Freischreiben Kriegserinnerungen: Matthias Keck über die Kindheit seiner Großeltern

Matthias mit seinem Opa Hans, circa 2006. Foto: privat

Die Kindheit unserer Großeltern erscheint heute wie aus einer anderen Welt. Deshalb wollte sich Matthias Keck (18) bei einem Gespräch mit seinem Opa und seiner Großtante in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hineinversetzen. Eine Sammlung von Erinnerungen.

Mein Plan lautet: Ausmisten. Plötzlich halte ich ein kleines Heft in der Hand, auf dem „Was unsere älteste Generation von früher erzählen kann“ steht. Es handelt sich dabei um einige Jahre alte Notizen zu einem Gespräch mit meinem Opa und meiner Großtante. Ich erinnere mich gut, vor welchem Hintergrund ich mir damals in den Kopf setzte, ein Interview mit den beiden zu führen.

Kindlicher Wissensdurst

Ich besuchte zu dieser Zeit die Mittelstufe. Während wir in der Schule über Anne Frank sprachen, drängte sich mir die Frage auf, wie die einfachen Leute in meinem Heimatdorf Frauenberg den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Ich wollte den Blick auf meine eigene Familie richten. Denn ich kann zwar vieles im Geschichtsbuch nachlesen, wie sich der Krieg aber hautnah angefühlt hat, wissen nur die Ältesten um mich herum. Deshalb platzte ich vor einigen Jahren, ausgestattet mit Bleistift und Notizblock, in das Haus meiner Großtante. Mein Opa saß mit ihr am Esstisch der Stube, denn die beiden aßen stets gemeinsam zu Abend. Ich überfiel sie mit meinem kindlichen Wissensdurst und wollte ihre Erinnerungen zu Papier bringen. Als der Krieg ausbrach, war meine Tante, wie ich sie vereinfacht nenne, elf, mein Opa sieben Jahre alt. Aus meinen Notizen entstand das kleine Heft. In dessen ersten Teil beschreiben mir beide, was die gravierendsten Unterschiede ihrer Kindertage zu meinem Aufwachsen sind. Sie lebten damals ärmer als wir heute – mit Plumpsklos statt Toilettenspülungen, ohne elektrisches Licht, sondern mit Petroleumleuchten und ohne Fernsehen oder Internet. Ebenso hatten sie keine Autos. Besonders ernst: die medizinische Versorgung. Krankheiten, die mittlerweile fast ausgemerzt sind, raubten damals vielen Kindern das Leben. So musste auch die Schwester der beiden, das Reserl, bereits im Kindesalter sterben. Das hat meine Tante nie losgelassen, wie sie erzählt: „Als unser Vater das Mädchen in ein Deckchen wickelte, sie auf den Arm nahm und mit ihr das Haus verließ, um sie ins Krankenhaus zu bringen, war das der letzte Augenblick, in dem ich sie lebend zu Gesicht bekam. Der Moment hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, auch wenn ich damals noch ein Kleinkind war.“

Auf Hab und Gut achten

Demgegenüber steht all das, was mein Opa und meine Tante heute vermissen. Das Familienleben war zum Beispiel viel ausgeprägter – zumal eine Familie damals mehrere Generationen und viele Kinder umfasste. „Es war ganz normal, sich bis zum Tod um seinen alten Vater zu kümmern“, blickt meine Tante zurück. Vor allem bemängeln die beiden den Bezug zum Materiellen in meiner Generation. „Was ist ein Paar Socken heute noch wert? Keiner spart sich das Geld und stopft mühsam die Löcher. Wir mussten auf unser Hab und Gut achten“, sagt meine Tante. Mein Privileg, eine umfassende Schulbildung, schätze ich ähnlich wenig wert wie meine Socken. Mein Opa hingegen liebte die Schule – auch wenn die Kinder damals von ihren Lehrern nicht mit Samthandschuhen angefasst wurden. Wer mit dreckigen Fingernägeln zum Unterricht erschien, konnte sich auf einen Satz mit dem Lineal einstellen. Trotzdem hörte mein Opa dem Lehrer gerne zu. Dass die Schule nach der achten Klasse endete und der Ausbruch des Krieges den Unterricht für ihn vorher schon verhinderte, bedauert er: „Ich kam mit weniger Wissen aus der Schule als deine Generation aus der vierten Klasse.“

