Kurzgeschichte Magdalena Wutz: "Der Donnervogel" - Teil 2

Der Erzähler blickt im zweiten Teil der Geschichte zurück: Maja und er in den USA. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Eine Geschichte von Magdalena Wutz – Teil 2 von 2

Gegenwart

Wie ein Kind drücke ich meine Nase an der Fensterscheibe der Zelle platt, als ich ein lautes Motorengeräusch wahrnehme. Dann schließe ich die Augen, lehne meine Stirn gegen das kühle Glas und spüre den Atem durch meine geöffneten Lippen. Ich erinnere mich noch an jenen heißen Maitag in den USA. Die Erinnerung ist so klar, dass ich Gänsehaut bekomme.

Vergangenheit

Die vielen Menschen am Flughafen. Die Hitze, die wie ein Wall in der Luft steht, sobald wir den Flughafen verlassen und nach draußen treten. Die Sonnenstrahlen, die unsere Haut zu versengen drohen, als sie durch die Scheiben des Taxis dringen. Ich taste nach dem Kuvert in meiner linken Hosentasche, während sich der Fahrer in den Verkehr einfädelt. Ich spüre es, entspanne mich und lehne mich gegen die Kopfstütze.

Maja hat sich in Embryonalstellung zusammengerollt, den Kopf auf meinen rechten Oberschenkel gebettet. Seit Ewigkeiten warten wir auf die Wirkung der Medikamente, da ihre Reiseübelkeit sie fest im Griff hat. Majas ohnehin schon blasse Porzellanhaut ist schneeweiß, sie atmet durch den Mund, die Augen hat sie geschlossen. Ich streiche ihr das Haar aus der Stirn. Dabei seufze ich, weil ich nichts für sie tun kann. Verdammt, wann wirken endlich die beschissenen Tabletten?

Frustriert knirsche ich mit dem Kiefer. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde. Ich lege die Arme um Maja, als sie in einen unruhigen Schlaf driftet. Der Taxifahrer fährt vom Interstate Highway ab und nimmt dann eine County Road in Richtung Westen. Wir biegen in ein kleines Dorf ab, das einem Western entstammen könnte. Und die Hitze wird mit jeder Meile, die wir zurücklegen, schlimmer. Die Temperaturanzeige zeigt 98 Grad Fahrenheit an, knapp 37 Grad Celsius. Noch drei Minuten. Nervosität kriecht an meinem Rückgrat entlang und breitet sich in meinem Körper aus. Unterdessen wird Maja wach und setzt sich auf. „Geht’s dir besser?“, frage ich. Sie streicht sich ihren Pony hinters Ohr und nickt. Die kranke Blässe ist aus ihrem Gesicht gewichen, dafür hat ihre Haut einen Hauch von Rosé zurückerlangt. „Ja, danke. Ich glaube, die Tabletten wirken endlich.“ Gott sei Dank. „Du siehst auch besser aus.“ Ich halte ihr die Wasserflasche hin. Dankbar nimmt sie sie und trinkt.

Angespannt knete ich meine Finger, woraufhin Maja mir einen Seitenblick zuwirft und lächelnd ihre Hand auf meine legt. Ich beruhige mich ein bisschen und erwidere ihr Lächeln. Dann male ich Kreise auf den Bereich zwischen Majas Daumen und Zeigefinger. Sie schaudert. Ich lache leise. Während wir beide – und der Taxifahrer vermutlich auch – die letzten Sekunden um die Wette schwitzen und die Klimaanlage auf Hochtouren läuft, wird das Taxi immer langsamer, ehe der Fahrer es auf einem Schotterweg zum Stillstand bringt. Maja und ich reißen gleichzeitig die Türen auf. Nachdem ich bezahlt habe, lädt er unser Gepäck aus. Dann wendet er das Auto und braust mit hoher Drehzahl davon.

Vor Maja und mir befindet sich ein durch loses Geländer eingezäuntes Grundstück. Darauf stehen zwei Hallen und eine Werkstatt. In der Mitte des Zauns ist eine Art Tor, an dem ein Schild mit der Aufschrift „Cars“ hängt. Quietschend gibt das Tor nach, als wir das Gelände betreten. Überall stapeln sich alte Autoreifen, es riecht nach Motoröl und frischem Lack. Die Hitze ist unerträglich.

