Freischreiben Nebenjob Krisenlehrer: Louis Gerkensmeyer gibt Nachhilfe übers Internet

Louis bewältigt Abistress und Nachhilfe übers Internet gleichzeitig. Foto: privat

Lateingrammatik, Prozentrechnung, Erörterung – viele Schüler verzweifeln am Home Schooling. Abhilfe schafft ein Mitschüler des Freischreiben-Autors Matthias Keck (18): Der Landshuter Abiturient Louis Gerkensmeyer gibt Nachhilfe übers Internet.

Der Wecker läutet frühmorgens, die Nacht ist vorbei. Zeit also, sich für die Schule fertig zu machen. So sah es bei den Abiturienten in den vergangenen Wochen zwischen dem Unterrichtsbeginn am 27. April und dem Prüfungsstart am 20. Mai aus. Louis Gerkensmeyer, der die Q12 des Hans-Carossa-Gymnasiums in Landshut besucht, befand sich auch mitten im Abiturstress. Für ihn ging es aber bis zum Beginn der Prüfungen morgens nicht immer sofort in die Schule: Da der Unterricht aufgrund der Corona-Krise nur noch in den Abiturfächern stattfand, hatte er an vielen Vormittagen frei. Louis saß deshalb morgens oft vor der Webcam und begrüßte als Nachhilfelehrer seine eigenen Schüler. Er nutzte die Zeit, um sein Taschengeld aufzubessern, und half Schülern niedrigerer Jahrgangsstufen, die Gefahr liefen, in der Schule den Anschluss zu verlieren.

Tageslichtprojektor-Generation

Für so manches Kind war das die Rettung. Zwar wollte der Freistaat Bayern einen wochenlangen Unterrichtsstillstand trotz der Schulschließungen ab dem 16. März verhindern – das Schulwesen aber wurde wie der Rest des öffentlichen Lebens aufgrund der Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt.

Geplant war, dass Lehrer ihre Klassen übers Internet mit Stoff versorgen und Videokonferenzen als Ersatz für den Unterricht organisieren. Was sich nach Aufwind für die Digitalisierung anhört, mündete jedoch oft im Chaos. Während vor allem junge Lehrkräfte die Chancen, online zu unterrichten, für sich nutzten, scheiterten ältere Pädagogen in Einzelfällen sogar am Versand simpler E-Mails, wie Louis aus Erfahrung berichtet. Der Shutdown trieb die Rückstände der Tageslichtprojektor-Generation an die Oberfläche.

Schüler sowie Eltern, denen im Home Office oft selbst die Decke auf den Kopf fällt, waren überfordert und fühlten sich allein gelassen. Auch jetzt noch, wo der Unterricht gestaffelt abgehalten wird. Für den Nachhilfeunterricht von Louis bedeutet die Lage deshalb vor allem steigende Nachfrage.

Schon vor fast drei Jahren gründete der 18-Jährige sein Nachhilfeunternehmen „Louis’ Tutoring“. „Angefangen hat das Ganze mit Lateinnachhilfe. Nach und nach sind dann immer mehr Schüler und Fächer hinzugekommen“, blickt er zurück. Auch seine Motivation hat sich dabei in den vergangenen Jahren gewandelt: „Zu Beginn wollte ich mir neben der Schule nur etwas dazuverdienen und habe nach einer angenehmen Beschäftigung gesucht. Mit der Zeit habe ich allerdings mehr und mehr Freude am Unterrichten und an den Erfolgen meiner Schützlinge entwickelt“, erzählt er.

Nach den zahlreichen Nachhilfestunden, die Louis nun schon gegeben hat, hat sich sein Blick auf Bildung verändert. Er besitzt heute eine wahre Faszination für sie. „Man lernt immer etwas Neues, entwickelt sich ständig weiter.“ Diese Freude am Lernen will Louis weitergeben. Der Job ist für ihn zu einer echten Herzensangelegenheit geworden: „Ich leide zwar mit meinen Schützlingen mit – deren schlechte Noten sind nämlich genauso meine – allerdings freue ich mich auch über ihren Erfolg, als hätte ich ihn selbst erzielt.“

Whiteboards und Kameras

Sich privat zu treffen, um ihnen weiter Nachhilfe zu geben, ist für Louis mittlerweile nicht mehr so einfach möglich wie noch am Anfang des Jahres. Die Umstände in Zeiten von Corona zwangen auch ihn dazu, sein ursprüngliches Unterrichtskonzept neu aufzurollen.