Nicht nur den Unterrichtsausfall zog der Beginn des Krieges mit sich. Er veränderte das gesamte Leben drastisch. In dem Gespräch befragte ich die beiden zu ihren Empfindungen nach dem Ausbruch: „Wir weinten sehr oft bitterlich. Brüder, Väter und Ehemänner fielen. Das war eine Katastrophe. Mütter standen mit all ihren Kindern alleine da, ohne einen Mann, der die Versorgung der Familie sicherte. Trotzdem musste es weitergehen. Irgendwie.“ Von Todesfällen an der Front blieb ihre Familie verschont.

Die größte Angst hatten die beiden vor Bombenangriffen. Als München bombardiert wurde, bekamen mein Opa und meine Tante das mit, obwohl sie sich 80 Kilometer entfernt in Frauenberg befanden: „Am Horizont leuchteten die Explosionen hell auf. Während wir in die Ferne blickten, wussten wir, dass unzählige Menschen im Schutt der Großstadt ihr Leben lassen würden.“ Sie konnten die meisten Kriegsjahre über froh sein, dass ihre nähere Umgebung von Bombenangriffen verschont blieb.

Bombenangriff auf Landshut

In den letzten Monaten des Kriegs aber führten die Alliierten auch Luftangriffe auf den Landshuter Bahnhof durch. Die Erinnerungen daran sind für mich mit Abstand die eindrucksvollsten. Kampfpiloten flogen während der Kartoffellege 1945 direkt über die Felder, auf denen meine Tante und mein Opa mit ihren Eltern arbeiteten. „Wir konnten den Männern in die Augen sehen, so nah kamen sie uns. Außerdem spürten wir, wie die Flugzeuge den Staub am Boden aufwirbelten und fürchterlichen Lärm verursachten“, erinnern sie sich. Ihr Vater, ein Soldat des Ersten Weltkriegs, beruhigte sie. Er war sich sicher, als Bauer auf dem Feld für die Kriegsbomber nicht von Interesse zu sein. Er sollte Recht behalten. Ich kann wohl nur erahnen, welche Todesängste die beiden ausstehen mussten.

In den letzten Zeilen des Hefts steht die Frage, ob die beiden die Zeit noch mal durchleben wollen. Ihre Antwort ist klar: „Nein! Noch einmal wollen wir das nicht erleben. Aber wir begeben uns in Gedanken dennoch gerne dorthin zurück.“

Es fällt sicher nicht allen Großeltern leicht, über ihre bewegte Vergangenheit zu sprechen. Aber auch denen, die es selten tun oder dem Thema sogar ausweichen, könnte es guttun. Damals gab es keine Therapiesitzungen, die Traumata mussten geschluckt werden. Ich habe bei meinem Opa und meiner Tante ein Gefühl der Befreiung festgestellt, wenn sie ihre Erlebnisse loswerden konnten.

Wir, die Enkelgeneration, sollten die direkten Erinnerungen unserer Großeltern bewahren. Mein Opa ist Anfang 2018 und meine Tante im Herbst 2019 verstorben. Der Gedanke, in dieser Welt kein einziges Wort mehr mit ihnen wechseln zu können, bricht mir das Herz. Umso schöner ist es, ihre Worte aufgeschrieben zu haben. Wenn ich durch die Seiten des Hefts blättere, schließe ich ab und an meine Augen, wecke die Erinnerungen an sie und lausche ihrem Leben.

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