Freischreiben Matthias Keck über die entschleunigten Tage während Corona

Egal wie schlimm die Corona-Krise ist - wir müssen das Beste aus ihr machen, findet Matthias Keck. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Keine Schule, späteres Abitur, weniger Stress – das Coronavirus hat auch einen Vorteil: entschleunigte Tage. Aber darf man diese auch auskosten? Matthias Keck (18) aus Frauenberg bei Landshut findet: Ja! Eine Meinung.

Die Corona-Krise hat ihren Höhepunkt wahrscheinlich noch nicht erreicht, aber die Auswirkungen der Pandemie haben den Sprung vom fernen Ostasien bereits direkt vor unsere Türschwellen geschafft. Das Virus dringt nun immer mehr in unser Leben ein. Gibt es in diesen tragischen Tagen trotzdem noch einen Anlass zur Freude? Und wenn ja: Dürfen wir uns angesichts dieser weltweiten Katastrophe überhaupt noch freuen?

In New York werden Kühllastwagen für den Lebensmitteltransport zur Lagerung von Leichen eingesetzt. In São Paulo hat man ein Fußballstadion zu einem "Lazarett" für Covid-Kranke umfunktioniert. Und in Bergamo sind Kolonnen an Militärfahrzeugen zu sehen, welche die Verstorbenen abtransportieren. Diese Bilder brüllen uns förmlich an mit der Botschaft: "Es ist ernst!" Und sie machen uns eins klar: Das ist keine Zeit der Freude.

Wie im Krieg

Eine befreundete Krankenschwester, die auf der Corona-Station des Landshuter Klinikums arbeitet, beschreibt die Atmosphäre im Gesundheitssystem als Krieg. Und Virologen sind sich weitgehend einig, dass dieser Krieg noch schlimmer werden wird. Um den Systemzusammenbruch abzuwenden, muss die politische Führung drastisch handeln. Also sind wir jetzt alle gezwungen, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Das öffentliche Leben, Kultur und Wirtschaft befinden sich deshalb im "Wachkoma". Am Ende bleibt eine klaffende Wunde, die die Pandemie hinterlassen wird: Unsere Exportnation steckt dann im tiefen Loch der Rezession, der Jobverluste und der zerstörten Existenzen.

Das Chaos bringt für den Einzelnen aber auch etwas anderes mit sich: Ruhe und Frieden. Kein Stehen im Stau, kein Freizeitstress, keine Bars oder Clubs, kein Restaurant und kein Café. Keine Partys, keine Schule. Viel Zeit für sich - das kann eine wunderbare Chance sein.

Gerade für mich als Schüler bedeutet die Unterbrechung der Klausurenhölle kurz vor dem Abitur und den Weichenstellungen für mein Leben nämlich auch eine Verschnaufpause.

Zeit für das Wesentliche

Bis vor einem Monat musste ich mich zum Beispiel montags bis freitags um 6.30 Uhr aus dem Bett quälen und in die Schule hetzen. Jetzt wache ich ausgeschlafen auf, liege noch einige Zeit wach im Bett und sammle die Gedanken, die wild durch meinen Kopf geistern. Seither erinnere ich mich immer öfter an meine Träume.

Sie handeln stets von einer Person, die mir sehr nahestand. Sie ist Ende des vergangenen Jahres verstorben. Ich fange nun an, mich mit meiner Trauer darüber auseinanderzusetzen. Es zieht mich immer öfter an das Grab, immer öfter gedenke ich diesem Menschen. Der Stress der Abiturvorbereitungen ließ lange wenig Raum dafür, aber plötzlich wird das Wesentliche im Leben wieder sichtbar. Und das tut gut.

