Freischreiben Magdalena Wutz aus Rattenberg erzählt in ihrer Geschichte "Der Donnervogel" von Liebe und Kriminalität

Der Erzähler spielt in "Der Donnervogel" für seine Liebe Gitarre. Doch dann werden die beiden in ihrem Glück gestört. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Eine Geschichte von Magdalena Wutz – Teil 1 von 2

Noch mal“, bittet sie. Ihre Augen sind zusammengekniffen und die Süße ihres Lächelns ähnelt einem Stück Schokolade, das auf der Zunge schmilzt. Ich lasse meine Hand an der Gitarre herunterwandern. „Du hast es gerade zum vierzehnten Mal gehört“, sage ich und schmunzle. Sie legt den Kopf schief, ohne ihre Miene zu verziehen, bevor sie sich rücklings aufs Bett fallenlässt. Die Arme landen neben ihrem Körper und ihr Haar breitet sich fächerförmig auf dem Kissen aus. Sie sieht aus wie ein Engel.

„Spiel es noch einmal“, murmelt sie. „Das hast du beim dreizehnten Mal auch schon gesagt“, sage ich und grinse. Sie zuckt mit den Schultern. „Spielst du es noch mal? Bitte! Wenn du es jetzt spielst, dann sind es fünfzehn Mal. Fünfzehn ist eine schöne Zahl. Bei der Fünfzehn kannst du aufhören.“ Sie legt eine Hand auf ihren Bauch und ich beobachte eine Weile lächelnd, wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt. Einen Herzschlag später gebe ich mich geschlagen.

Ich lege zum fünfzehnten Mal die Hand an und beginne zu spielen. Als die ersten Takte erklingen, fällt das letzte Stück Anspannung von ihr ab und in ihrem Blick spiegelt sich auf einmal so viel wider: Stärke. Mut. „Freiheit“, flüstert sie plötzlich. „Das Lied klingt nach Freiheit.“ Sie richtet sich auf. Ich nehme die Hand von den Saiten. Ich kann nicht beschreiben, was ihre Worte in mir auslösen. Einerseits machen sie mich glücklich, andererseits lösen sie ein schmerzhaftes Brennen in meiner Brust aus.

„Warum hast du aufgehört?“, fragt sie. Anstatt ihr die Wahrheit zu sagen, presse ich die Lippen aufeinander und dränge die Worte zurück. „Bist du vorher nicht frei gewesen?“, will ich stattdessen wissen. Sie senkt den Blick. „Damals? Nein. Jetzt? Vielleicht“, antwortet sie. Ich will gerade etwas erwidern und öffne meine Lippen, um zu sprechen, als es an der Tür klopft.

Maja und ich gehören noch zu den wenigen Menschen in Deutschland, die keine Klingel besitzen. Es ist ein dumpfes Klopfen. Mir schaudert, als ich das Geräusch wahrnehme. Ich erinnere mich. „Erwartest du jemanden?“, erkundigt sie sich. Als ich den Kopf schüttle, springt sie auf und läuft zur Tür. Ich will sie zurückholen. Denn aus dem Augenwinkel habe ich den schwarzen Kombi vor meiner Werkstatt längst wahrgenommen. Ich weiß, um wen es sich handelt und ich hasse mich für das, was ich getan habe, obwohl ich ihr versprochen habe, die Finger davon zu lassen. Verdammt, ich habe es ihr versprochen. Und kein einziges Wort davon gehalten.

Ich beiße mir auf die Lippen und erhöhe den Druck auf meine Zähne, bis ich Blut schmecke. Erst dann höre ich auf. Maja drückt die Klinke hinunter und öffnet die Tür. Sie hat nichts Böses in dem Klopfen gesehen. Ich dagegen fühle mich, als sei das Geräusch der Startschuss für einen wilden Löwen, um mich in Stücke zu reißen. Ich schließe die Augen, sobald ich die Stimme wahrnehme. Es ist die Dame, die beim letzten Mal dabei gewesen ist. Die schrille Frauenstimme werde ich niemals vergessen. Ich lege die Gitarre weg und wische mir fahrig übers Gesicht, bevor ich es mit meinen Händen bedecke. Sie sind schweißnass. Schritte nähern sich. „Lukas?“, fragt Maja. Ihre Stimme bricht und mein Herz zerreißt. Ich verberge das Gesicht immer noch in meinen Händen. Doch ich weiß, dass sie direkt vor mir steht. „Nimm die Hände aus dem Gesicht und sieh mich an!“, raunzt sie und zerrt sie mir aus dem Gesicht. Ich sehe langsam auf. Ihr Schokoladenlächeln ist verschwunden. Stattdessen spiegelt sich Angst in ihren Augen wider. „Warum ist die Polizei hier, Lukas?“ Maja atmet tief durch, dann fragt sie leise: „Hast du wieder an den Kilometerständen herumgedreht?“ Der Blick in ihren Augen entfacht ein schreckliches Gefühl in mir. Ich muss ihm ausweichen und zu Boden sehen.

