Freischreiben Matthias Keck über Powerfrau Tina Turner

Die Sängerin Tina Turner ist eine der größten Popikonen der Welt. Die heute 80-Jährige ist bekannt für Hits wie „What’s Love Got to Do with It“ oder „The Best“. Foto: Britta Pedersen/dpa

Stark und laut: Popikone Tina Turner hat in ihrer Karriere viele Höhen und Tiefen erlebt. Matthias Keck (18) aus Frauenberg bei Landshut ist beeindruckt von ihr. Er zeigt, was die Powerfrau ausmacht.

Der YouTube-Algorithmus ist manchmal wie eine magische Kraft, die aus den unendlichen Weiten des Videoclip-Ozeans unerwartete Schätze hervorholt. So war es auch, als auf meiner Startseite plötzlich die Veröffentlichung einer amerikanischen Talksendung aus dem Jahr 1997 von CNN auftauchte. Moderatorenlegende Larry King spricht in dem Beitrag mit der heute 80- und damals 55-jährigen Musikerin Tina Turner. Die Gesprächsthemen traten in den Hintergrund, denn die Frau an sich hat mich durch ihre Präsenz und Energie sofort erobert. Was ist das für eine authentische Dame mit faszinierender Ausstrahlung? Ich wollte mehr über sie erfahren.

Die Songs von Tina Turner aus den 80ern kennt man. Ihre starke Stimme, mit der sie einem die Worte „You’re simply the best!“ kratzig und laut, aber immer noch anmutig um die Ohren haut, ist unverkennbar. Erst 1984, nach vielen Jahren im Showbusiness, kam ihr großes Erfolgsalbum „Private Dancer“ heraus und stürmte mit seinen Singles die Charts. Tina Turner gilt heute mit ihren 180 Millionen Single- und Album-Verkäufen als eine der international erfolgreichsten Musikerinnen. Doch Ruhm und Glück waren ihr nicht immer vergönnt. Die Geschichte der Anna Mae Bullock, als welche sie 1939 geboren wurde, ist die einer unermüdlichen Künstlerin, die mit nichts dastand und doch zu einer der ganz Großen wurde. 

Hitsingles und Ehehölle

Die Tochter aus einer zerrütteten afroamerikanischen Familie wuchs ohne Privilegien auf. In Tennessee der 1940er Jahre war Rassentrennung noch gesetzlich geregelt und Rassismus bestimmte den Alltag. Heimlich schlich sich die junge Anna Mae in Discos, um in das Nachtleben zu entfliehen. Ihr Talent wurde dort bei einem Vorsingen von ihrem späteren Ehemann Ike Turner entdeckt. Er nahm sie in seine Band auf und vermarktete ihr gewaltiges Potenzial. In einem Interview einer CBS-Sendung mit der Moderatorin Gayle King von 2018 sagte Tina Turner, er hätte damals schon „die volle Kontrolle“ über sie gehabt. Sogar den Namen seiner damaligen Liebespartnerin änderte Ike und gründete damit das Musikduo „Ike and Tina Turner Revue“. Chartplatzierungen Anfang der 60er sowie erfolgreiche Tourneen brachten ihnen immer mehr Anerkennung ein. Auch privat wagten sie den nächsten Schritt und heirateten 1962.

Das vermeintliche Eheglück aber sollte sich schnell zur Hölle für Tina entwickeln. „Er behandelte mich schlecht, da er auf mich angewiesen war“, begründete sie das Verhalten von Ike in dem CBS-Interview. Sie stellte mit ihren Tanzbewegungen und ihrer überragenden Stimme ihren Mann in den Schatten, was er nicht ertragen konnte. Die Washington Post schreibt in einer Buchkritik zu ihrer neuen Biografie, dass Ike seine Frau nicht nur mental demütigte, indem in seiner Villa nebenan drei seiner Geliebten wohnten, sondern er wurde auch gewalttätig. Er schüttete ihr heißen Kaffee ins Gesicht, brach ihren Kiefer und verpasste ihr immer wieder blaue Augen.

1974 schaffte es Tina endlich, der Qual zu entkommen. Nachts stahl sie sich aus dem gemeinsamen Hotelzimmer davon und gab damit ihr gesamtes Leben auf. Sie war ab diesem Moment mittellos und an einem völligen Nullpunkt angelangt, der gleichzeitig einem Neuanfang gleichkam.