Deshalb stellt er jetzt oft seine Kamera einfach vor ein Whiteboard. Die Schüler können ihm dann an ihren Geräten folgen und die Tafelbilder sehen. „Das ist gar nicht so weit weg vom eigentlichen Präsenzunterricht“, erklärt Louis.

Es gibt auch die Möglichkeit, dass er seinen Computerbildschirm für die Schüler freigibt. Sie können dann zu Hause direkt mitverfolgen, wie er zum Beispiel einen Hefteintrag digital gestaltet.

Louis hat also nicht aufgegeben, als die Corona-Krise über die Welt hereinbrach. Er hat einen Weg gefunden, um weitermachen zu können, und wurde zum Krisenlehrer. Das erfordert Flexibilität von ihm. „Anfangs war es für mich natürlich ungewohnt, nur in eine Kamera hinein zu unterrichten. Für die Lernenden war es auch eine Umstellung. Ich kann nicht mal eben einen Blick ins Heft werfen, sondern sie müssen mir erst ein Foto ihrer Heftseite schicken.“ Mittlerweile aber ist es für ihn Alltag, über das Internet zu arbeiten. „An all das gewöhnt man sich schnell. Immerhin können meine Schüler mich sowohl sehen als auch hören, beinahe wie in einem richtigen Klassenzimmer.“

Briefumschläge und Anrufe

Auch die Handhabung des regulären Unterrichts bekommt Louis aus erster Hand mit, weil er auf dessen Grundlage mit seinem Nachhilfeangebot ansetzt. Einerseits ist er froh, dass Lehrkräfte immer wieder beweisen, wie wichtig ihnen der Erfolg ihrer Schüler tatsächlich ist. Sie arbeiten sich tief in die Möglichkeiten des Internetunterrichts ein, fertigen Power-Point-Präsentationen an oder stellen MP3-Dateien zur Verfügung, mit denen sich die Schulkinder den eingesprochenen Unterricht zu Hause anhören können. Andere befüllten Briefumschläge mit den Unterrichtsmaterialien und fuhren sie während der Kontaktbeschränkungen persönlich aus. Viele seiner Nachhilfeschüler erhielten auch schon den ein oder anderen Anruf von einer Lehrkraft.

Kein Ersatz für Unterricht

„Diesen Pädagogen stehen aber leider viele Lehrerinnen und Lehrern gegenüber, die in all den Wochen der Schulschließungen noch kein einziges Mal versucht haben, eine Onlinestunde durchzuführen“, sagt Louis. „Einfach nur Arbeitsaufträge auf Mebis hochzuladen, ersetzt das Unterrichtsgespräch nicht.“ Louis erhebt an dieser Stelle harte Vorwürfe den Lehrern gegenüber: „Es kommt mir so vor, als würden manche die Krise eher als Ausrede missbrauchen, um für das gleiche Geld weniger leisten zu müssen.“ Er könne hier selbstverständlich nur aus eigener Erfahrung und denen seiner Schüler sprechen. „Doch die fallen recht eindeutig aus.“

Ziel: ein gutes Abi-Zeugnis

Für so ein Urteil verfügt er dennoch über den entsprechenden Weitblick, da er beide Seiten vom Unterricht gut kennt: die des Schülers und die des Lehrers. So kurz vor Ende seiner Schullaufbahn ist jedoch seine Rolle als Abiturient die entscheidende. Sein Ziel ist es, bald ein möglichst gutes Abiturzeugnis in den Händen zu halten. In diesem Sinne beendete Louis an einem Mittwoch, als die Schule für die unteren Jahrgangsstufen noch geschlossen war, gegen Mittag seine letzte Nachhilfestunde für diesen Tag. Er packte seine Schultasche und machte sich auf den Weg zur Musikstunde um 13 Uhr, da er in diesem Fach seine mündliche Abiturprüfung ablegt. Er setzte sich ins Klassenzimmer und hörte dem Lehrer zu.

Danach fuhr er wieder heim, um zu lernen und um den Nachhilfestoff für den nächsten Tag vorzubereiten. Eine Aufgabe, mit der er unserem Schulwesen hilft. Jenem Schulwesen, das auch ihn auf seine Abiturprüfungen vorbereiten sollte.

 

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