instabil, als ich in den Spiegel sah. Der Beton bekam Risse, bröckelte und einzelne Steine lösten sich. Dann fiel alles in sich zusammen, bis nur noch Bruchstücke und Staub übrig waren. Der aufgewirbelte Dreck brannte in meinen Augen und ich spürte das vertraute Stechen, wenn ich mich ungeschminkt im Spiegel betrachtete. Seit Jahren war ich nicht mehr ohne Make-up vor die Tür gegangen. Ich hatte akzeptiert, dass die Schminke zu meiner Mauer wurde, die bewirkte, dass alle ganz normal mit mir umgingen. Ich wollte ich selbst sein. Auch wenn das bedeutete, dass ich einen Teil, der zu mir gehörte, vor allen verstecken musste.

Heute Morgen hatte ich verschlafen. Ich hatte das neue Manuskript, welches ich gestern zu Ende gelesen hatte, in meine Mappe geworfen, mich innerhalb weniger Minuten fertiggemacht und vergessen, Make-up aufzutragen. Ich blinzelte. Die Erinnerung ließ mein Innerstes zerbersten. Ich schluckte schwer. Es war anders. Ich sah denjenigen Teil von mir im Spiegel, den nie jemand anderes wahrnehmen sollte als ich selbst und meine Familie. Ich wusste, dass er alles ändern würde, wenn ihn meine Arbeitskollegen sahen.

Aus dem Spiegel blickte mich eine junge Frau an. Ihre kakaobraunen Augen musterten mich aufmerksam, ihre Lippen waren leicht geöffnet. Die linke Wange schimmerte rosig. Ich zwang mich, auch die Rechte anzusehen. Die Haut war rot, als würde noch immer das Feuer darauf wüten. Aggressive Flammen. Jene glühende Hitze, die den Schmerz in meine Haut gebrannt hatte, dass ich vom Schreien heiser geworden war. Mein Vater, der mir die Pfanne aus der Hand geschlagen und die Flammen erstickt hatte. Seine Finger, die sich um mein Handgelenk geschlossen hatten, um mich in den Flur zu bringen und meine Verletzungen anzusehen. Meine Schwester, die sich unter dem Tisch in Sicherheit bringen konnte und erst eine Viertelstunde nach dem Unfall zwischen den Stühlen herausgekrochen war, weil sie Angst vor der Reaktion unseres Vaters gehabt hatte. Aber er hatte sie nur an sich gezogen und neben sich auf die Sitzbank gehoben. Ich war auf der anderen Seite gesessen, Papas linken Arm um meine Hüfte, während mich die Notärztin versorgt hatte. Erst später hatte ich verstanden, warum er nie mit uns geschimpft hatte. Er war froh gewesen, dass wir überlebt hatten.

Ich schnappte nach Luft, weil sich die Erinnerungsfetzen so lebendig anfühlten, dass der Sauerstoff meiner Lunge entwich. Und dann tat ich etwas, von dem ich geglaubt hatte, mich nie dazu überwinden zu können: Ich legte einen Finger auf die Brandnarbe, die sich bis zu meinem Kinn hinunterzog. Die Haut war nicht hart, wie ich es erwartet hatte. Sie war weich. Zart. Immer wieder fuhr ich an der samtigen Haut entlang. Das Gefühl setzte sich in mir fest, blieb haften wie Honig an den Händen. Ich hatte das Brandmal noch nie angefasst und immer darauf geachtet, dass ich es nicht streifte. Ich legte einen weiteren Finger an die Narbe, bis ich mich traute, mit mehreren Fingern die Haut zu berühren. Nach einer Weile ließ ich meine Hand sinken. Ich hatte die Narbe angefasst. Nach der Haut getastet. Die Empfindungen dabei in mich aufgenommen.

Ich schluckte und stieg aus dem Auto, während ich mich immer wieder daran erinnerte, wie samtig sich das Brandmal unter meinen Fingerkuppen angefühlt hatte. Doch sobald sich mein Gesicht in der Eingangstür des Lektorats spiegelte, kam mir die zarte Erinnerung sofort hässlich vor und der Stolz in mir, endlich die Narbe berührt zu haben, schien sich in meiner Brust von einer Feder, die mich kitzelte, in ein Messer zu verwandeln, das alles zerfetzte, bis nichts mehr übrig war.

Ich sah weg und drängte die Tränen zurück, als ich das Büro betrat. Ich grüßte, doch niemand grüßte zurück. Stattdessen starrten sie mich an. Sie hatten mich noch nie so gesehen. Ich versuchte, das brennende Gefühl, das sich in meinem gesamten Körper ausbreitete, zu ignorieren, und steuerte die Küche an. Kaffee würde meine erhitzten Nerven beruhigen. Nachdem er durchgelaufen war, entsorgte ich den Filter, nahm das Heißgetränk an mich und drehte mich um. Beinahe hätte ich die Tasse fallen gelassen, weil ich so erschrak. Mein Puls schoss in die Höhe, sodass ich ihn deutlich an meinem Hals spürte. Jonas, der neue Lektor, der erst seit drei Monaten bei uns arbeitete, stand direkt hinter mir. Ich senkte den Blick, weil er direkt auf meine Narbe starrte. Mein Herz verkrampfte sich. Ich wollte mich winden. Seinen Augen entziehen. „Darf ich?“, fragte er und deutete auf meine Narbe. Ich hob meinen Kopf, ohne seinen Blick zu suchen. „Ja.“ Ich war so verwirrt, dass ich nicht genau wusste, wozu ich meine Erlaubnis gegeben hatte. Jonas hob seine Hand auf die Höhe meiner Wange und berührte meine Narbe. Langsam. Vorsichtig. Trotzdem zuckte ich heftig zusammen und riss die Augen auf. Niemand hatte sie jemals angefasst. „Tut das weh?“, fragte er und hielt sofort inne, als er bemerkte, wie sehr ich mich unter seiner Berührung versteifte. Ich schüttelte langsam den Kopf und spürte, wie er sich neben mir entspannte. Jonas lächelte, während er den Finger zurückzog.

Ich nahm seine Augen wahr, die meine aufmerksam musterten. Zum ersten Mal erwiderte ich seinen Blick. Er hatte meine Narbe berührt und mich auf eine Weise ergründet, die so viel über mein Innerstes preisgab, dass ich ihm ein Stück Vertrauen entgegenbrachte. In seiner kräftigen Iris lag etwas Dunkles, Undefinierbares, das durch lange Wimpern eingerahmt wurde. „Sie ist schön. Du solltest sie öfter zeigen“, sagte er kaum hörbar und ging aus der Küche.

Ich danke Stefanie Preuss für die wunderschöne Zeichnung, dafür, dass du meine (schreckliche) Rohfassung von „Schön“ gelesen hast, für die absolut chaotische E-Mail-Kommunikation während des Schreib- und Zeichenprozesses und für die gemeinsame Zeit, in der wir über das Schreiben, Zeichnen und Lesen sprechen konnten. Und zuletzt noch ein Dankeschön für die SMS mit der halben Gänsehaut, auf die ich mit dem warmen Gefühl im Bauch geantwortet habe. Danke!

 
 

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