Freischreiben Smartphone kaputt: Matthias Keck über digitales Zwangsfasten

Was nach dem Sturz zurückblieb: das kaputte Smartphone von Matthias Keck. Foto: privat

Und plötzlich ist das Display zerbrochen: Matthias Keck (17) aus Frauenberg bei Landshut musste einige Wochen auf sein Handy verzichten. Wie er diese Zeit überlebt hat.

Sind wir ehrlich: Wer kennt ihn nicht? Den Moment, in dem man glaubt, das Handy sei verschwunden. Atemnot, Schweißausbrüche, Herzstillstand - alles gefühlte Symptome, die in einem solchen Ausnahmezustand auftreten. Wie sollen wir denn auch ohne die kleinen Computer in unseren Hosentaschen überleben? Sie haben einen einmaligen Siegeszug auf dem Weltmarkt hinter sich und dominieren heute viele Bereiche unseres Lebens. Doch: Haben unsere Eltern Recht? Sind wir, die Jugend von heute, vielleicht zu abhängig von unseren Handys? Die Antwort darauf erhält man, wenn man tatsächlich einige Zeit ohne auskommen muss - so wie ich.

Ein Monat ohne Smartphone

Ziemlich genau drei Jahre lang hat mir mein Handy beste Dienste geleistet, bis das passiert ist, was passieren musste: Mit dem Display nach unten ist es auf das harte Steinpflaster geknallt. Mit dem zerdepperten Teil ging es in die Reparaturwerkstatt. Dort stellte sich heraus, dass auch die Ladeelektronik hinüber war. Ein neues Handy hatte ich erst ungefähr einen Monat später.

Es ist ein bisschen wie beim Campen. Plötzlich liegt einem das Alltäglichste ungemein am Herzen. Wie ein Kaffee, der beim Drücken aufs Knöpfchen ganz von allein in die Kanne fließt. Den Luxus im Leben erkennt man nämlich erst, wenn er fehlt. Der Luxus namens iPhone fehlte mir definitiv.

Die kleinen Dinge fehlen

Bei mir fängt das schon zu Beginn des Tages an. Wer reißt mich frühmorgens aus dem Schlummerland? Natürlich meine Wecker-App. Ohne Handy bleibt für diesen Job nur noch Mama übrig. Danach: raus aus den Federn, ab in die Dusche, schnell zum Bus.

Eigentlich scrolle ich dabei durch meinen Instagram-Feed. Wer will denn schon 30 Minuten lang Löcher in die Luft starren? Ich frage mich, was die Leute vor 20 Jahren getan haben, wenn sie im Bus saßen.

Viele der kleinen Angelegenheiten, die mit dem Smartphone schnell zu lösen sind, gehen mir wirklich ab: der schnellste Weg zur Adresse, an der ich für den Abend verabredet bin. Der Songtitel, den ich aufgrund eines Ohrwurms dringend hören muss. Die Öffnungszeiten des Italieners, der die besten Rigatoni Rosé auf diesem Planeten macht. Das alles tippe ich eigentlich in die Google-Suchzeile ein. Und weiß dann wenige Sekunden später Bescheid. Ohne diese Möglichkeit bin ich oft heillos aufgeschmissen.

Was sehr genervt hat

Höchst schmerzlich war vor allem der Musikentzug. Ich besitze keine Platten, Kassetten oder CDs mit den Liedern, die ich gerne höre. Am PC über YouTube Musik zu hören, funktioniert leider nur zuhause und nicht unterwegs. Radio wäre noch eine Alternative. Nur: Wie soll ich denn bitte dabei das eine nervige Lied aus den Top-10-Charts überspringen? Am Handy habe ich Zugang zu unbegrenzter Musik. Für jede Stimmungslage, für jeden Anlass. Ich kann bestimmen, was ich höre. Ohne meine geliebten, sorgfältig ausgewählten Playlists ist alles viel langweiliger: Zimmer aufräumen, schlichtes Warten, daheim helfen. Neben der Musik, dem Langeweile-Killer Nummer eins, lasse ich mich normalerweise auch vom unendlichen Angebot an Serien und Filmen auf Prime Video oder Netflix berieseln. Ohne Smartphone fällt auch das weg.

Das Highlight jeder Schulwoche: Wochenende. Freitagabends sehen sich die wenigsten Serien an. Man steht mit einem roten Becher vor einem Biertisch, sitzt in einer Bar oder geht steil im Club. Am nächsten Morgen kann jeder sehen, wie der Abend der anderen abgelaufen ist. Bilder von schlafenden Jungs, die am ganzen Oberkörper bemalt werden, Videos von ausgelassen tanzenden Abiturienten und Spiegel-Selfies im Kneipenklo. Ohne Handy fühlt man sich ziemlich isoliert. Nicht nur die Fotos, die man sich nach der Party ansehen kann, fehlen. "Wo genau seid ihr? Ich finde euch nicht." - Alltägliche Nachrichten wie diese konnte ich nicht schnell mal versenden. Alle anderen waren über Whats-App-Gruppen vernetzt. Nur ich war darauf angewiesen, die Infos anderweitig einzuholen.

