Freischreiben-Musiktipp Jazz in Zeiten der Krise: Philipp Nazareth über „Sonic Healing“ von „Bad Stream“

Martin Speer ist als Gitarrist bei „Frittenbude“ bekannt geworden. Seit 2018 macht er auch als Solokünstler unter dem Namen „Bad Stream“ Musik. Foto: Paul Berry

Keine leichte Kost – so beschreibt Philipp Nazareth das Album „Sonic Healing“ von Solokünstler Martin Steer alias „Bad Stream“. Warum es sich trotzdem lohnt, reinzuhören, erklärt der 23-Jährige in seinem Musiktipp.

Gitarrist Martin Steer ist über die Rap- und Punkband „Frittenbude“ bekannt geworden. Seit 2018 macht er auch als Solokünstler unter dem Pseudonym „Bad Stream“ Musik. Vergangenen Herbst hat er sein zweites Solo-Album „Sonic Healing“ veröffentlicht. Der Wahlberliner, der ursprünglich aus Geisenhausen kommt, vereint darauf die Improvisationen zwölf anderer Musiker. Das Ergebnis: ein rundes Album, das sich über fünf Stücke hinweg zwischen Jazz und ambientem Minimal bewegt.

Gewidmet ist „Sonic Healing“ seiner Mutter, die Mitte März einen Schlaganfall erlitt. Das war zu einem Zeitpunkt, als Nähe und Beistand wegen Corona plötzlich zur Hürde wurden. Und genau davon handelt das Album.

Die Farbe der Platte: irgendwo zwischen Gift und Hoffnung

Das Artwork von „Sonic Healing“ kommt ganz in Grün. Entworfen hat es Arash Akbari, ein Künstler aus Teheran im Iran. Die Platte selbst ist in einem Hellgrün gehalten, das irgendwo zwischen Gift und Hoffnung liegt. Gift und Hoffnung, Leid und Heilung – das sind auch die Pole, zwischen denen sich die Musik auf „Sonic Healing“ bewegt.

Nichts Neues, wenn man Martin Steers frühere Werke anhört: Schon im Vorgängeralbum und Debüt „Bad Stream“ ging es darum, sich zurechtzufinden im Digitalen und den Spagat zwischen Langeweile und Überforderung im Internet zu meistern.

Der Musiker hatte ein halbes Jahrzehnt an seinem Erstlingswerk gearbeitet und es 2018 schließlich im eigenen Label „Antime“ veröffentlicht. Das Album kann man, wenn man denn unbedingt will, den Genres Post-Rock oder Industrial zuordnen. Vergleiche mit Trent Reznors „Nine Inch Nails“ oder Thom Yorke von „Radiohead“ sind oft gefallen. „Bad Stream“ war verkopft, aber bei aller Komplexität auch poppig und melodienreich. Dafür sorgten die Stimme von Martin Steer, kühle Drumcomputer sowie Gitarrenriffs.

„Sonic Healing“ hat deutliche Jazz-Einflüsse

„Sonic Healing“ ist im Vergleich dazu organischer geworden. Zur Gitarre gesellen sich unter anderem Geige, Klavier und Fagott. Spätestens wenn das Saxofon einsetzt, eingespielt von Uli Kempendorff, lässt sich der Jazz in „Sonic Healing“ nicht mehr leugnen.

Insgesamt dreizehn Musiker, Martin Steer miteinberechnet, haben für die Platte Aufnahmen beigesteuert. Ausgangspunkt war ein Gitarrenstück, das Steer für seine Mutter aufgenommen hat. Steer hat den Loop an Musiker von überall aus der Welt verschickt und sie gebeten, darauf zu improvisieren. Am Ende habe er alles zusammengebaut, und das ungewöhnlich schnell, erzählt der Musiker in einem Interview, das er der Webseite Bandcamp gab.

Die Songs behandeln Erholung, Rückfall und Verlust

Die Songs von „Sonic Healing“ spielen alle Phasen des Heilungsprozesses von Martin Steers Mutter noch einmal durch. Da gibt es Erholung ebenso wie Rückfall und Verlust. Das macht das Album zu keiner leichten Kost, aber dafür entspricht sie dem Leben. Um der Musik der Platte zu begegnen, braucht es deshalb eine Menge Kraft. Wer sie aufbringt, wird sich auf jeden Fall darin wiederfinden.

Hier gibt es mehr Infos. 

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