Maja nickt bitter, macht den Schrank auf, holt eine Tasche heraus und wirft eilig ein paar Klamotten hinein. Mittlerweile stehen die Polizisten ebenfalls im Raum. Sie teilen mir mit, dass ich in dringendem Tatverdacht stehen würde, erneut Kilometerstände von Personenkraftwagen manipuliert zu haben. Um die Messwerte für betrügerische Zwecke zu verfälschen, da ich im Anschluss die Verkaufspreise der Autos auf die neuen Kilometerstände angepasst hätte. Aufgrund dessen sei ich vorläufig festgenommen.

„Du hast mir versprochen, damit aufzuhören. Ich habe dir vertraut. Ich weiß, dass wir das Geld dringend brauchen, aber du hättest den Thunderbird verkaufen können“, ruft Maja, nachdem mir die Kommissare die Handschellen angelegt haben. In ihren Augen glänzen Tränen. Sie so zu sehen sowie bei dem Gedanken, mein Auto verkaufen zu müssen, habe ich das Gefühl, die Eingeweide werden mir abgeschnürt. „Niemals würde ich den Thunderbird weggeben“, stoße ich unter zusammengebissenen Zähnen hervor. „Stell dir vor, manche Menschen müssen Abstriche machen, damit sie über die Runden kommen“, zischt sie. Ich schnaube. Eher friert die Hölle zu, als dass ich den Ford verkaufe. „Mein Gott, wir sind uns einig gewesen, dass wir das gemeinsam hinkriegen. Und jetzt bist du nicht mehr da. Weil du dieses Mal in den Knast gehst!“, ruft sie. Ihre Worte treffen mich mit einer solchen Wucht, dass Galle in mir aufsteigt. Ich ekle mich vor mir selbst, da ich sie mit allem im Stich lasse. All das Vertrauen, das ich mir in den vergangenen Wochen so mühsam bei ihr zurückerkämpft habe, erlischt wie eine Flamme im Wind.

Maja packt ihre Tasche und greift nach dem Autoschlüssel. „Ich nehme den Thunderbird. Der ist dir doch so wichtig“, ätzt sie. Ihre Aussage versetzt mir einen Stich, während mich mein Meisterbrief im Kraftfahrzeugtechniker-Handwerk an der Wand zu verspotten scheint. Das Auto bedeutet mir alles. Und das weiß sie. Aber ich lasse zu, dass sie damit fährt. Weil ich sie liebe.

„Das war’s. Ich bin weg“, meint sie und sieht mich ein letztes Mal an, ehe sie verschwindet. Ich möchte sie aufhalten, zurückholen. Ich will sie nicht verlieren. Um Himmels Willen nicht verlieren. Wenige Minuten später erweckt der Motor den Ford zum Leben. Ich fluche. Ich habe gehofft, dass er nicht anspringt. Aber auf den Thunderbird ist Verlass. In jeder Situation. Er hat mich mit seinen 70 Jahren nicht einmal im Stich gelassen. Maja fährt rückwärts aus der Garage.

Unterdessen werde ich zum zivilen Streifenwagen geführt. Alles scheint in Zeitlupe abzulaufen. Ich steige in den Wagen, die Tür schließt sich, im rechten Außenspiegel sehe ich die Rücklichter meines Oldtimers, welche in meinen Augen auf einmal viel zu grell wirken. Die Polizistin setzt sich neben mich, wenige Augenblicke später fahren wir in die Dämmerung hinein.

Ich habe sie verloren. Sie und ihr Vertrauen. Alles habe ich verloren. Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Pfeil die Dartscheibe. Einige Zeit später sehe ich durch den dünnen Stoff meiner Chinohose, dass mein Handy eine SMS von Maja ankündigt. Ich neige meinen Kopf nach oben. Das Smartphone entsperrt sich. Ein Hoch auf die funktionierende Gesichtserkennung!

Die Polizistin neben mir räuspert sich warnend. Ich lehne mich an die Kopfstütze. „Können Sie mir die Nachricht vorlesen?“ „Ich bin doch nicht die Wohlfahrt“, zischt sie. Ich unterdrücke böse Worte und stoße stattdessen genervt die Luft aus. Da spüre ich, wie die Polizistin zögert. „Na schön“, gibt sie nach und holt das Handy aus meiner Hosentasche. Dann liest sie vor: „Schick mir den Verhandlungstermin und besorg dir eine Gitarre, damit du mir das Lied der Freiheit vorspielen kannst, wenn du in der JVA bist. P.S.: Ich bin liegengeblieben.“ Ich grinse.

Fortsetzung folgt ...

Teil 2 von Magdalenas Kurzgeschichte „Der Donnervogel“ erscheint am Freitag, 16. Oktober 2020 in der Freistunde

 

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