Vorteile des Verzichts

Wie man vielleicht erahnen kann: Ich war unglaublich angefressen, kein Handy zu haben. Jetzt bin ich aber sehr froh über diese Erfahrung. Ich bin ein Handyjunkie. Das wurde mir bewusst. Von dieser abartigen Sucht wurde ich eine Weile lang losgerissen. Gegen Ende meiner smartphonefreien Zeit musste ich morgendlich von Landshut nach Straubing zu einem Praktikum fahren. Dabei kam ich drauf, was man in den Jahrzehnten vor meiner Geburt während des Stillsitzens auf einem Sessel tat: Man hat Zeitung gelesen. Ich selbst lese sehr gerne Zeitung, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, das auch in der Öffentlichkeit zu tun. Wer macht das schon? Das Zeitunglesen ist im Stadtbild quasi ausgestorben. Es findet höchstens noch am Frühstückstisch statt. Ich fühlte mich wie aus der Zeit gefallen, als ich am Bahnsteig oder auf dem Platz im Waggon meine Zeitung auspackte. Dennoch fand ich Morgen für Morgen mehr Gefallen daran. Heute fahre ich ohne Zeitung nirgends mehr hin. Zeitunglesen ist die perfekte Beschäftigung für unterwegs.

Zwischenmenschliche Kontakte

Während ich also eine neue Angewohnheit für mich entdeckte, ist mir aufgefallen, wie unnötig die ständigen, routineartigen Griffe zum Handy sind. Keiner redet mehr miteinander. Jeder schaut nur noch auf den Bildschirm, um die kleinen Problemchen des Alltags zu lösen. Das ist eine Gepflogenheit unserer Generation, die uns ganz schön unsozial macht. Nach einiger Zeit ohne Handy habe ich aus der Not heraus angefangen, Dinge zu tun, an die ich mit Smartphone gar nicht gedacht hätte. Mir zum Beispiel von Anwohnern den Weg erklären lassen. Wir sollten viel öfter auf Fremde zugehen und uns von ihnen Hilfe holen. Der Großteil reagiert freundlich. Sofort entsteht ein Gespräch, ein zwischenmenschlicher Kontakt.

Die Möglichkeit der 24-Stunden-Unterhaltung treibt unsere unsoziale Ader auf die Spitze. Wir verkriechen uns, meist mitten am Nachmittag. Ab ins Bett, schnell unter die Decke. Dann geht's los: Direkt hintereinander sehen wir uns eine Serienepisode nach der anderen an. Ohne mediale Dauerüberflutung wird der Genuss des Musikhörens oder Serienschauens viel intensiver. Wenn ich mich wirklich mal vor den Computer gesetzt habe, um diesen einen Track zu hören oder wenn mir ein Lied im Radio so richtig gefallen hat, konnte das sogar einen Tag retten. Musik wurde ein ganzes Stück außergewöhnlicher. Das Gleiche ist auch mit Serien und Filmen passiert.

Mit Freunden habe ich mich übrigens ohne Handy trotzdem noch getroffen. Auf Partys habe ich all das, von dem andere Bilder und Videos gemacht haben, ebenfalls miterlebt. Ich hatte nur keinen Zugang zu meiner Online-Präsenz. Wirklich ausgeschlossen war ich dadurch nie. Es führte dazu, dass ich viel mehr Spaß im Moment hatte. Ich konnte zudem erkennen, wem es wichtig ist, mich dabeizuhaben. Es gab Leute, die mich tatsächlich zu Hause über das Festnetz angerufen haben, um das Wochenende zu planen. Das sind wahre Freunde.

Leg dein Handy weg!

Fasten ist für Körper und Geist wohltuend und befreiend. Wir lieben leckeres Essen. Doch stellen wir die Völlerei ein, so merken wir schnell, dass wir uns und unserer Gesundheit etwas Gutes tun. Genauso kann es mit einem bewussten Smartphone-Verzicht sein. Kein Gebimmel, kein latentes Verpflichtungsgefühl, ständig auf das Display zu glotzen. Und weder Atemnot noch Schweißausbrüche oder Herzstillstand, wenn das Gerät mal verschwindet. Der Verzicht gleicht einem Befreiungsschlag. Es mag bei mir zwar ein unfreiwilliges Zwangsfasten gewesen sein, aber seitdem sage ich mir selbst immer wieder: Leg dein Handy weg!

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