Freischreiben Linksverkehr: Wenn alles andersrum läuft

Achtung, Umdenken erforderlich: Bei Linksverkehr musst du beim Überqueren der Straße immer zuerst nach rechts schauen, bevor du losgehst. Foto: Jens Kalaene/dpa

Wenn der Fahrer plötzlich rechts sitzt und das Auto links fährt, dann ist das nicht unbedingt falsch – zumindest in einigen Ländern. Dort herrscht nämlich Linksverkehr. Johanna Greil (26) erklärt, woher dieses Phänomen kommt.

Wer schon einmal in Großbritannien, Australien oder Indien im Urlaub war und sich dort ein Auto ausgeliehen hat, kennt den aufregenden Nervenkitzel „auf der falschen Seite“ der Straße zu fahren. Doch wieso gibt es eigentlich in diesen Ländern den Linksverkehr? Und in welchen anderen Ländern fährt man überhaupt auf der linken Seite?

Das gesamte Straßennetz der Erde beträgt über 29 Millionen Kilometer (Quelle: World Fact Book 2011). Auf fast neun Millionen Kilometern davon herrscht Linksverkehr. Das ist ungefähr ein Drittel aller Straßen. Wenn man sich die Länder ansieht, so haben 61 der 221 selbstständigen Staaten und Gebiete der Erde Linksverkehr. Also ebenfalls ungefähr ein Drittel. Doch wie kommt es nun dazu, dass einige Länder auf der linken Seite fahren und andere auf der rechten? Es gibt verschiedene Theorien, die die Unterschiede im Straßenverkehr erklären. Eine Sache, die auffällt, ist die deutliche Mehrheit der Rechtshänder unter den Menschen. Im alten Rom wurde daher bereits der Linksverkehr eingeführt, da der schützende Schild über dem linken Arm hing und man einen Angreifer mit dem Schwert in der rechten Hand besser angreifen konnte, wenn man auf der linken Seite der Straße ging.

Linksverkehr im Mittelalter

Auch im Mittelalter finden sich Hinweise darauf, dass der Linksverkehr vorherrschend war. Da man als Rechtshänder sein Schwert links am Gürtel trug, stieg man bevorzugt von der linken Seite auf das Pferd. Dies hat sich bis in die heutige Zeit bewährt: Wir steigen nach wie vor eher von links auf das Rad oder Motorrad. Bei einem Linksverkehr wären wir damit auch beim Auf- und Absteigen besser vor dem vorbeifahrenden Verkehr geschützt, als wir es beim Rechtsverkehr sind.

Doch zurück zu den Zeiten, in denen der Straßenverkehr noch von Reitern und Pferdekutschen beherrscht wurde. Rechtshändige Kutscher saßen bevorzugt auf der rechten Seite des Kutschbocks, um die hinter ihnen sitzenden Fahrgäste beim Ausholen der Peitsche nicht zu verletzen. Da sie rechts saßen, hatten sie einen besseren Überblick über den Straßenverkehr, wenn sie auf der linken Seite fuhren. Wer sich also leisten konnte, auf einem Pferd oder per Kutsche zu reisen, der ritt oder fuhr links. Zu Zeiten der französischen Revolution (1789-1799), erließ der französische Politiker Maximilien Robespierre 1792 für Frankreich ein Gesetz, welches den Rechtsverkehr verordnete. Er wollte damit die Gleichheit aller Bürger erzielen. Unter Napoleon schließlich wurden dessen eroberte europäische Länder ebenfalls zum Rechtsverkehr gezwungen. Die meisten Länder blieben, wie zum Beispiel Deutschland, auch nach dem Ende der Herrschaft Napoleons bei dieser Regelung. Napoleon war übrigens Linkshänder. Für ihn war es also definitiv einfacher, hoch zu Ross mit dem Schwert zu kämpfen, wenn er auf der rechten Seite ritt. Österreich jedoch stellte nach Abzug Napoleons wieder auf den altbekannten Linksverkehr um. Allerdings nicht konsequent: Die Bundesländer Voralberg und Tirol behielten den Rechtsverkehr bei, wodurch in Österreich somit je nach Landesteil auf unterschiedlichen Straßenseiten gefahren wurde. Vor allem Wien sträubte sich aufgrund der hohen Kosten für die Umbaumaßnahmen lange Zeit gegen den Rechtsverkehr. Erst Adolf Hitler führte 1938, 17 Jahre später, eine einheitliche Straßennutzung in Österreich ein. Hitler war es auch, der ein Jahr darauf die ehemalige Tschechoslowakei und Ungarn zur Einführung des Rechtsverkehrs zwang.

In den 20er Jahren wechselten Italien, Jugoslawien und Teile Polens auf die rechte Spur, in den 30er Jahren kamen Luxemburg und Portugal dazu. In Schweden und Island dauerte es bis 1967 beziehungsweise 1968, bis der Rechtsverkehr eingeführt wurde. Diese Länder waren nie von Napoleon oder Hitler besetzt worden und schwenkten als letzte europäische Länder um.

Links galt als vornehm

Warum aber hat sich Großbritannien, und damit der Großteil des Commonwealth dem nie angeschlossen? Eine Erklärung lautet, dass es wohl an der Überheblichkeit der Engländer lag, die Regelung des Festlandes zu ignorieren. Es galt zudem früher als vornehm, links aneinander vorbeizugehen. Man bewahrte sich also auch ein Stück Aristokratie. Denn das gemeine Volk, also der Rest Europas, läuft rechts.

 
 

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