Freischreiben Michael Seidl über Urlaub trotz Corona-Krise

Trotz Corona-Krise in den Urlaub fahren? Michael Seidl ist dagegen. Foto: Christian Charisius/dpa

Michael Seidl (21) aus Loiching bei Dingolfing ist genervt, denn viele Deutsche wollen trotz Corona-Krise nicht auf ihren Jahresurlaub verzichten. Doch damit riskieren sie eine zweite Welle. Eine Meinung.

Mich nervt es gewaltig. Mich nervt es, wie stark es meine Mitmenschen ärgert, dass sie in diesem Jahr nicht zum „drölften“ Mal in das gleiche Hotel an der Türkischen Riviera einchecken können. Ja, das Hotelgewerbe hat überall auf der Welt enorme Einbußen zu verzeichnen. Und ja, wir Deutschen sind in vielen Ländern, wie zum Beispiel der Türkei, wohl mit die wichtigste Einnahmequelle der dortigen Tourismusbranche. Aber ich denke, selbst die krisengebeutelten Türken können der Ruhe etwas abgewinnen. Endlich keine Handtuch-Wettrennen mehr am frühen Morgen. Endlich keine Hahnenkämpfe am Mittagsbuffet. Kurzum: Endlich mal keine deutschen Urlauber! Wie schnell wir so korrekten Deutschen unsere höfliche Art ablegen können, zeigt sich schließlich zumeist außerhalb der gewohnten Umgebung.

Eine Chance für Neues

Aber nun mal Spaß beiseite und hin zum ernsten Teil dieses Problems. Muss das eigentlich immer sein? Müssen wir jedes Jahr ins Flugzeug steigen, um unseren ritualisierten Jahresurlaub zu begehen? Ist die Corona-Pandemie nicht die Chance, mal was anderes auszuprobieren?

Viele entdecken in diesen Zeiten zum Beispiel das Caravaning für sich und werden zu Hobby-Holländern. Der Flugreise ist das ökologisch vielleicht nicht weit voraus. Bleibt man damit in Deutschland, sind Infektionsketten jedoch um einiges leichter nachzuvollziehen.

Mehr als Allgäu und Ostsee

Und warum auch nicht Urlaub im eigenen Land machen? Es gibt schließlich auch viele schöne Ecken in der Bundesrepublik. Allerdings besteht Deutschland nicht nur aus dem Allgäu, Bodenmais und der Ostsee, wohin jetzt alle wollen. Der sonst willkommene Strom an Tagestouristen entwickelt sich dort zu einer biblischen Plage. Vielen Anwohnern im Bayerischen Wald wäre wohl eine Insellage ihrer Heimat deshalb aktuell lieber.

Aber warum eigentlich zum Reisen zuhause bleiben? Ganz einfach: Viele beliebte Reiseziele im Ausland sind immer noch mit Vorsicht zu genießen. Neben den ausgeschriebenen Risikogebieten steigen zum Beispiel auch in Kroatien die Infektionszahlen wieder. Ganz zu schweigen von den Vorfällen auf Mallorca. Deshalb frage ich mich, ob wir mit unserem Ritual „Jahresurlaub“ eine zweite Welle herausfordern wollen? Stecken wir noch ein kleines bisschen zurück, können wir vielleicht einen coronafreien Urlaub im nächsten Jahr sicherstellen. Dabei hilft schon ein Urlaub innerhalb Deutschlands.

Außerdem ist es das jährliche Erlebnis von Flugverspätungen nach Palma sowieso nicht wert! Oder doch? Wenn ja, wünsche ich dir viel Freude in deinem erzwungenen Pauschalurlaub. Wenn ich dich bis hierhin schon zum Nachdenken gebracht habe, dann versuche es doch mal mit einem meiner Tipps für den Urlaub daheim (siehe unten).

Wer in Deutschland tatsächlich kein geeignetes Ziel findet, dem empfehle ich alternative Formen des Urlaubs. Damit meine ich nicht Balkonien und Terrassien. Vielmehr denke ich an die Entdeckung alternativer Wohnformen. In einer gewohnten Umgebung zum Beispiel eine Woche in einem „Tiny House“ zu verbringen, erzeugt ebenso ein Gefühl von Urlaub wie eine Reise. Wir suchen ja in der Ferne neben der Entspannung meist auch Abwechslung vom Alltag und genau das bekommen wir dort. Außerdem sind die winzigen Häuser meist beweglich und autark. Somit lassen sie auch eine Auszeit in der freien Natur zu.

Glück ist nicht käuflich

Eins ist klar: Diese Abkehr vom gewohnten Jahresurlaub ist nicht einfach. Und klar ist auch: Das ist nicht jedermanns Sache. 2020 ist aber in keiner Hinsicht einfach und erst recht nicht gewöhnlich. Bisher waren wir Deutschen wohl immer das Inventar der Hotels. Vielleicht ist die Krise jetzt die Inventur. Denn es ist nicht nur so, dass wir uns die Frage stellen, ob wir diese Art des Tourismus wirklich brauchen. Die Gastgeber fragen sich genauso, ob sie diese Art des Tourismus überhaupt noch wollen. Die Krise hat nämlich gezeigt, dass Glück nicht käuflich ist. Und überlaufene Touri-Hochburgen spenden Einheimischen so wie Touristen schon längst keine Freude mehr.

 

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