Der Kopf wird frei, genauso wie all die Stunden des Tages. Es gibt vieles, das man sich so oft vornimmt, aber immer aufschiebt. Ein Buch lesen, Sport treiben, Gitarrespielen lernen - jetzt ist endlich Zeit, all das anzupacken. Soziale Medien sind aktuell voll mit Heimtraining-Sessions, Yoga-Übungen und Versuchen, mit der Ukulele ein Lied auf die Reihe zu bekommen. Kreative Köpfe beginnen neue Projekte. Es wird gezeichnet und gesungen, philosophiert und gedichtet. Junge Menschen entdecken Briefe und Postkarten für sich. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Der Zauber der Natur

Auch über den Zauber der Natur kann ich wieder staunen. Seitdem die Schule geschlossen hat, habe ich mich fast jeden Tag auf das Fahrrad geschwungen oder bin zumindest eine kleine Runde in den Wäldern spazieren gegangen. Die warmen Sonnenstrahlen, die Vögel, die man von den Baumwipfeln singen hört, und ein tiefer Atemzug voller Waldluft. Das ist Erholung pur. Diese Ausreißer aus dem Haus sind noch erlaubt und können sich wie Urlaub anfühlen. Solche kleinen Momente sind die großen Geschenke, die ich in diesen Wochen ohne Hetze und ohne Stress neu zu schätzen lerne.

Genauso realisiere ich jetzt, da ich meine Freunde nicht mehr treffen kann, wie wertvoll es ist, sie zu haben. Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt, hören sich die eigenen Gedanken an, erzählen von ihren und geben ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Was man sagt, ergibt Sinn, weil es ein Gegenüber gibt. Dank der Errungenschaften unserer Zeit ist dieser Austausch immer noch problemlos möglich: Videochats über Skype oder WhatsApp haben schon viele Abende allein im Zimmer zu einer kleinen Feier werden lassen. Dass wir trotz der Ausgangsbeschränkungen in Kontakt bleiben, zeigt einmal mehr, wie wichtig uns soziale Kontakte und Freundschaften sind. Mehr noch: Ihre Bedeutung wird auf eine neue Ebene gehoben, die uns auch nach der Pandemie weiter prägen wird.

Dürfen wir das genießen?

Aber dürfen wir froh sein über diese dazu gewonnene Zeit der Ruhe? Wir finden uns in einem Konflikt wieder. Es wird auf der einen Seite von einer der größten Herausforderung der Bundesrepublik gesprochen, vergleichbar mit der Wiedervereinigung oder gar dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Soll deshalb alle Aufmerksamkeit einzig diesem Thema gelten? Die Forderung wäre berechtigt, blickt man auf die vielen Leidenden und Toten. Für mich und viele andere Abiturienten öffnet sich dadurch andererseits eine nicht erahnte Tür der inneren Einkehr. Ob wir das genießen dürfen? Ganz klar: Ja!

Wir müssen die Möglichkeiten, die sich aktuell auftun, nutzen, denn dann können wir langfristig gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen: als krisenerprobte Jugendgeneration. Wir finden dadurch wieder zu uns selbst. Wir entdecken unsere Kreativität neu. Wir wertschätzen uns selbst und unsere Umwelt wieder stärker. Das ist die perfekte Grundlage, um darauf die kommenden Jahrzehnte zu gestalten.

Wichtig: Solidarität

Aber: Wir sollten dabei nicht egoistisch sein und uns ohne Umsicht im eigenen Glück suhlen, dass wir nicht zur Risikogruppe gehören. Denn jeder Schatten braucht sein Licht - das ist schön, solange man auf der hellen Seite steht. Wir dürfen den dunklen Teil der Pandemie nicht ignorieren. Wir müssen zusammenhalten und Solidarität zeigen. Wir müssen Polizei, Rettungsdienst, Krankenhauspersonal und Lebensmittelversorger als unsere Helden wertschätzen, weil sie unser System vor dem Zusammenbruch bewahren. Wir müssen denen helfen, die zur Risikogruppe gehören, zum Beispiel, indem wir Lebensmitteleinkäufe für sie übernehmen.

Das sind die wichtigen Zeichen des Zusammenhalts, die es braucht, damit wir die Pandemie gemeinsam durchstehen können. Solange wir solidarisch und nicht rücksichtslos handeln, ist es in Ordnung, die entschleunigten Tage für uns selbst zu nutzen. Denn es bleibt uns letztlich nichts anderes übrig, als das Beste aus der Lage zu machen.

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