„Hello, guys!“ Maja und ich fahren herum. Ein älterer, etwas übergewichtiger Mann erscheint in Arbeitskleidung. Er hat graues Haar, das er unter einer Baseballmütze versteckt, wache Augen, Bremsstaub an den Händen sowie eine Zigarre zwischen den Lippen. Er nimmt einen Zug, bevor er den Kopf zur Seite neigt. „The bird, am I right?“ Er verzieht seinen Mund zu einem schelmischen Grinsen. Wie die Zigarre dabei zwischen den Lippen bleibt, ist mir ein Rätsel. „The bird“, sage ich und wechsle einen Blick mit Maja. Sie lächelt mich an und mein Herz schlägt höher. „Yes“, füge ich noch hinzu, obwohl es wahrscheinlich völlig idiotisch rüberkommt. „Well, follow me.“

Er nimmt noch einen Zug von seiner Zigarre und führt uns in den hinteren Bereich des Geländes, wo eine Reihe von Neuwagen zum Kauf angeboten wird. Daneben stehen alte Fässer und an der Seite rosten Autowracks vor sich hin. In der Werkstatt arbeitet ein junger Kerl, der uns freundlich zunickt. Der Mann ruft ihm etwas zu, doch ich verstehe kein Wort. Mein Englisch ist noch nie sonderlich gut gewesen. Der junge Kerl zieht daraufhin eine Grimasse und geht wieder seiner Arbeit nach.

Als wir den schmalen Weg zwischen Werkstatt und Hallen entlanggehen, ziehe ich Maja an mich und hauche ihr einen Kuss auf die Wange. Sie errötet und ich grinse, weil sie mich so verdammt glücklich macht. Ein paar Augenblicke suhle ich mich in dem warmen Gefühl, das mich durchströmt, dann betreten wir eine der Hallen.

Maja und ich atmen gleichzeitig ein, dankbar für die kühle Luft, die uns hier umgibt. Aber kaum habe ich die Luft eingesogen, atme ich sie stoßweise wieder aus. Denn nur wenige Meter entfernt steht der Thunderbird. Der gelbe Lack glänzt makellos im Schein der Deckenlampen. Es ist ein Cabrio aus den 1950er Jahren. Die silbernen Felgen mit dem weißen Rand ziehen sofort meinen Blick auf sich, während die Scheinwerfer und der Kühlergrill dem Auto ein freches Aussehen geben. Die Seitenteile, die zum Kofferraum hin kantig zusammenlaufen, verleihen dem Wagen einen besonderen Charme. Ehrfürchtig fahre ich über den Lack und mein Autoherz macht einen Satz. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, wie ein Kind vor Freude in die Luft zu springen. Meine Augen müssen wie Diamanten glitzern, während Majas Mundwinkel sich nur leicht heben, als sie den Thunderbird mustert.

Nachdem ich mich bei der Hebebühne von den Restaurierungsarbeiten überzeugt habe, übergebe ich dem Mann das Kuvert mit dem Geld, das er sogleich öffnet, um die Scheine nachzuzählen, die Zigarre immer noch zwischen den Lippen. Dann nickt er, greift in die Seitentasche seiner Hose und übergibt mir Schlüssel und Papiere. „Good journey back home!“

In dem Moment, in dem ich um mein Auto herumgehe, Maja die Tür aufhalte, unser Gepäck einlade und mich hinters Steuer des Donnervogels setze, schlägt eine Welle allumfassenden Glücks über mir zusammen. Langsam drehe ich den Schlüssel um, was den Ford zum Leben erweckt. Dann nimmt der Wagen das Gas an und ich schiebe meine rechte Hand in Majas linke.

Gegenwart

Ich lasse mich in die Matratze des Bettes sinken und grabe tiefer in den Erinnerungen, die mich lächeln lassen.

Vergangenheit

Auf einer Raststätte, neben dem Thunderbird liegend, essen wir Sandwiches, während hinter dem Kofferraum die Sonne untergeht. Später fahren wir ins Hotel, wo wir mitten in der Nacht aufstehen und beschließen, in die Tiefgarage zu laufen, um den Thunderbird zu betrachten. Ich hebe Maja hoch, werfe ihren Oberkörper lachend über meine Schulter. Sie droht, mir in die Boxershorts zu kotzen, wenn ich sie nicht runterlassen würde. Bei der Vorstellung lache ich laut, stelle sie aber brav auf die Füße. Rasch schlüpfe ich in meine Jeans. Dann laufen wir in die Tiefgarage, wo ich Maja unzählige Küsse stehle. Verdammt, ich bin so beseelt, dass mir das Herz vor lauter Hochgefühl überquillt.

Gegenwart

Ich seufze. Das alles entstammt einer glücklichen Zeit, in der wir noch keine Geldsorgen hatten. Aber ich zähle jeden verdammten Tag hier drinnen. Und ich weiß, dass ich sie irgendwann wiedersehen werde. Ohne den scharfen Blick eines Polizeibeamten im Nacken. Maja und den Thunderbird.

Ende

Teil 1 von Magdalenas Geschichte „Der Donnervogel“ findest du hier.

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