Streit um den Künstlernamen

Zunächst musste sie sich die Rechte an ihrem Künstlernamen von Ike erstreiten und sich jahrelang durch Auftritte in Casinos über Wasser halten, bis sie 1983 von Capitol Records für ein mögliches Comeback wiederentdeckt wurde. Lothar Meinerzhagen, der damalige Europachef des Musiklabels, beschrieb Tina Turner in einer Radiosendung des SWR im vergangenen Herbst als unerschütterlich. „Von der ersten Sekunde an“ sei er begeistert gewesen. Nie habe er jemanden kennengelernt, der so fokussiert war wie sie. Sie selbst kämpfte gegen anfängliche Skepsis bei Radiosendern und innerhalb der Plattenfirma an und nahm mit beinahe 40 Jahren ihr Album „Private Dancer“ auf.

Eigentlich war dieses Album als Comeback geplant. Da es aber ihre vorherigen Erfolge bei Weitem überstieg, wurde es viel mehr als das. Es war der Auftakt für jene Tina Turner, als die man sie heute kennt: die „Queen of Rock“, die mit ihren langen Beinen und schwindelerregenden Haarsprayfrisuren durch Musikvideokulissen schreitet und auf der Bühne jeden Zuschauer zum Mitsingen zwingt.

Tina brachte in den folgenden Jahren weitere acht Studioalben heraus, lieferte unzählige Hits, darunter 1985 „We Don’t Need Another Hero“ oder „The Best“ von 1989 und sang Mitte der 1990er sogar den James-Bond-Titelsong „Golden Eye“. Zudem wurde sie mit mehreren Grammys ausgezeichnet und füllte Stadien überall auf der Welt. Erst 2009, kurz bevor sie 70 wurde, beendete Tina mit einer letzten Konzertreihe ihre Bühnenkarriere – in High Heels und hautengem Lackkleidchen. Videos ihrer legendären Performances, in denen sie immer noch als musikalischer Vulkanausbruch voller Energie begeistert, erreichen im Internet millionenfache Klicks.

Entschlossenheit und Charisma

Tina Turners Geschichte führt uns allen vor Augen, wie ein Mensch mit erbitterter Entschlossenheit und herzerwärmendem Charisma allen Widrigkeiten trotzen kann. Als schwarze Frau der rassistischen USA kämpfte sie sich nach oben. Sie hielt die Schläge ihres Mannes aus, startete dann – besitzlos und traumatisiert – neu durch und krönte sich selbst in ihrem Lebensherbst durch einen erneuten Steigflug. Und jetzt? Das wirklich Besondere an ihrem Werdegang ist das Leben, das Tina Turner heute führt. Vor 26 Jahren zog sie nach Zürich. Seit 2013 ist sie glücklich verheiratet mit dem ehemaligen Musikmanager Erwin Bach. Er ist ihre große Liebe und steht ihr treu zur Seite. Mit ihm musste sie auch schon eine schwere Nierenkrankheit überstehen, die sie nur durch die Organspende ihres Ehemannes überlebte. Außerdem musste sie 2018 den Selbstmord ihres damals erst 59-jährigen Sohnes Craig verkraften. Die Liebe zu Erwin und ihr buddhistischer Glaube geben ihr in solchen schweren Momenten Kraft. Tina scheint ihren Frieden gefunden zu haben und mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

„Ich hatte es satt, zu singen“

Im Interview mit Gayle King berichtet Tina auch vom Ende ihrer letzten Konzerttour. „Ich nahm einen tiefen Atemzug und sagte: ,Es ist vorbei!‘ Und ich bin froh, dass es vorbei ist!“ Tina Turner musste viele Jahre ihres Lebens stürmische Seen durchqueren. Nun hat sie ihren Anker gelichtet und ruht im sicheren Hafen. „Ich hatte es einfach satt, zu singen und jeden glücklich zu machen“, offenbarte sie im vergangenen Jahr einer Reporterin der New York Times. Sie selbst ist jetzt glücklich. Und ich gönne es ihr von Herzen.

Unzählige andere Popikonen ihres Kalibers haben das nicht geschafft. Karriereende, Absturz, Drogentod. Die dramatischen Schicksale zum Beispiel von Michael Jackson oder Whitney Houston können als Mahnung verstanden werden, Tina Turners Geschichte hingegen als Lehrbeispiel: Wisse, wann du alles geben musst, und wisse ebenso, wann es Zeit ist, aufzuhören.

 

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